Alles ist gesagt, alles Für und Wider abgewogen, aber noch fliegt der Ball nicht, als zehn Minuten vor Anwurf die Konstanzer Fans ein eindrucksvolles Schauspiel bieten. 1600 der 1800 Zuschauer in der ausverkauften Schänzlehalle – die 200 Eisenacher natürlich nicht – schwenken bereitgelegte blaue und gelbe Fahnen. Blau und Gelb sind die Farben der HSG Konstanz, die blauen und gelben Fahnen symbolisieren die Hoffnung aller Konstanzer Handballfreunde, dass es trotz der 25:30-Hinspielniederlage noch etwas wird mit Aufstieg in die 2. Bundesliga. Es ist der Ball noch keinen Zentimeter bewegt worden, doch es ist in der Schänzlehalle schon lauter, als es eine Woche zuvor bei einer Kulisse von 2986 Zuschauern gewesen war.

Dann geht‘s los. Unbedingt einen guten Start will die HSG und nicht so wie in Thüringen, als man schnell einem Drei-Tore-Rückstand nachlaufen musste. Und der Auftakt gelingt tatsächlich. Tim Jud macht das 1:0, Simon Tölke im HSG-Kasten pariert den ersten Eisenacher Wurf, Joschua Braun trifft zum 2:0, nicht mal zwei Minuten sind gespielt. Die Konstanzer Abwehr fängt den Ball ab, Jud will Tempo machen, aber ihm misslingt der weite Pass auf Samuel Wendel. Ein 3:0 nach zweieinhalb Minuten, es wäre zu schön gewesen – und natürlich auch unglaublich wichtig.

Handball 3. Liga HSG Konstanz – ThSV Eisenach. Fabian Wiederstein (HSG) beim Wurf.
Handball 3. Liga HSG Konstanz – ThSV Eisenach. Fabian Wiederstein (HSG) beim Wurf. | Bild: Peter Pisa

So aber schütteln die Thüringer die Anfangsnervosität schnell ab, finden zu ihrem Kombinationsspiel und gleichen in der 9. Minute erstmals zum 4:4 aus. Dann wird es hektisch. Erst gibt es eine Zwei-Minuten-Strafe für den Eisenacher Mürköster, nur 13 Sekunden später diskutieren die Schiedsrichter, ob sie Duje Miljak für einen Schlag gegen die Gurgel von Paul Kaletsch eine Zeitstrafe oder Rot geben sollen. Die Herren Julian Köppl und Denis Regner, ein Gespann aus dem DHB-Elitekader, das die Partie gut im Griff hat, trifft hier die mildere Bestrafung für den Gäste-Akteur. Zwei Minuten Auszeit statt Rot – eine fragwürdige, Entscheidung, wenn nicht gar eine falsche. Eisenachs Trainer Sead Hasanefendic wird aufgeatmet haben, dass ihm sein Abwehrchef nicht verlustig gegangen ist.

Mit Rückstand in die Pause

Dennoch, die HSG müsste aus der Sechs-gegen-Vier-Situation Kapital schlagen, doch sie tut es nicht. Wendel gelingt auf Anspiel von Kaletsch das 5:4 und nach einem Stürmerfoul des Gegners gibt es die Chance auf das 6:4. Wieder will Kaletsch Wendel einsetzen, doch diesmal misslingt der Pass und in der Folge unterbindet Jud den angesetzten Konter der Eisenacher mit einem Foulspiel und kassiert ebenfalls eine Zeitstrafe. Danach vergibt Braun, Felix Krüger scheitert zweimal am ThSV-Keeper Dusan Podpecan – und statt 6:4 oder 7:4 steht es in der 14. Minute 5:5.

Die Mannschaft von Trainer Daniel Eblen hat jetzt Probleme mit der Offensive. Das hat zur Folge, dass der Ost-Meister in der 16. Minute zum ersten Mal in Führung geht – Stand aus Sicht der Hausherren 6:7. Von da an haben die Eisenacher Kontrolle über das Geschehen. Bis zum 13:15 haben sie immer zwei Tore Vorsprung, mit 14:15 geht es in die Pause.

