Das neue Kindergarten-Jahr beginnt für viele Eltern in Konstanz nicht so, wie sie es sich erhofft hatten. Die einen haben für ihre Kinder nicht den passenden Platz bekommen – oder gar keinen. 216 Kinder unter drei Jahren blieben auch nach der dritten Runde zur Vergabe der Kleinkindplätze unversorgt. Mehrere Familien haben angekündigt, dass sie eine Klage in Betracht ziehen, bestätigt das Jugendamt. Am 17. September will die Stadtspitze in einer Pressekonferenz erklären, was die Stadt weiter gegen den Mangel tun will.

Betreuung von Kindern unter drei Jahren

In Konstanzer Krippen und Kitas:

  • Vor fünf Jahren: 446
  • In diesem Jahr: 658

In der Tagespflege:

  • Vor fünf Jahren: 138
  • In diesem Jahr: 193

Fast 70 Krippenplätze für unter Dreijährige haben die Stadt und alle Träger von Kindertagesstätten innerhalb der vergangenen zwei Jahre geschaffen, im städtischen Haushalt ist das Thema Kinderbetreuung ein wichtiger Posten. Die Politik unterstützt den stetigen Ausbau, kann aber vor allem dem Bedarf nach Ganztagesplätzen nicht so schnell nachkommen, wie es sich viele Eltern wünschen. Insofern ist es keine Überraschung, dass über 200 Kita-Plätze fehlen. Trotz des stetigen Ausbaus kann Konstanz wie viele andere Städte den seit 2013 geltenden gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz nicht für alle erfüllen.

Wenn der angebotene Kita-Platz am anderen Ende der Stadt liegt

Auch für Familie Junge lief die Vergabe nicht so, wie sie es sich erhofft hat. Sie hatte sich gewünscht, für die eineinhalb-jährige Tochter einen Kita-Platz im Kinderhaus Dreifaltigkeit zu bekommen, in dem auch der dreieinhalb-jährige Sohn betreut wird. Der Geschwisterbonus gibt zwar extra Punkte im Vergabeverfahren – dennoch bekam Familie Junge eine Absage für den Wunsch-Platz in der Nähe ihrer Wohnung.

Schon im vergangenen Herbst hatten sie im Nachrückverfahren zwar einen Kita-Platz am Königsbau angeboten bekommen. "Da hatten wir aber bereits unsere Tageseltern gefunden", sagt Vera Junge und ergänzt: "Dramatisch, wie vielleicht bei anderen Familien, ist es bei uns deshalb nicht." Einen Rechtsanspruch auf einen ganz bestimmten Kitaplatz gibt es tatsächlich nicht, nur darauf, überhaupt einen Platz zu bekommen.

Der Morgen ist genau durchgetaktet

Die Junges planen nun nach der erneuten Absage für einen Kita-Platz in der Altstadt ihren Alltag zwischen Beruf und Familie, wie ihn viele Eltern in Konstanz führen: "Alles genau durchgetaktet", sagt Junge. Morgens vor der Arbeit wechseln sich die Junges ab, die Kinder zur Betreuung zu bringen. Den Sohn nach Stadelhofen, die Tochter nach Petershausen zur Tagesmutter, dann weiter zur Arbeit.

Betreuungsquote der Konstanzer Kinder

Quote inklusive Tagespflege:

  • Vor fünf Jahren: 28,5 Prozent
  • In diesem Jahr: 38,4 Prozent

Quote ohne Tagespflege:

  • Vor fünf Jahren: 10,8 Prozent
  • In diesem Jahr: 15,5 Prozent

Vera Junge arbeitet in Stockach, ihr Mann in Pfullendorf. Noch einmal wollen sich die Eltern nicht um einen Kita-Platz für ihre Tochter bewerben. "Den Wechsel der Bezugsperson will ich ihr dann nicht zumuten", sagt Junge. Durch die Absage wie die von Familie Junge können wieder andere Familien in der Kita-Platzvergabe nachrücken. 74 von ursprünglich 290 unversorgten Familien konnten so dieses Jahr doch noch einen passenden Platz finden.

"Ausbau kann nicht so schnell gehen, wie es vielleicht wünschenswert wäre"

Der Konstanzer Kita-Gesamtelternbeirat betont, dass die Stadt weiter dran bleiben müsse, mehr Plätze zu schaffen. "Uns ist allerdings auch bewusst, dass der Ausbau nicht so schnell gehen kann, wie es wünschenswert wäre", sagt Stefanie Degner, die Vorsitzende des GEB.

Stefanie Degner, Kita Gesamtelternbeirat Konstanz
Stefanie Degner (Bild) hat gemeinsam mit Heike Kempe den Vorsitz des Kita Gesamtelternbeirat Konstanz übernommen. | Bild: privat

Einen Grund dafür sieht Degner darin, dass es zunehmend schwierig sei, Erzieherinnen und Erzieher zu finden – gerade in einer Stadt wie Konstanz, in der die Lebenshaltungskosten vergleichsweise hoch sind und das Gehalt von Erziehern gering. Es müsse Anreize für Erzieherinnen und Erzieher geben, in einer Konstanzer Kita zu arbeiten.

Ausgaben für die Betreuung der Konstanzer Kinder

Ausgaben für städtische Kindertageseinrichtungen:

  • Vor fünf Jahren: 5,49 Millionen Euro
  • In diesem Jahr: 8,87 Millionen Euro

Personalkosten und Mietzuschüsse an nicht-städtische Einrichtungen:

  • Vor fünf Jahren: 15,9 Millionen Euro
  • In diesem Jahr: 24,19 Millionen Euro

Welche das konkret sein könnten, davon hat der GEB – noch – keine abschließende Vorstellung. Dafür beim Thema Transparenz bei der Vergabe von Betreuungsplätzen. Die Verteilung erfolgt über ein Punktesystem, und nach der Vergabe fragten sich viele Eltern: Warum erhalten die einen Familien einen Platz für ihr Kind, die anderen nicht – und das trotz gleicher Punktzahl?

Heike Kempe kennt die Situation, wie sie nun viele Eltern erleben. Auch sie hatte keinen Kita-Platz bekommen, trotz hoher Punktzahl durch ihre Selbständigkeit als Historikerin. Allerdings habe sie künftige Projekte nicht nachweisen können – weil sie gerade nicht arbeitete und so keine neuen Aufträge generieren konnte. "Ich hatte damals das Glück, dass meine Mutter eingesprungen ist", sagt Kempe. Aber auch für sie bedeutete Plan B eine logistische Herausforderung, jeden Tag vier mal zwischen Konstanz und der Höri hin und her zu fahren.