Am Anfang stand eine Erkenntnis. Wenn alles so weitergeht wie bisher, würde die beliebte Fasnacht in einigen Jahren, überspitzt gesagt, nur noch im Pflegeheim oder beim Seniorentreff stattfinden. Ein Alleinunterhalter mit Heimorgel, koffeinfreier Kaffee, lactosefreier Sahnekuchen, Luftschlangen, Konfetti und etwas schunkeln. "Wir wollen mit alten Konventionen brechen", sagt Simon Schafheitle, der zusammen mit Christiana Gondorf und Mario Böhler die Hall of Fame Fasnachtsedition organisiert – eine Art Castingshow für Nachwuchstalente der Fasnacht, die auf der kleinen Bühne im Foyer der Spiegelhalle ihr Können präsentieren können.

Gemeinsam mit der Narrengesellschaft Niederburg und dem Schülerparlament realisiert das Junge Theater zum vierten Mal das Open-Stage Projekt. Schüler und Studenten zeigen, wie ihre Fasnacht aussieht. Egal ob Tanz, Rap, Beatboxen, Gesang, Textbeiträge – allein oder in der Gruppe – die Spiegelhalle wird zur Performance-Arena für junge Künstler.
Gemeinsam mit der Narrengesellschaft Niederburg und dem Schülerparlament realisiert das Junge Theater zum vierten Mal das Open-Stage Projekt. Schüler und Studenten zeigen, wie ihre Fasnacht aussieht. Egal ob Tanz, Rap, Beatboxen, Gesang, Textbeiträge – allein oder in der Gruppe – die Spiegelhalle wird zur Performance-Arena für junge Künstler. | Bild: Axel Hierling

Die Hall of Fame für junge Künstler vom Stadttheater existiert schon lange, seit ein paar Jahren nun gibt es die närrische Version. "Bisher war es doch immer so bei Fasnachtssitzungen: Es gab im Vorfeld eine leitende Person, die den gesamten Ablauf einer Veranstaltung bestimmt und sagt, was lustig und was nicht lustig ist." Doch genau das sei eben nicht mehr zeitgemäß – und auch völlig am Grundgedanken vorbei, erklärt Mario Böhler: "Fasnacht ist doch die größtmögliche Freiheit."

Bunt und frei geht es zu in der Spiegelhalle: Wer eine Bütt möchte, bekommt die; wer rappen möchte, der darf rappen; wer einen Poetry Slam vorführen möchte, der soll das machen. "Wir möchten zum Mut auffordern", sagt Christiana Gondorf. "Niemand bestimmt, was erlaubt ist und was nicht."

"Hürden abbauen"

Was sich zunächst anhört wie eine fasnächtliche Revolution, ist nichts anderes als der Versuch, die Fasnachter der nächsten Jahrzehnte zu rekrutieren. Je mehr Freizeitmöglichkeiten sich heute den jungen Menschen bieten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann bei den Fürstenberglern, den Quakern, der Niederburg oder bei den Paradiesvögeln landen.

"Mit der alten, traditionellen Fasnacht locken wir heute keine jungen Menschen mehr hinterm Ofen hervor", ist Simon Schafheitle überzeugt. Er möchte die Tradition gar nicht verunglimpfen – ganz im Gegenteil: Ohne sie ginge es nicht und ohne sie wäre auch er nicht zur Fasnacht gekommen, "aber es geht darum, dass wir Hürden abbauen und den Einstieg attraktiv gestalten". Darum ginge es bei der Hall of Fame: "Wir laden jeden ein, am 5. Februar, um 19 Uhr in die Spiegelhalle zu kommen. Wer möchte, kann sich auch dort noch für eine Nummer anmelden. Alles ist möglich."

Mit der Muttermilch aufgesaugt"

Kai Lehmann, der Zunftmeister der Mainauer Paradiesvögel, weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig der frühe Kontakt mit der Fasnacht und den Traditionen ist. "Ich selbst habe das quasi mit der Muttermilch aufgesaugt", erzählt er. "Mein Vater hat mich als kleinen Bub immer mitgenommen und damals wurde ich von dem Virus infiziert." Seine beiden Töchter sind ebenfalls fasnächtlich unterwegs: Die Ältere der beiden macht die Technik bei der Saalfachnacht auf der Mainau, die Jüngere ist bei den Alabock in Dingelsdorf in der Garde aktiv. Die Paradiesvögel sind eine Betriebszunft, das heißt, nahezu alle Mitglieder arbeiten auf der Mainau.

