Kira Detenkna lässt sich nicht lange bitten. Behände klettert sie an zwei roten Tüchern hinauf, die von der Sporthallendecke baumeln. In luftiger Höhe angekommen, wickelt sie die Tücher um ihre Füße, lässt den Oberköper nach hinten fallen und öffnet die Arme. Furchtlos baumelt sie über vielen anderen jungen Artisten, die Einrad fahren, auf Bällen balancieren oder jonglieren.

Kira Detenkna von den Humboldinos schwingt sich behände in die roten Tücher, um kopfüber zu schweben. Sie übt beim Jugendzirkustag mit Gloria Bozinovic (Heudorf), Svenja Junge (Humboldt) und Lisa Wegmann (Heudorf).
Kira Detenkna von den Humboldinos schwingt sich behände in die roten Tücher, um kopfüber zu schweben. Sie übt beim Jugendzirkustag mit Gloria Bozinovic (Heudorf), Svenja Junge (Humboldt) und Lisa Wegmann (Heudorf). | Bild: Kirsten Schlüter

Sie alle sind an einem verregneten Samstag aus dem ganzen Bodenseeraum zusammengekommen, um unter professioneller Anleitung gemeinsam neue Kunststücke auszuprobieren. Morgens testen sie viel aus, nachmittags führen die Schüler kleine Choreografien auf und suchen dafür auch selbst ihre Musik aus.

Ob Luftakrobatik, Jonglage oder Einradfahren: Acht Zirkusgruppen aus dem Bodenseeraum probierten in der Halle des Humboldt-Gymnasiums Konstanz neue Kunststücke aus.
Ob Luftakrobatik, Jonglage oder Einradfahren: Acht Zirkusgruppen aus dem Bodenseeraum probierten in der Halle des Humboldt-Gymnasiums Konstanz neue Kunststücke aus. | Bild: Kirsten Schlüter

Wechselnder Gastgeber

Den Jugendzirkustag gibt es schon seit vielen Jahren. Gastgeber ist immer eine andere Gruppierung. Dieses Mal ist das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium an der Reihe. "Ich habe die Zirkus-AG an unserer Schule erst vor einem Jahr gegründet", sagt Martin Leibersperger. Dass die Schüler längst auf ein solches Angebot gewartet hatten, zeigt der Zulauf: Rund 25 Fünft- bis Zehntklässler sind regelmäßig bei der AG dabei. "Wir nennen uns Humboldinos und sind breit aufgestellt", erzählt der Mathe- und Chemielehrer stolz. "Bei uns kann man viele Disziplinen lernen.

Die Leidenschaft für den Zirkus wurde mir eingeimpft", sagt Leibersperger und lacht. "Mein Vater hatte einen kleinen detailgetreuen Zirkus gebaut, mit drehbarer Manege, die sich zu Musik bewegte. Das hat mich geprägt", sagt der Pädgagoge. Er selbst fing als Student an, sich die Grundtechniken fürs Einradfahren, Jonglieren, für Luftakrobatik und Ballbalancieren beizubringen. "Durch Zirkus kann man gut vom Alltag abschalten, danach klappt das Lernen wieder viel besser", meint er.

Training für Körperbeherrschung, Disziplin und Ausdauer

Auch seine Schüler profitieren von der Artistik: "Zirkus trainiert die Körperbeherrschung, die Übungen erfordern Disziplin, Ausdauer und Konzentration", sagt der Lehrer. Diese ganzheitliche Erziehung komme gut an. Vor allem die Treffen mit anderen Jugendlichen, die dieselbe Leidenschaft teilen, reizten seine Schüler: "Die sind hin und weg, was sie bei den Jugendzirkustagen erleben. Dabei entstehen auch neue Freundschaften über Schulgrenzen hinweg."

Sie harmonieren gut beim Jonglieren, obwohl sie sich kaum kennen: Lehrer Klaus Riedel aus Singen (links) und Jeremia Presch aus Tiengen (rechts) sowie im Hintergrund Lea Kleiser aus Immendingen-Hattingen und Tassilo Neubauer aus Hoppetenzell.
Sie harmonieren gut beim Jonglieren, obwohl sie sich kaum kennen: Lehrer Klaus Riedel aus Singen (links) und Jeremia Presch aus Tiengen (rechts) sowie im Hintergrund Lea Kleiser aus Immendingen-Hattingen und Tassilo Neubauer aus Hoppetenzell. | Bild: Kirsten Schlüter

Das bestätigt Gloria Bozinovic von der Einradgruppe Heudorf bei Eigeltingen. "Es ist schön, mal etwas Neues auszuprobieren. An das Tuch habe ich mich vorher nie herangetraut", sagt Gloria. Sie lernt an diesem Vormittag von Schülerin Svenja Junge, die bei den Humboldinos als Übungsleiterin für das Tuchtraining zuständig ist. "Ich betreibe das schon etwas professioneller", sagt sie. Schließlich besucht sie im kommenden Jahr eine Zirkusschule in Stuttgart und überlegt, ob sie nach dem Schulabschluss zwei weitere Jahre anhängt. "Dann wäre ich geprüfte Artistin", erzählt Svenja.

Svenja Junge zieht sich blitzschnell an den roten Tüchern empor und schwingt sich in den Spagat – kein Problem für die Humboldt-Schülerin, die kommendes Jahr eine Zirkusschule in Stuttgart besucht.
Svenja Junge zieht sich blitzschnell an den roten Tüchern empor und schwingt sich in den Spagat – kein Problem für die Humboldt-Schülerin, die kommendes Jahr eine Zirkusschule in Stuttgart besucht. | Bild: Kirsten Schlüter

Ihr Traum ist allerdings mit Schmerzen verbunden: "Aus einem Zirkuscamp komme ich oft mit Blasen und Verbrennungen zurück. Doch der Einsatz lohnt sich", meint sie und klettert geschwind ins Tuch, um einen perfekten Spagat vorzuführen. Am anderen Ende der Halle balancieren Dorothea, Johanna, Rosa, Lilith und Maximilian auf bunten Bällen. "Ich komme gern an einem Samstag in die Schule", sagt Maximilian mit rotem Kopf. "Nur einmal in der Woche Zirkus ist mir fast zu wenig."

Maximilian Neuweiler und Dorothea Brune (von links) von den Humboldinos können nicht nur auf einem Ball balancieren, sondern nebenbei auch noch Ringe werfen.
Maximilian Neuweiler und Dorothea Brune (von links) von den Humboldinos können nicht nur auf einem Ball balancieren, sondern nebenbei auch noch Ringe werfen. | Bild: Kirsten Schlüter

 

Die Jugendzirkustage

Seit einigen Jahren treffen sich Schulen und Vereine aus der Region jeweils im Juni und November zu einem Jugendzirkustag. Im Humboldt-Gymnasium waren dabei: Friwös (Friedrich-Wöhler-Gymnasium Singen), Nellis (Nellenburg-Gymnasium Stockach), Zebrascos (Klettgau-Gymnasium Waldshut-Tiengen), Casaniettos (TV Engen), Moosimos (TuS Iznang), Einradgruppe (SV Heudorf), Meerolinos (TuS Meersburg), Humboldinos (Humboldt-Gymnasium Konstanz). Die Mutter Natalie Neubauer aus Hoppetenzell bei Stockach sagte in Konstanz: "Es gibt erstaunlich viele Angebote in der Region. Ich fahre meine Kinder fast jedes Wochenende zu einem Zirkustreffen, obwohl ich selbst nicht einmal mit drei Bällen jonglieren kann."