Das Unterfangen Aufstieg ist nach 90 von 120 Minuten kaum her zu erreichen, müssten die Konstanzer doch die zweite Halbzeit mit sieben Toren Unterschied für sich entscheiden. Lamentieren nutzt ja nichts, aber es hätte viel besser aussehen können. Wenn Krüger und Tom Wolf nicht drei zu schwache Würfe gesetzt hätten. Wenn Braun und Wendel nicht frei vor Podpecan verworfen hätten. Wenn Jud, Kaletsch und Wolf nicht Fehlpässe unterlaufen wären. Wenn die Schiedsrichter Miljak mit verdientem Rot unter die Dusche geschickt hätten.

Die HSG warf alles in die Waagschale.
Die HSG warf alles in die Waagschale. | Bild: Peter Pisa (Peter Pisa, pisa-sportfotografie)

Eisenacher spielen routiniert

Hätte, hätte, Fahrradkette, heißt es ja so schön. Die Realität ist eine andere und der negative Flow setzt sich zu Beginn des zweiten Abschnitts fort. Kaletsch und Mattias Hild treffen den Pfosten, die Eisenacher bis auf eine Ausnahme in den nun von Maximilian Wolf gehüteten Kasten. Zwischenstand nach 40 Minuten 16:20. Auch ohne Tom Cruise im HSG-Trikot ist es nun eine komplette Mission impossible für die Konstanzer…

Die Eisenacher spielen routiniert ihre Angriffe aus, begünstigt von einem zu zaghaften Zeitspiel-Kommando der Unparteiischen, manche Rochaden dauern über eine Minute bis der Arm hochgeht. Aber das spielt keine Rolle mehr, zumal die Gastgeber auch weiter zu viele Fehler produzieren – so misslingt etwa Hild ein Tempogegenstoß, Wolf unterläuft ein weiterer Fehlpass und Kaletsch brettert die Kugel gegen die Latte. Zwischendurch kommt die HSG auf drei Tore Abstand heran, aber Eisenach wankt kein bisschen. Acht Minuten vor Ende das gleiche Bild – 22:26.

Handball 3. Liga HSG Konstanz – ThSV Eisenach. Fans
Die HSG bekam große Unterstützung von den Rängen. | Bild: Peter Pisa

In den Schlussminuten können die Konstanzer das Ergebnis noch etwas freundlicher gestalten, aber nach dem 26:29-Endstand sind es die Eisenacher Fans, die singen: „Oh, wie ist das schön.“ Der ThSV ist damit nach nur einem Jahr in der 3. Liga wieder zurück in der 2. Bundesliga. Aber auch für die Konstanzer ist der Aufstieg ja noch möglich. In einem finalen Duell geht es an den nächsten beiden Wochenenden gegen den Verlierer des Duells Krefeld (Westmeister) gegen Rostock (Nordmeister). Die erste Begegnung haben die Rostocker mit 24:23 in Krefeld gewonnen und sind damit am Sonntag im Rückspiel in der besseren Ausgangsposition.

Interview mit HSG-Torhüter Tom Wolf

Die HSG Konstanz muss am Samstag, 25. Mai, zuerst auswärts antreten und hat am Samstag, 1. Juni (20.00 Uhr), im Rückspiel Heimrecht. Anzunehmen ist, dass die Schänzlehalle wieder komplett gefüllt sein wird. Dann können auch die gelben und blauen Fahnen noch mal geschwungen werden.

HSG Konstanz: Tölke (4 Paraden), M. Wolf (1 Parade) – Stotz, Schlaich (2), Hild, T. Wolf (2), Wiederstein (4), Kaletsch (7/3), Krüger (1), Maier-Hasselmann, Braun (4), Jud (3), Keupp (1), Wendel (2), Volz, S. Löffler. – Zuschauer: 1800.