"Trotzdem haben auch wir gewisse Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren", erklärt Kai Lehmann. "Heute will sich nicht mehr jeder in einem Verein binden. Wichtig ist, dass die Tür zu den Zünften immer offen ist, sich niemand abschottet." Wer in jungen Jahren versuchsweise reinschnuppern darf und so auf den Geschmack kommen kann, ist womöglich der Zunftmeister von morgen.

Von Anfang an involviert

Auch bei den kleineren Vereinen wie den Wollmatinger Giraffen klappt die Nachwuchsarbeit. "Bei uns kann jeder von Anfang an mitreden und das Programm gestalten", sagt Präsident Bernfried Streibert nach der Premiere des Bunten Abends. "Es ist nicht so, dass wir sagen: Jetzt mach erst mal zwei, drei Jahre, dann schauen wir mal." So fanden sich auch in der Giraffen-Garde Fasnachtstalente wie Elena Dotzauer, die dieses Jahr einige Rollen im Programm übernahm.

Tanzte erst in der Garde und spielt seit zwei Jahren bei den Bunten Abenden der Wollmatinger Giraffen immer mehr Rollen: Elena Dotzauer.
Tanzte erst in der Garde und spielt seit zwei Jahren bei den Bunten Abenden der Wollmatinger Giraffen immer mehr Rollen: Elena Dotzauer. | Bild: Oliver Hanser

Ein leuchtendes Beispiel von gelungener Nachwuchsarbeit der Konstanzer Fasnacht ist Yasin Amin – auch wenn der junge Mann mit Konstanzer Mutter und ägyptischem Vater am Schmutzigen Dunschtig schon im Kinderwagen durch die Gassen der Altstadt geschoben wurde. Seit zwei Jahren tritt er bei der Hall of Fame auf – und vor einem Jahr durfte er bei der Konzil-Fernseh-Fasnacht einem großen Publikum als Neuentdeckung aus der Hall of Fame 2016 seine Künste präsentieren.

Yasin Amin kam durch seine Mutter Monika zur Fasnacht und schaffte durch die Hall of Fame den Durchbruch. "Meine Mutter hat mir den Sinn erklärt."
Bild: Oliver Hanser

An der Seite von Michael Kaltenbach, der mit seinem Lied von der Konstanzer Fasnacht den traditionellen Part übernahm, riss er die Menschen zu Beifallsstürmen hin. Er beschrieb, wir er als Kind zur Fasnacht kam und was die fünfte Jahreszeit für ihn bedeutet.

Das Zusammenspiel von Tradition und Moderne machte den Auftritt des kongenialen Duos zu einem, wenn nicht dem Höhepunkt des Abends. Yasins Mutter Monika war als Münsterhexe so etwas wie die Lehrmeisterin für Yasin und seinen Bruder Noah. "Ich bin ihr so dankbar. Sie hat uns den Sinn erklärt, und seither lieben wir diese tolle Tradition", sagt Yasin Amin, der ebenfalls Mitglied bei den Münsterhexen ist und die Nebelhexen gründete. Eine Gruppe, die sich zusammensetzt aus Münsterhexen und Frichtle. "Da unsere eigentlichen Vereine nicht immer unterwegs sind, haben wir die Nebelhexen gegründet, damit wir wirklich jeden Tag von morgens bis abends auf der Gass' sein können", sagt er lachend.

Fasnacht für die Jungen

Nach den großen Erfolgen der „Hall of Fame-Fasnachtsedition“ in den vergangenen Jahren gibt es 2018, am 5. Februar, um 19 Uhr im Foyer der Spiegelhalle eine Neuauflage. Gemeinsam mit der Konstanzer Narrengesellschaft Niederburg von 1884 e.V. und dem Konstanzer Schülerparlament realisiert das Junge Theater Konstanz erneut das viel beklatschte Open-Stage Projekt. Schüler oder Studenten zeigen, wie ihre Fasnacht aussieht. Egal ob Tanz, Rap, Beatboxen, Gesang, Textbeiträge – allein oder in der Gruppe – die Spiegelhalle wird zur Performance-Arena für junge Künstler. Hier ist Platz, um Fasnacht neu zu definieren, altbekannten Fasnachtsklassikern ein anderes Gewand zu verpassen oder einen ganz unabhängigen Beitrag zu liefern. Den Talenten werden keine Grenzen gesetzt: vom Schlagzeugsolo, über Saltos rückwärts bis hin zur lyrischen Ekstase. Konfetti-Regen für alle ist garantiert und nach der Show wird gemeinsam gefeiert.