Zur Person: Bernd Konrad ist 1947 in Schleswig-Holstein geboren. Seine Eltern kamen nach Flucht aus Ostpreußen 1952 nach Konstanz. Von 1968 bis 1979 studierte Konrad an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Der Jazz-Saxophonist hat viele Preise gewonnen, ist Träger des Bundesverdienstordens und hat etliche Konzerte mit Größen der Szene gegeben. 21 Jahre lang leitete der Professor das Landes-Jugend-Jazzorchester.

 

Es ist dieser eine bezeichnende Satz: "In meinem Kopf ist noch so viel Musik, die mal raus muss." Ein Satz, der den Tatendrang des Jazzmusikers mit Weltruf widerspiegelt, die Schaffenskraft und seine Verpflichtung der Musik gegenüber. Anstatt es im Rentenalter ruhiger angehen zu lassen, steht Bernd Konrad weiter unter Volldampf. Am Wochenende hören Festgäste anlässlich der Feierstunden zu 600 Jahre Papstwahl in Konstanz zwei Sätze eines Oratoriums aus der Feder des 70-Jährigen. Gleich nach dem Wochenende wird er sich aber erst einmal Kompositionen in eigener Sache widmen: Konrad wird sie mit Gastmusikern aufführen – wenn er den Landesjazzpreis für sein Lebenswerk erhält.

Studio mit Wohlfühlcharakter

Er nennt es Studio. Keine Mikrofone und in Eierkartons gekleidete Wände, vielmehr eine Wohnung mit Wohlfühlcharakter. Neben dem Sofa steht ein Klavier, ein Nebenraum ist prall gefüllt mit Büchern, in einem Schrank liegen etwa 20 Saxophone, in einer Vitrine hängt Mundstück an Mundstück. Mit Blick ins Freie steht in diesem Raum ein Tisch mit Computer, daneben liegen etliche Notenblätter. Kompositionen Bernd Konrads.

Er hat etliche Werke geschrieben, für Orchester aus Tokio, Stuttgart, Konstanz, für Jazzsolisten in aller Welt, für Theater und Ballettkompositionen, für Filme und Serien. "Der Wal" war eines seiner ersten Stücke. Als Konrad es vor Jahrzehnten geschrieben hat, war das Komponieren noch nicht so einfach. Heute sitzt er an einem Keyboard, setzt Töne aneinander, wenn sie passen, trägt er sie in ein Computerprogramm ein. Es ist in der Lage, die Töne abzuspielen. Das klingt für den Laien wenig nach einem harmonischen Ganzen, der Experte aber kombiniert das Gehörte in ein Gesamtkunstwerk.

Auf diese Weise hat Bernd Konrad die zwei Sätze komponiert, die er mit der Südwestdeutschen Philharmonie, dem Münsterchor und Solisten am Samstag bei einem Festgottesdienst im Münster aufführen wird. Sanctus und Kyrie eleison heißen die Werke. Zeitgemäße Musik und Chöre, die wie vor 600 Jahren klingen. Eine musikalische Zeitreise. Bislang kennt Konrad nur die Rohfassung.

Musik für das Konziljubiläum

Am Freitag folgt die Feuertaufe, die Generalprobe. Was dann nicht passt, muss der Komponist bis Samstag passend machen. Die zwei, insgesamt etwa eine halbe Stunde langen Stücke sind Teil eines Oratoriums. "Das wird sieben bis acht Sätze haben", blickt Bernd Konrad voraus. Bis wann es fertig ist, ist noch unklar. Der 70-Jährige hat noch viele andere Dinge zu tun, nicht weil er muss, sondern weil er will.

Wie er so viele Dinge schon getan hat. Er gilt als Pionier des Jazz, als einer der wichtigsten deutschen Komponisten dieses Genres, er hat einst das Landes-Jugend-Jazzorchester mit gegründet, von 1986 bis 2012 hat Konrad als Professor und Leiter des Instituts für Jazz und Pop in Stuttgart den Nachwuchs ausgebildet. Überhaupt liegt ihm die Förderung von Talenten am Herzen. Mit Tourneen und Konzerten in aller Welt war und ist er ein kultureller Botschafter.

Eine große Leistung, dessen ist sich der 70-Jährige bewusst. Für diese Verdienste verleiht ihm Baden-Württemberg den Landes-Jazzpreis für das Lebenswerk. Da geht fast schon unter, dass ihm Konstanz im Dezember die goldene Ehrennadel der Stadt ans Revers heften will. Konrad engagiert sich auch sozial, indem er zum Beispiel Konzerte zu Gunsten von Flüchtlingen gegeben hat.

70 Jahre - kein Grund ruhiger zu werden

Drei Lebenswerk-Preisträger gab es vor Bernd Konrad: Eberhard Weber, Wolfgang Dauner und Herbert Joos. Nach der Verleihung an den Konstanzer soll so schnell niemand mehr den Preis erhalten. Dauner und Joos werden bei dem Festakt im März dabei sein. Konrad durfte sie zum gemeinsamen Musizieren einladen, ebenso den Jazzer John Surman. Vier Monate Zeit bleiben Bernd Konrad, um bis zur Veranstaltung im Theaterhaus Stuttgart Musikstücke zu schreiben. Für einen Profi wie ihn vermutlich eine lösbare Aufgabe. Das Landesjugendorchester führt "Der Wal" auf.

"Lebenswerk", das klingt nach alt, nach etwas Abgeschlossenem, nach einer Ehrung des Werks gegen Ende des Lebens. Das sieht Bernd Konrad nicht so. Er ist sichtlich stolz über den Preis. Auch, weil er sich an andere Zeiten erinnern kann. In denen sein Genre einen noch anderen Ruf hatte. "Jazz war etwas für Individualisten", sagt der 70-Jährige. Konrad hat vieles dazu beigetragen, dass das nicht mehr so ist.