Motorsägen kreischen im Waldstreifen entlang der Hermann-von-Vicari-Straße in Staad. Im Naturdenkmal Turbenried sind Forst-Experten dabei, 90 bruchgefährdete Eschen in Handarbeit zu fällen. Die Bäume leiden an einer tückischen Krankheit, die das Absterben der Triebe zur Folge hat.

Ein aus Ostasien eingeschleppter Pilz verursacht sie. Böse Folge: Viele Äste und teilweise ganze Teile der Baumkrone sterben ab und drohen, zu Boden zu brechen. Manche Bäume haben noch weitere Krankheiten und sind deshalb nicht mehr standsicher. Die Spezialisten an der Motorsäge bezeichnen die Arbeiten als „extrem gefährlich“. Experten gehen davon aus, dass in den Wäldern um Konstanz rund 90 Prozent des Eschenbestands von diesem Pilz befallen sind.

Das Fällen hat Sicherheitsgründe

Die Bäume entlang der Straße und des Gehwegs im Naturdenkmal sollen aus Sicherheitsgründen weg. In einem von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten empfiehlt der Diplombiologe Markus Pehr vom Sachverständigenbüro für Verkehrssicherheit, Bäume, deren Kronen zu mehr als 50 Prozent abgestorben sind und nahe zur Straße oder zum Weg stehen, wegen der Bruchgefahr zu beseitigen. Einzelne Bäume sind nach seinen Erkenntnissen nicht mehr standsicher.

Das Problem: Das Triebsterben leistet auch anderen Krankheiten Vorschub. An feuchten Standorten, wie hier im Ried, hat bei Schäden an der Rinde etwa der Hallimasch leichtes Spiel, ein weiterer gefährlicher Schadpilz. Manche Eschen kippten schon durch leichtes Antippen um, sagt Christoph Stocker, der für die Technischen Betriebe Konstanz die Arbeiten begleitet.

Bild: Rindt, Claudia

Wann wird eigentlich gefällt – und wann nicht?

Alle vor Ort arbeiten im Auftrag des Amts für Stadtplanung und Umwelt. Dessen Vertreter Martin Wichmann sagt: Die Bäume im Waldinneren würden, wenn möglich, auf Erhalt gepflegt, oder sie dürften natürlich verrotten. Nur an den Rändern zu den Straßen und Wegen brächten Fällexperten schwer geschädigte Bäume in Handarbeit zu Fall. Für die Arbeiter ist das eine riskante Angelegenheit. Immer wieder droht Totholz herabzubrechen. Zum Schutz des Bodens im Naturdenkmal Turbenried komme bewusst keine Großmaschine zum Einsatz.

Antje Boll, Geschäftsführerin des Bund für Umwelt- und Naturschutz in Konstanz, sieht die Notwendigkeit, wegen des Pilzes die Eschen zu beseitigen. Sie spricht sich für weitere Pflegemaßnahmen im Turbenried aus. Es gelte, das Verlanden der Tümpel im Ried zu unterbinden, ebenso das Überwuchern mit Schilf. Offene Biotope seien Mangelware. Libellen bräuchten offene von der Sonne bestrahlte Wasserflächen zur Eierablage und Fledermäuse offene Flächen zum Jagen.

Diese seltenen Tiere tummeln sich im Turbenried

  • Die Artenfülle: Von Wanzen, die auf der roten Liste der Arten stehen, bis zu Weißrandfledermäusen – im Turbenried tummeln sich viele Arten. Das Naturdenkmal gibt dem Springfrosch Lebensraum, der zu den selteneren Froscharten zählt. Er unterscheidet sich vom Grasfrosch durch seine lange, zugespitzte Schnauze. Auch die geschützten Zauneidechsen haben hier Lebensraum gefunden, ebenso wie verschiedene Fledermausarten wie die Zwerg-, Wasser-, Weißrand- oder Rauhautfledermaus. Seit 1998 gibt es einen Pflege- und Entwicklungsplan fürs Turbenried, der im Jahr 2009 aktualisiert wurde. Als Ziel ist darin unter anderem festgelegt, die Tümpel mit dem Röhricht zu erhalten und aufzuwerten, was unter anderem der Wasserfledermaus dient. Sie stellt ihre Beutetiere im Tiefflug über die Wasseroberfläche.
  • Die Geschichte: Das Turbenried ist ein Flachmoor, es erstreckt sich zwischen Hermann-von-Vicari-Straße und Lorettowald. Bis 1939 wurde dort Torf abgebaut. Ein Teil der Fläche wurde bis 1974 als Deponie für Erdaushub, Hausmüll und Bauschutt genutzt, und dann mit Erde bedeckt. 1986 wies die Untere Naturschutzbehörde das Turbenried wegen des hohen Artenbestands als flächenhaftes Naturdenkmal aus. Es umfasst rund 5,4 Hektar. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1995 besagt: Aus den alten Ablagerungen seien keine Gefahren für die Umwelt zu erwarten, und müssten deshalb nicht beseitigt werden.