Konstanz Jugendliche lernen mit der seelischer Not umzugehen

Die Agentur Urban Skillz und der Hospizverein Konstanz behandeln mit Jugendlichen in einem Workshop das Thema seelische Krisen.

Opa ist tot. Mama hat Krebs und liegt im Krankenhaus. Papa ist weg, einfach so. Solche Situationen ziehen vielen Jugendlichen den Boden unter den Füßen weg. „Was nun?“ Eine Fragen, auf die es oft keine Antworten gibt, noch nicht einmal Gespräche. Darunter leiden Jugendliche. Die mögliche Folge: Sie stürzen in eine seelische Krise. Die Agentur Urban Skillz und der Hospizverein Konstanz wollen das verhindern. Deswegen gab es Workshops für Jugendliche, damit diese am Ende besser mit den Schattenseiten des Lebens umgehen können

Maresa Salchow, Celina Jürvitz und Paula Gloger – drei 14-jährige Mädchen. Sie kichern, ziehen Grimassen, trinken Cola und essen Chips, quatschen über Haare und Outfits. Sie wirken dabei völlig unbeschwert, eben wie ganz normale Teenies. Dann stehen sie aber auf. Sie verlassen ihre Plätze, um auf die Bühne zu treten– vor die Besucher, die jetzt da sind, um zu gucken, was an den vergangenen beiden Tagen im Kinderhaus Edith Stein passiert und entstanden ist. Maresa, Selina und Paula wollen etwas erzählen, etwas weitergeben.

„Im Himmel habe ich einen Menschen, für den ich alles tun würde, um ihn noch einmal zu umarmen. Trauer definiert uns. Sie beeinflusst und beeinträchtigt uns“, spricht Celina. Jedes Wort, das sie sagt, scheint bei den Zuschauern anzukommen. Ihre Botschaft berührt. Im Publikum fließen Tränen.

„Was sind eigentlich diese Erinnerungen?“, fragt Maresa in den Raum. Stille. Sie selbst antwortet: „Sie sind Filme und Bilder in unseren Köpfen. Manche wollen wir nochmal erleben. Bei den schlechten will man die Zeit zurückdrehen und alles anders machen.“ Jetzt ist Paula an der Reihe, sie hat einen Text zum Thema Mut geschrieben. Sie liest ihn vor, ganz langsam. Einen Satz betont sie ganz besonders: „Mut ist, wenn man seine Grenzen überwindet und über sie hinauswächst.“

Die Texte der drei Mädchen gehen in die Tiefe und unter die Haut. Ein Blick in die Gesichter der Zuhörer genügt, um das zu sehen. Aber die Texte sind nicht einfach so entstanden. Es hat Gespräche gebraucht mit den anderen Jugendlichen, die am Workshop teilgenommen haben: damit Worte für Lebensereignisse gefunden werden konnten, für die es oft eigentlich keine Worte gibt. „Wir kennen eine Menge Jugendliche, die Verluste erlitten haben. Worte zu finden, ist ganz schwer.

Aber Trauer braucht Raum und Ausdruck“, erklärt Petra Hinderer vom Hospizverein Konstanz die Idee hinter dem zweitägigen Workshop. Olivia Maciejowski, Geschäftsführerin von Urban Skillz, erzählt, dass „krasse Themen“ wie beispielsweise Suizid, Nervenzusammenbrüche und Selbsthass immer wieder Thema in vorigen Urban Skillz-Workshops waren – aber nur am Rande. Das sollte sich ändern, deswegen das Projekt. „Wir haben den Jugendlichen gesagt: Hier ist der Raum, um darüber zu reden, was euch bewegt“, sagt Olivia Maciejowski, die regelmäßig Projekte mit Kindern und Jugendlichen macht, bei denen getanzt, gesungen und geschauspielert wird.

Eine junge Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte, berichtet den anderen Jugendlichen ganz offen über ihre überstandene Depression. Sie beschreibt sie als Zeit voller „Selbsthass und Wut“. „Ich habe alles in mich hineingefressen. Das war mein großer Fehler“, sagt sie. Aus dieser Lebenskrise hat sie nach zwei Jahren herausgefunden, weil sie anfing, darüber zu reden, erst mit ihrer besten Freundin, dann mit anderen Menschen.

Die Pädagogin und angehende Kinderpsychotherapeutin Inga Oberzaucher-Tölke (31), die den Workshop begleitet, hat auch eine seelische Krise durchlebt und sagt: „Es bringt den Kindern ganz viel, wenn man aus Erfahrung spricht und nicht, weil man mal etwas darüber gelesen hat. Dadurch kann eine Atmosphäre entstehen, in der die Kinder auspacken können, wenn sie denn wollen.“ Trotz der existenziellen Themen, um die es im Workshops geht, wird vor allem auch gelacht: Am Ende der Vorstellung wird zu Hip-Hop und Chart-Musik getanzt. Zusammen mit Olivia Maciejowski improvisieren die Jugendlichen und wirken dabei super locker und gelassen.


Niedrige Behandlungsrate

Seelische Erkrankungen betreffen auch Jugendliche. Mehrere aktuelle Studien belegen, dass ungefähr jeder fünfte Teenager bis zu seinem 18. Lebensjahr einmal eine depressive Phase durchlebt. Die wenigsten Betroffenen werden behandelt, obwohl eine frühe Behandlung eine Heilung wahrscheinlich macht und die Prognosen für die kommenden Lebensjahre wesentlich verbessert. Eine rechtzeitige Therapie kann sogar Leben retten, da depressive Jugendliche einem drei Mal so hohen Risiko unterliegen, im weiteren Lebensverlauf einen Suizid zu begehen. Das ergab eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Jeden zweiten Tag nimmt sich ein deutscher Jugendlicher das Leben. Vorurteile und Diskriminierung gehören zu den bedeutendsten Gründen, die psychisch Erkrankte abhalten, sich professionelle Hilfe zu holen. Die gute Nachricht: Seelische Erkrankungen sind in den allermeisten Fällen behandelbar. Ärzte und Psychologen zeigen in Therapien Möglichkeiten auf, mit ihren Problemen umzugehen. Die Behandlung kann durch Medikamente unterstützt werden. (meh)

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