Der späte Abend des 31. Mai. Ein laut Polizeiangaben offenbar psychisch verwirrter Mann Anfang 30 hatte am Nachmittag in Litzelstetten eine Frau und ein Mädchen ohne Vorwarnung attackiert und geschlagen.

Mehrere Attacken in einer Nacht

Die Attacken fanden im Bereich Holdersteig und in der Nähe der Reitanlage Guckenbühl statt, wie die Polizei auf SÜDKURIER-Nachfrage bestätigte. Ein Mitarbeiter des Reiterhofs verständigte umgehend die Polizei.

Auch ein Zwölfjähriger wurde grundlos angegriffen

Der Täter verschwand in Richtung Dorfmitte, wo er laut Zeugenberichten nochmals durch grundlose Attacken auffiel, unter anderem soll er einen Zwölfjährigen geschlagen haben. Die Opfer trugen laut der Polizei keine schwereren äußeren Verletzungen davon.

Die Terrassentür, die der Mann Anfang Mai laut Polizei mit einem geklauten Nummernschild einschlug.
Die Terrassentür, die der Mann Anfang Mai laut Polizei mit einem geklauten Nummernschild einschlug. | Bild: Schuler, Andreas

In derselben Nacht noch, gegen vier Uhr, zerschlug der Mann die Tür einer Terrasse im Konstanzer Vorort, wie Recherchen des SÜDKURIER ergaben. „Ich habe zunächst Geräusche am Rollladen gehört, den ich nie ganz runterlasse“, erinnert sich Elke Winopal an die Nacht, als sie ganz offenbar überfallen werden sollte. „Ich habe überall Licht angemacht und den Rolladen zur Hälfte hochgezogen, da ich Schuhe durchs Fenster erkennen konnte.“

Blick aus dem Wohnzimmer durch die Terrassentür, die eingeschlagen wurde.
Blick aus dem Wohnzimmer durch die Terrassentür, die eingeschlagen wurde. | Bild: Schuler, Andreas

Da die Person sehr laut war und recht unbeholfen wirkte, sei ihr sofort durch den Kopf gegangen: „Das ist kein Einbrecher. Der will mir etwas antun.“ Sie griff sofort zum Telefon und rief die Polizei. „Der Mann schlug mittlerweile mit seinem Ellbogen gegen das Fenster. Ich hatte Todesangst und lief zu meinen Nachbarn.“ Nach wenigen Minuten waren zwei Streifenwagen am Tatort, wie die Polizei sagt.

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Mehrere Nachbarn wurden nach ihren Erzählungen nun wach und schauten besorgt nach, was sich abspielte. Der Mann hatte mittlerweile das Fenster eingeschlagen, rannte daraufhin aber laut schreiend auf die Straße, noch bevor die Polizei ankam, berichten die Nachbarn. Auf der Straße attackierte er laut Zeugenaussagen eine weitere Person.

Mann wird gefangen und in die Psychiatrie gebracht

Eine SÜDKURIER-Austrägerin, die in diesen frühen Morgenstunden ihrem Tageswerk nachging, gibt an, von den nun anwesenden zwei Polizeistreifen an unterschiedlichen Standorten befragt worden zu sein, ob ihr etwas aufgefallen sei. Die Suche nach dem Unbekannten war gegen 9.30 Uhr erfolgreich, der Gesuchte konnte laut Polizeiangaben festgenommen werden und aufgrund offensichtlicher psychischer Verwirrung ins Zentrum für Psychiatrie Reichenau eingeliefert werden. In Litzelstetten kehrte nach der Aufregung wieder Ruhe ein.

