Wir sind keine Großstadt, wir besitzen keine EU-Institutionen wie Straßburg oder Brüssel, uns schmückt kein EU-Parlament oder Europarat und dennoch können wir auf kommunaler Ebene über europaweite Themen diskutieren und etwas bewirken – durch Städtepartnerschaften. Das Europakonzil lud dieses Jahr 100 Jugendliche und junge Erwachsene aus Konstanz und den Partnerstädten Lodi (Italien), Fontainebleau (Frankreich), Richmond upon Thames (England) und Tábor (Tschechien) ein, um gemeinsam über die Zukunft Europas zu beraten.

An fünf Tagen wurden in Gruppen Diskussionen geführt, Ideen ausgetauscht und neue Lösungsansätze für europäische Probleme erarbeitet. Junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren beschäftigten sich intensiv mit den Themen Brexit, Flüchtlingen, Bildung, Arbeit, Verantwortung der Presse und Zusammenhalt in Europa. Denn eins zeigte sich in den Entwicklungen der letzten Jahre, in denen EU-kritische Parteien wie AfD, Front National und FPÖ immer mehr Wähler gewannen: Gerade die jungen Generationen sind es, die für europäischen Zusammenhalt einstehen.

Das sind die Partnerstädte von Konstanz. | Bild: sk

Seit Jahrzehnten machen Konstanzer Vereine Ausflüge zu den ausländischen Gemeinden. Es finden zudem Schüleraustausche mit Tábor, Fobtainebleau und Richmond statt. Dennoch empfinden die Teilnehmer des Europakonzils diese Kooperationen als entschieden zu wenig. Sie fordern mehr Kommunikation und mehr Solidarität in Europa und zwischen den Städten. Die Teilnehmer haben deshalb Projekte entwickelt, die eine engere Verbindung schaffen sollen. Dabei wurden sie von Entscheidungsträgern aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft unterstützt. Bei den Projekten handelt es sich unter anderem um einen Flüchtlingsaustausch, einen Arbeitsaustausch, einen Festivalpass und eine internationale Website.

Der SÜDKURIER lud acht Teilnehmer des Europakonzils zu sich ein, um mit ihnen über ihre Eindrücke, Projekte und Meinungen zu Europa zu sprechen.

Flüchtlinge sollen Thema werden

„Wenn man schnell gehen möchte, soll man alleine gehen. Möchte man weit gehen, geht man zusammen”, erklärt Daniel Voigt. Der 18-Jährige aus Tábor sieht den Mangel an Kommunikation in Europa als großes Problem. Ihm kommt es so vor, als würden die Länder sich immer weniger untereinander austauschen. Er nahm am Europakonzil teil, weil er neue Menschen kennenlernen, miteinander diskutieren, auf andere Meinungen treffen wollte.

Daniel Voigt (18) <sup></sup>aus Tábor
Daniel Voigt (18) aus Tábor | Bild: Elena Metzl

Er sei sehr überrascht worden. Tschechien habe gerade mal 3000 Flüchtlinge aufgenommen, die Einwohner würden eine Situation wie in Konstanz überhaupt nicht kennen. Im Rahmen des Europakonzils wurde deshalb ein Projekt entworfen, bei dem Flüchtlinge einen Austausch nach Tábor machen dürfen, um etwaige Vorurteile auszuräumen.

Domino-Effekt vermeiden durch europäische Zusammenarbeit

Die drei Italienerinnen Sara Tomasoni, Alessia Ferrari und Giada Passamonti aus Lodi haben alle auf unterschiedliche Weise ihr Interesse an Politik entdeckt. Tomasoni meint, sie habe sich schon immer für das Thema interessiert, da die Entscheidungen der Politiker direkt die italienische Bevölkerung betreffen würden. Ferrari sagt, sie habe über das Europakonzil bessere politische Kenntnisse erhalten. Passamonti hat sich informiert als die norditalienische Region Lombardei über mehr Autonomie abstimmte.

Ferrari erzählt, wie die Teilnehmer des Europakonzils gemeinsam nach Lösungsansätzen zum Brexit suchten. Wichtig sei auch gewesen, sich zu überlegen, wie man einen Domino-Effekt vermeiden könnte. „Es war sehr schwierig. Viele Leute aus Richmond standen uns zur Seite, die sich auch sehr anstrengten”, erzählt sie. Ferrari ist überzeugt davon, dass eine verbesserte europäische Zusammenarbeit weitere Austritte aus der EU in Zukunft vermeiden könnte.

