Eine Idee der beiden städtischen Beauftragten für Flüchtlings- und Integrationsarbeit, Janell Lia-Breitmayer und Wolf-Dieter Karle, wurde in Zusammenarbeit mit der Leiterin der Stadtbücherei, Gabi Gietz, und mit der VABO-Klasse des Berufschulzentrums Stockach verwirklicht, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Stockach.

Nach einführenden Worten von Janell Lia-Breitmayer kamen zuerst zwei erwachsene Flüchtlinge zu Wort. Hanif Frotan, ein mittlerweile anerkannter Flüchtling aus Afghanistan, sprach in englischer Sprache, unterstützt durch eine Powerpoint-Präsentation, über seinen beschwerlichen und gefährlichen Fluchtweg – in bewegenden Worten, denn er hatte erst zehn Tage vor dem Vortrag seinen älteren Bruder durch einen mörderischen Taliban-Anschlag in Kabul verloren. Der ausgebildete Journalist zeigte den Zuhörern Bilder seiner Familie und seiner Heimat. Er selbst war während des Afghanistankrieges als Dolmetscher für die US-Streitkräfte tätig gewesen. Deshalb wurde er von den Taliban als Verräter verfolgt und mit dem Tod bedroht.

Sein Fluchtweg ging über Pakistan und den Iran zunächst in die Türkei, wo er zusammen mit anderen Flüchtlingen ins Gefängnis kam. Nach über einem Monat unmenschlicher Behandlung mit Folter konnte er über Griechenland und die Balkanroute nach Deutschland einreisen. Die Flucht kostete ihn über 10 000 Dollar. Seine berufliche Qualifikation verhalf ihm zur Aufnahme in ein Programm der Bundesregierung („Journalisten im Exil“), welches ihm zu einem Praktikum beim SWR verhalf. Als Mitarbeiter der Beschäftigungsgesellschaft im Landkreis Konstanz arbeitet er zusätzlich als Dolmetscher. In einem Integrationskurs lernt er derzeit, die deutsche Sprache zu vervollkommnen.

Der zweite Referent, Rami Ibrahim, kommt aus Syrien. Zusammen mit zwei Schwestern hat der ausgebildete Englischlehrer seine Familie in den Bürgerkriegswirren seines Heimatlandes zurückgelassen. Um Geld für die weitere Flucht nach Europa zu verdienen, arbeitete er zunächst im Irak – dank seiner Sprachkenntnisse – als Rezeptionist in einem Hotel. Mehrere tausend Dollar waren für die drei Flüchtlinge nötig, um die Forderungen der Schleuserbanden für die Überfahrt von der Türkei auf eine vorgelagerte griechische Insel bezahlen zu können. In einem mit 60 Personen total überfüllten Schlauchboot gelang es ihnen, die Insel (nach zweistündiger Ungewissheit, die Überfahrt übers Meer lebend überstehen zu können) unbeschadet zu erreichen. Zwei weitere dieser Boote mit demselben Ziel kenterten dagegen – mit furchtbarem Ausgang für die Flüchtlinge.

Rami Ibrahim nimmt ebenfalls an einem Integrationskurs teil. Da er deshalb noch nicht arbeiten kann, unterstützt der hilfsbereite junge Mann Landsleute und Helfer mit Dolmetschertätigkeiten. Er sei ein verlässlicher Partner in der Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Flüchtlingsbetreuung, so der Integrationsbeauftrage der Stadt Stockach, Wolf-Dieter Karle.

Im Anschluß an die beiden Vorträge hatten die Gäste Gelegenheit, Fragen an die Referenten zu stellen. Die Fragen beschäftigten sich hauptsächlich mit den politischen Verhältnissen als Fluchtgrund, mit der Finanzierung der Flucht und den Bleibevorstellungen der Flüchtlinge. Vier Schüler der Vabo-Klasse am Berufschulzentrum stellten dem Publikum ihren persönlichen Werdegang dar. Zwei der ehemaligen Schüler haben den Hauptschulabschluß erworben und befinden sich jetzt in Ausbildungsverhältnissen als Kfz-Mechatroniker beziehungsweise Fachkraft für Lagerlogistik in Stockacher Betrieben. Zusammen mit ihrer Lehrerin, Christine Angele, stellten sie ihre selbst entworfene und verfasste Broschüre „Hallo Stockach“ vor, quasi ein Leitfaden für Flüchtlinge, der diesen Personen das Leben im Alltag erleichtern soll.

Dieser Abend habe bei allen Anwesenden tiefen Eindruck und Verständnis für Menschen hinterlassen, die ungewollt ihre Heimat verlassen mussten und bei uns die Chance auf ein Leben in Sicherheit und Freiheit suchen, lautet die Bilanz von Wolf-Dieter Karle. Eine Fortsetzung dieser Vortragsveranstaltungen ist für 2017 geplant.

Vabo-Klasse

Die Klasse am Berufsschulzentrum Stockach (BSZ) hat einen langen und sperrigen Namen. Er lautet: "Schulklasse zur Vorqualifizierung für Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse." Deshalb wird der Name intern wie extern mit Vabo-Klasse abgekürzt. Das BSZ kümmert sich intensiv um die Schüler: Die Schülermitverwaltung (SMV) hat im April 2015 einen Spendenlauf für dieses Klasse organisiert; die Klasse selbst macht unter Anleitung ihrer Lehrerin Christine Angele bei verschiedenen Projekten in der Schule mit. (bec)