Aggressive Auftritte in der Ortsverwaltung

Wie nun bekannt wurde, fiel der Mann schon vor den beschriebenen körperlichen und verbalen Attacken öfter negativ auf. „Er kam in mein Zimmer gestürmt, atmete sehr schnell und tief und wollte unbedingt einen Pass von mir haben“, erzählt Ortsverwaltungsleiter Klaus Frommer. „Bei seinem Anblick lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Er war beratungsresistent, reagierte wütend und ungehalten. Schließlich verschwand er wieder laut schimpfend.“

„Wenn Blicke töten können...“

Ein zweites Mal, am Tag der Kommunalwahlen am 26. Mai, wollte er ohne Ausweis und ohne Wahlbenachrichtigung wählen. „Das konnten wir nicht zulassen“, so Klaus Frommer. „Auch da hat er wütend reagiert. Wir hatten Angst. Er wurde zwar nicht handgreiflich, aber wenn Blicke töten könnten...“

Alle Ortsverwaltungen sind sensibilisert

Der Ortsverwaltungsleiter denkt darüber nach, dem Mann ein Hausverbot auszusprechen – denn er ist nach seiner Entlassung aus dem ZFP wieder im Ort unterwegs, hat eine Wohnung bezogen. „Wir Ortsverwaltungen auf dem Bodanrück sind mittlerweile hochsensibilisiert wegen dieses Mannes“, sagt Klaus Frommer und gibt zu Bedenken: „Gleich hier nebenan ist die Grundschule. Ich weiß, dass die Situation auch für Polizei und Ärzte schwierig ist, aber wieso muss immer erst etwas passieren, bevor man da eingreift?“ Eltern bringen ihre Kinder zur Bushaltstelle, in die Schule oder in den Kindergarten.

„Ich fühle mich im Stich gelassen“

Das mutmaßliche Einbruchsopfer aus der Nacht zum 1. Juni pflichtet diesen Worten bei: „Ich fühle mich im Stich gelassen. Immer, wenn ich seither bei Polizei oder bei der Psychiatrie anrufen, höre ich nur etwas von Persönlichkeitsrechten oder Schutz des Täters. Was ist mit uns Opfern?“, fragt Elke Winopal?

„Jedes Geräusch verängstigt mich“

Sie könne kaum mehr schlafen, seit sie weiß, dass der Mann wieder auf freiem Fuß ist und ihr jederzeit wieder nachstellen könne. „Ich gehe kaum mehr auf meine Terrasse, jedes Geräusch verängstigt mich. Spätestens um 17 Uhr bin ich daheim, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Nachts liege ich im Bett rechne mit einem Überfall.“

Die ZFP Reichenau nimmt Stellung

Uwe Herwig, Medizinischer Direktor am ZfP Reichenau, kann zum vorliegenden Fall wegen Persönlichkeitsschutz direkt nichts sagen, und antwortet allgemein: „Unsere Aufgabe ist die Einschätzung, ob eine psychische Erkrankung Hintergrund für eine akute und erhebliche Gefährdung anderer sein könnte, und gegebenenfalls entsprechend zu behandeln. Ist dies aus psychiatrischer Sicht nicht oder nicht mehr der Fall, halten wir einen Menschen nicht gegen seinen Willen fest.“

Verständnis und Unterstützung für die Betroffenen

Herwig begründet dieses Vorgehen damit, dass die Klinik sonst Freiheitsberaubung beginge. „Wenn jedoch eine Straftat vorliegt, kommt die Justiz ins Spiel und entscheidet, was mit dem Menschen zu tun ist“, erklärt der Mediziner. Verständnis und Unterstützung für die Betroffenen sei wichtig, „solche Erlebnisse gehen mit einer hohen persönlichen Belastung einher“.

Integration hat deeskalierende Wirkung

Ein grundsätzlich integrierender und wohlwollender Umgang mit den betreffenden Menschen, bei aller Berücksichtigung von Sicherheitsbedürfnissen, habe langfristig die beste deeskalierende Wirkung.

„Wir können nur hoffen, dass nichts passiert“

Die Polizei wird wegen der Vorfälle nicht öfter als üblich Streife fahren: „Litzelstetten wird, wie jeder Teilort von Konstanz auch, im Rahmen der täglichen polizeilichen Präsenz bestreift“, schreibt Pressesprecherin Tatjana Deggelmann. „Wir können nur hoffen, dass nichts mehr passiert“, sagt Klaus Frommer. „Im Moment ist die Situation sehr angespannt und unbefriedigend.“