Alessia Ferrari (18, links), Giada Passamonti (17, Mitte) und Sara Tomasoni (17, rechts) aus Lodi | Bild: Elena Metzl

Tomasoni beschäftigte sehr die Flüchtlingskrise, die gerade in Italien äußerst präsent sei. Migration müsse in vielen EU-Ländern mehr beleuchtet werden. Sie nannte als Beispiel das EU-Land Tschechien, wo Medien und Politiker die Problematik kaum aufgreifen würden. Der Umgang der Presse mit dem Thema sei jedoch in vielen europäischen Ländern ein Problem. Informationen müssten international besser vermittelt werden.

Mehr Projekte für junge Leute

Lisa Schommer arbeitete gemeinsam mit anderen Teilnehmern aus Konstanz bereits seit Monaten an einem Festivalpass. Mit ihm soll man in Zukunft in allen fünf europäischen Partnerstädten ein Festival besuchen können. Die 21-Jährige war im September auf dem Mittelalterfest in Tábor, dem auch die Konstanzer Feuerwehr und zwei Konstanzer Musikvereine beiwohnten. Dieses Fest wird zukünftig in den Festivalpass aufgenommen, genauso wie das Campusfestival in Konstanz ab 2018.

Lisa Schommer (21) aus Konstanz
Lisa Schommer (21) aus Konstanz | Bild: Elena Metzl

Das Projekt soll vor allem auch junge Menschen ansprechen und für Städtepartnerschaften begeistern. „Die ältere Generation macht schon mit, nur kommt von der jüngeren kein Nachwuchs”, beschreibt sie das Problem. Auch müsse man Politik für jüngere Menschen attraktiver machen.

Verbindungen knüpfen trotz Brexit

Früher habe sie sich nicht für Politik interessiert, gesteht die Engländerin Jennifer Sutherland aus Richmond. Sie beschreibt ihre vergangene Haltung als apathisch, bis dann das Thema Brexit aufkam. Die Verkündung des baldigen Austritts war zufällig genau an dem Tag, an dem Sutherland ihren Hochschulabschluss machte. Die Stimmung habe mehr einer Beerdigung geglichen, als einem Festakt, erzählt die 24-Jährige. Sie und Gleichaltrige hätten sich keineswegs über den bevorstehenden Austritt gefreut. Dieses Jahr entschied Sutherland, im Europakonzil mitzuwirken um Wege zu finden, mit dem Kontinent in Verbindung zu bleiben.

Jennifer Sutherland (24) aus Richmond
Jennifer Sutherland (24) aus Richmond | Bild: Elena Metzl

Besonders begeistert war sie von den Sprachkenntnissen der anderen Teilnehmer, mehr als die Hälfte seien mindestens dreisprachig. Mit den Städtepartnerschaften könne Richmond Kontakte mit Europa knüpfen, unabhängig von der nationalen Politik. „Das ist optimistisches Denken, aber ich hoffe die Vernunft siegt noch im Vereinigten Königreich, dass Europa für uns erreichbar bleibt mit offenen Grenzen und freiem Handel.”

Zeit für europäische Gesetze

Wenn man die 16-jährige Clémentine Richer aus Fontainebleau fragt, weshalb sie am Europakonzil teilnehmen wollte, dann antwortet sie: „Debatten sind sehr wichtig”. In Frankreich diskutiere man in der Schule nämlich kaum über europäische Themen. „Die meisten wissen gar nicht, dass sie in einer Städtepartnerschaft sind”, erzählt die Französin Jeanne Albat in fast akzentfreiem Deutsch. Die 17-Jährige machte bereits in der Vergangenheit mit ihren Eltern Urlaub in Konstanz, jetzt kehrte sie im Rahmen des Europakonzils zurück.

Gerade der Rechtsdruck in Europa gibt Albat zu Bedenken. In Frankreich haben viele Menschen den rechtsextremen Front National gewählt, für die Französin ein Zeichen, „dass wir in Europa eindeutig mehr zusammenhalten, mehr nachdenken müssen”.

Clémentine Richer (16, links) und Jeanne Albat (17, rechts) aus Fontainebleau | Bild: Elena Metzl

Richer meint: „Wir helfen nicht genug. Wirtschaftlich und sozial haben wir auf keinen Fall was richtig gemacht”. Sie denkt, dass mehr gemeinsame europäische Gesetze viele Probleme lösen könnten, wie beispielsweise das Ost-West-Gefälle in Europa. Jeder sei anders, die Länder hätten alle unterschiedliche Meinungen, aber mit dem Europa-Parlament sei bereits ein Organ gegeben, mit dem diskutiert und gemeinsam an europäischen Gesetzesentwürfen gearbeitet werden kann.

Auch auf kommunaler Ebene könne man das Gemeinschaftsgefühl wieder wecken durch Städtepartnerschaften, Austausche und gemeinsame Projekte. Bald soll eine internationale Website für die fünf Partnerstädte entstehen. „Man muss Kontakt halten”, betont Albat und fasst damit zusammen, was wohl die wichtigste Aufgabe der Städtepartnerschaft und der EU ist.