Manchmal reichen drei Sätze:

Erstens: Die Inszenierung des Stücks "Mein Kampf" mit Premiere am 20. April und der Versuch, Besucher zum Tragen eines gelben Sterns oder eines Hakenkreuzes zu zwingen, war ein Skandal.

Zweitens: Die Vorgänge am Theater Konstanz haben das Ansehen der Stadt beschädigt.

Drittens: Viele Medien haben kritisch darüber berichtet, aber immerhin haben einige aufgenommen, dass Kulturbürgermeister Andreas Osner sich von dem Projekt distanzierte.

Gelber Stern und die Karte bezahlen oder Hakenkreuz und dafür freien Eintritt? Die Verpflichtung zu einer der beiden Möglichkeiten bezeichnete das Theater als Teil der Inszenierung und ließ sie dann aber doch fallen.
Gelber Stern und die Karte bezahlen oder Hakenkreuz und dafür freien Eintritt? Die Verpflichtung zu einer der beiden Möglichkeiten bezeichnete das Theater als Teil der Inszenierung und ließ sie dann aber doch fallen. | Bild: Jörg-Peter Rau

Das ist auch schon die wesentliche Erkenntnis, die den Konstanzer Steuerzahler 13.000 Euro kostet. Die so genannte Medienanalyse, die Osner bei einer Hamburger Agentur bestellt hatte, umfasst ohne Inhaltsverzeichnis und Anhänge 25 Seiten und dürfte den Auftraggeber in seinen Annahmen weitgehend bestätigten.

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Bisher wird das Papier als Geheimdokument eingestuft

Das Papier, das dem SÜDKURIER vorliegt, soll am Dienstag Gegenstand einer Sondersitzung des Kulturausschusses (16 Uhr, Ratssaal) werden, sie ist nach Angaben der Stadtverwaltung öffentlich. Zugleich hatte Osner aber in einem Schreiben an die Stadträte die Analyse "ausdrücklich" als vertraulich klassifiziert und sie nicht wie sonst üblich elektronisch, sondern in schriftlicher Form verschickt. Auch im öffentlichen Bürgerinformationssystem ist sie nicht einzusehen.

Auf einigen der 25 Seiten stehen fast nur Zitate aus Artikeln

Jedes Exemplar enthält auf jeder Seite den Namen des Ratsmitglieds, für den es gefertigt wurde. Die Analyse beschreibt zunächst die Untersuchungsmethode, präsentiert dann Ergebnisse und endet schließlich mit einem kurzen Kapitel, das "Analyse und Bewertung" überschrieben ist. Die Seiten 14 bis 18 bestehen überwiegend aus der Wiedergabe von Texten, die in Zeitungen und auf Internetseiten veröffentlicht wurden.

Die Analyse soll offenbar nicht-öffentlich bleiben

Osner selbst beantwortete Fragen des SÜDKURIER ausweichend: Auf die Fragen: "Warum ist eine öffentliche Sitzung geplant, wenn BM Osner die Stadträte per Mail auf die Vertraulichkeit des Gutachtens hinweist?" Und: "Wird der Inhalt des Gutachtens noch öffentlich gemacht?" ließ er am Dienstagabend mitteilen: "Die Medienauswertung war nie für eine öffentliche Diskussion vorgesehen, sondern für die interne Reflexion. Daher wurde die Auswertung konsequenter Weise in Papierform als nö (nicht-öffentliche, die Redaktion) Unterlage versandt.

In vielen Artikeln bekam das Theater nicht gerade gute Presse

Untersucht hat die Studie nach eigenen Angaben fast ausschließlich deutschsprachige Medien und nutzte dafür über einen Dienstleister die Datenbank Genios, in die unter anderem auch der SÜDKURIER Inhalte einspeist und die gegen Gebühr von jedem genutzt werden kann. In der Summe seien 1199 Beiträge gefunden worden, heißt es, mehr als die Hälfte von ihnen wurde im Internet veröffentlicht.

Da ging das Theater noch davon aus, dass Besucher Hakenkreuz-Binden tragen würden: Warnhinweis am Premierenabend.
Da ging das Theater noch davon aus, dass Besucher Hakenkreuz-Binden tragen würden: Warnhinweis am Premierenabend. | Bild: Jörg-Peter Rau

In genau 13 Artikeln habe sei eine "direkte negative Zuweisung für die Stadt Konstanz" erfolgt, in 343 habe das Theater in der Kritik gestanden. In nur zwei Artikeln habe es dagegen eine positive Wertung für die Stadt und in 59 Artikeln Lob für das Theater gegeben. Weiter in der Auswertung sind zwei Briefe und E-Mails enthalten, die Osner offenbar für die Analyse weitergegeben hatte, sowie die bekannte öffentliche Erklärung der Konstanzer Synagogengemeinde.

An einer Stelle geht es auch um den Intendanten selbst

In einer Passage der Studie geht es auch um den Intendanten des Theaters, den namentlich nicht genannten Christoph Nix. Der "Tabubruch", also die unangemessene Verwendung von Symbolen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, falle stets auf den Tabubrecher zurück, heißt es in der Analyse und dann wörtlich: "Im hier diskutierten Fall ist dies vor allem mit dem Städtischen Theater und seinem Intendanten geschehen."

Vor dem Theater gab er Interviews, die Premiere wollte er nicht besuchen: Kulturbürgermeister Andreas Osner (links) am 20. April.
Vor dem Theater gab er Interviews, die Premiere wollte er nicht besuchen: Kulturbürgermeister Andreas Osner (links) am 20. April. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Allerdings falle dies ein stückweit auch auf die ganze Stadt zurück, wobei: "Hier ist positiv zu vermerken, dass Bürgermeister Dr. Osner mit seinen immerhin 64 Mal zitierten öffentlichen Distanzierungen, dieser Verantwortung der Stadt im Rahmen des Möglichen gerecht wurde." Nix selbst war die in die Aufarbeitung nicht eingebunden und wusste bis zu den Recherchen des SÜDKURIER noch nicht einmal davon, dass Osner überhaupt eine Studie in Auftrag gegeben hatte.

"Nennenswerter Reputationsschaden entstanden"

Im Fazit kommt die Untersuchung zu dem Schluss, der Osner zugleich in seiner Auffassung bestärken und politisch unter Druck setzen dürfte: "Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass für die Stadt Konstanz durch diesen Skandal und die umfassende negative Berichterstattung ein nennenswerter Reputationsschaden entstanden ist."

Vor den Stadträten wird Osner am Dienstag einiges zu erklären haben, nachdem alle Fraktionen sein Vorgehen in seltener Einigkeit harsch kritisiert hatten. Der Bürgermeister selbst weiß offenbar, dass schwere Stunden auf ihn zukommen. Er könnte die aufgekommene Irritation verstehen, ließ er die Stadträte schon mal wissen, und er stelle sich selbstverständlich der Kritik.

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Und worum ging es nochmal?

Am Theater Konstanz wurde "Mein Kampf" des Dramatikers George Tabori gezeigt. Es setzt sich mit Adolf Hitler als jungem Mann auseinander und gilt als wesentlicher Beitrag zur Demontage des späteren Gewaltherrschers. Bereits das Premierendatum 20. April sorgte für Empörung, denn es ist der Tag, an dem Hitler geboren wurde. Überdies sollten Besucher dazu verpflichtet werden, einen gelben Stern oder für eine Freikarte ein Hakenkreuz zu tragen. Zwei Tage vor der Premiere nahm das Theater diese als Teil der Inszenierung bezeichnete Regelung zurück.