Es ist ein ungewöhnlicher Prozess, in jeglicher Hinsicht. Dort, wo noch vor kurzem mehrere hundert Konstanzer Arbeiter täglich Mittagspause machten, sitzen ab Oktober mutmaßliche Mitglieder einer italienischen Mafiazelle aus dem Schwarzwald auf der Anklagebank. 67 Prozesstage sind angesetzt, es gibt neun Angeklagte, 17 Verteidiger, zwei Dolmetscher, Zeugen. Ein Mammutprozess, bei dem sich für das Landgericht Konstanz in den vergangenen Monaten eine entscheidende Frage stellte: Wo sollen die Verhandlungen stattfinden?

Denn der Gerichtssaal an der Laube und das Provisorium in der Schützenstraße sind zu klein. Nach langer Suche ist das Gericht nun also in der Kantine auf dem ehemaligen Siemensareal fündig geworden. Das Gelände liegt nach dem Siemens-Umzug ins Industriegebiet brach. Frühestens ab 2020 sollen dort Wohn- und Gewerbeflächen sowie ein Gründerzentrum entstehen.

Prozessauftakt in Karlsruhe

Angeklopft hatte das Gericht zunächst auch in anderen Städten, etwa in Mannheim und Stuttgart-Stammheim, wie Mirja Poenig, Richterin und Pressesprecherin am Landgericht Konstanz bestätigt. Doch auch dort seien keine Kapazitäten frei gewesen. "Alle Landgerichte haben ähnliche Probleme", so Poenig und ergänzt: "Die Großverfahren häufen sich". Durch die Raumsuche sei die Terminierung des Verfahrens nicht verzögert worden, betont Poenig.

Der Prozessauftakt am 21. September sowie der folgende Verhandlungstag am 2. Oktober werden am Karlsruher Landgericht stattfinden – bis das Siemens-Areal zur Verfügung steht.

Denn das Gelände und Gebäude muss umgerüstet werden. Dazu gehört nicht nur das Inventar wie Sitzplätze – sondern vor allem auch bestimmte Sicherheitsvorkehrungen. Welche das genau sind, dazu könne Poenig keine genauen Angaben machen – aus Sicherheitsgründen. Gerade auch deshalb, weil der Tatvorwurf organisierte Kriminalität lautet.

Auch zu der Frage, wie hoch die Kosten für die Umrüstung und die Anmietung des Gebäudes sind, gibt es auf Anfrage lediglich diese Antwort: "Wir befinden uns noch in Verhandlungsgesprächen mit dem Vermieter", erklärt Edwin Dalibor, stellvertretender Leiter des Amts für Vermögen und Bau Konstanz, das für die Unterbringung von Einrichtungen wie dem Landgericht zuständig ist. Das Siemensareal gehört dem Unternehmen i+R Dietrich Wohnbau aus Lindau, das die Umrüstung übernimmt und dann in Rechnung stellt. Spätestens in zwei Wochen könne das Amt dazu mehr Angaben machen.

Drogenhandel im großen Stil

Sieben der neun Beschuldigten befinden sich seit Juni 2017 in Untersuchungshaft. Den Männern im Alter zwischen 26 und 57 Jahren und mutmaßlichen Verbindungen zur Cosa Nostra und zur `Ndrangetha wird vorgeworfen, im großen Stil mit Drogen gehandelt zu haben. Aufgeführt werden insgesamt 270 Kilogramm Marihuana, 20 Kilogramm Haschisch und 2,5 Kilogramm Kokain.

Versuchter Mord und Raubdelikte

Darüber hinaus geht es auch um den Schmuggel und Besitz von scharfen Schusswaffen sowie um einen versuchten Mord. Im Mai 2017 waren mehrere Schüsse auf eine Gaststätte in Hüfingen bei Donaueschingen abgegeben worden. Es soll sich um eine Abstrafungsaktion gehandelt haben wegen Unstimmigkeiten aus Drogengeschäften. Schließlich sind noch Körperverletzungs-, Brandstiftungs- und Raubdelikte Gegenstand der Anklage.

Durchsuchungen in Konstanz und Stuttgart

Bereits seit Sommer 2016 ermittelt die Staatsanwaltschaft Konstanz gegen den organisierten Drogenhandel im süddeutschen Raum. Ins Visier der Untersuchungen rückten dabei vor allem die überwiegend italienischen Staatsangehörigen mit letzten Wohnsitzen hauptsächlich im Schwarzwald-Baar-Kreis, aber auch in Stuttgart und Italien.

Im Juni 2017 durchsuchten die Polizei dann zahlreiche Objekte im Schwarzwald-Baar-Kreis, in Rottweil, Konstanz, Esslingen und Stuttgart. Dabei wurden 15 Beschuldigte festgenommen. Zudem stellten die Beamten größere Mengen Marihuana und Kokain, Schusswaffen sowie mehrere hunderttausend Euro sicher. Bei zeitgleichen Razzien in Italien wurden zwei Personen festgenommen. Bei der Durchsuchungsaktion waren über 300 Polizisten, darunter auch Verbindungsbeamte der italienischen Polizei und der Zoll im Einsatz. Die Anklage betraf ursprünglich elf Angeklagte, von denen die Kammer zwei ebenfalls in Haft sitzende Angeklagte in separaten Verfahren verhandeln wird.