Konstanz Im Sturm der Assoziationen: Schauspieler Simon Weiland im K9

Dort, wo Hieronymus von Prag beim Konstanzer Konzil der Prozess gemacht wurde, wird dieser nun zu einer Figur in einem assoziativen Ein-Mann-Stück: Simon Weiland führt seine "Leave-Paradise"-Trilogie auf. Dabei geht es nicht nur um Hieronymus, sondern auch um das Digitalzeitalter.

"Hieronymus", ruft der kahlköpfige, ganz in schwarz gekleidete Mann in die Stille. Sein Blick schweift suchend zur Decke. Zum Himmel? Dumpfes Donnergrollen untermalt die surreale Szenerie. Es ist ein Sturm der Assoziationen, der in der folgenden Stunde im Kulturzentrum K9, entfesselt wird. Den Sturm gerufen hat der Wahlkonstanzer Simon Weiland, seines Zeichens autodidaktischer Schauspieler, Musiker, Regisseur und Autor, dem das K9 in Kooperation mit der Konzilstadt Konstanz für drei Abende die Bühne bereitet hat.

Drei Abende, an denen er eine im ersten Moment wahnwitzig anmutende Trilogie auf die Bühne bringt: "Leave Paradise – An Hieronymus von Prag". In den drei Stücken – "Rotkäppchen", "Hänsel und Gretel" und "Froschkönig" – wirft Weiland die bekannten Volksmärchen, biblische Motive und den in Konstanz verbrannten Kirchenkritiker mit Themen des Digitalzeitalters in einen Topf und rührt kräftig um. Was dabei herauskommt, nennt er selbst "assoziatives Theater" und hat auch nichts dagegen, es als "abgedreht" zu bezeichnen. Simon Weiland verwischt mit voller Absicht die Grenzen zwischen Theater, Konzert und Kunstperformance. Was verrückt klingt – ein Mann, seine Stimme, seine Gitarre und ein Themenwust – funktioniert auf der Bühne aber erstaunlich gut. Weiland besitzt eine starke Bühnenpräsenz, seine Stimme ist so wandlungsfähig wie sein Ausdruck. In seinen großen Momenten entfaltet "Leave Paradise" eine ungeheure Wucht. Wörter werden in all ihren Bedeutungen gedreht und gewendet und so tun sich immer neue überraschende Verbindungen auf. In anderen Momenten dagegen wirkt die Assoziationsflut einfach wirr. Ohne Zweifel aber regt sie zum Nachdenken an.

Fragt man Weiland, was er sich bei der Trilogie gedacht hat, lacht er: "Mein assoziatives Theater halte ich für eine ganz, ganz wichtige Art von Kunst. Ich halte für wichtig, dass es bei Kunst auch etwas zum Nachdenken gibt. Dass die Dinge nachwirken." Weiland sagt, alleine und ohne viel Technik aufzutreten, bedeute für ihn die "größtmögliche Freiheit". Er behauptet, er kenne kein Lampenfieber und das glaubt man ihm auch. Den kreativen Prozess beschreibt Weiland als traumähnlich: "Ich stellte fest, dass Märchen und Träume ganz ähnlich funktionieren. Sie beinhalten assoziative Verknüpfung, die Worte zu Bildern werden lassen. Davon kam ich auf die Bibel, in der ich zahlreiche Bilder aus den Märchen wiederfand. In ,Leave Paradise' wollte ich all die Verknüpfungen wiederum in Bilder fassen."

Als Weiland eines Tages las, dass Hieronymus von Prag in der Paulskirche – dem heutigen K9 – während des Konstanzer Konzils der Prozess wegen Ketzerei gemacht und er im nahen Turm lange Zeit festgehalten wurde, war für den Künstler klar, dass er dort auftreten müsse. Nach einer Stunde im Assoziationssturm ruft der Mime gen Himmel: "Hat es dir gefallen, Hieronymus?" Ein Freidenker wie der Weggefährte von Jan Hus hätte wohl seine helle Freude gehabt, sollte er am Sonntagabend von irgendwo einen Blick ins K9 geworfen haben.


Zur Person, zum Stück

  • Simon Weiland (54), gebürtiger Münchner, trat zuerst mit Klangexperimenten und dann immer öfter mit seiner ganz eigenen Form des Musiktheaters auf. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist der 54-Jährige halbwöchig Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in Radolfzell. In den drei Märchen seiner Trilogie verknüpft Weiland die Themen Mündigkeit, Glaube, Macht und Information.
  • Die Trilogie: Am Sonntag, 18. Juni, folgt mit "Der Froschkönig" der dritte und letzte Teil. Darin geht es um Größenwahn, Gewalt und Verdrängung. Die gesamte Trilogie ist auch als Hörspielfassung auf CD erschienen

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