Die katholische Pfarrei im größten Konstanzer Stadtteil verliert ihren Seelsorger, viele Gläubige werden ihren Hirten vermissen und in der Stadt fehlt eine profilierte Persönlichkeit: Andreas Rudiger, der Pfarrer der Gemeinde Petershausen mit ihren drei großen Kirchen St. Gebhard, St. Suso und Bruder Klaus, hat seinen Dienst überraschend niedergelegt und wird nicht als Priester nach Konstanz zurückkommen.

Bei der Priesterweihe versprach er Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit

Grund ist laut einer persönlichen Erklärung des 55-jährigen Theologen, dass er Vater wird. Damit hat er sein bei der Weihe gegebenes Gelübde zu Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit gebrochen. Er hat die Stadt bereits verlassen. Ehrenamtliche Gemeindemitglieder verlasen in den Gottesdiensten vom Wochenende einen Text, den der Pfarrer für diesen Zweck vorbereitet hatte.

Die Kirchenmusik war ihm wichtig, die große Konzilsorgel in St. Gebhard gehört zu dem, was in Konstanz bleibt von Pfarrer Andreas Rudiger. Hier probiert er sie gerade aus, hinter ihm steht Orgelbauer Claudius Winterhalter. | Bild: Aurelia Scherrer

In der Gemeinde herrscht Bestürzung und Bekümmerung

Zum Ende der Messe um 11.15 Uhr war die Bestürzung in der Gebhardskirche groß. Pfarrer Rudiger hatte seine Gemeinde wissen lassen, nach „Untreue seit geraumer Zeit“ sei es nun Zeit für die Wahrheit. Wörtlich hieß es in der Erklärung, die er verlesen ließ: „Ich möchte mich für so vieles bedanken, bitte aber auch um Entschuldigung, dass ich Euch verletzt habe und verletze, besonders durch die Tatsache, dass bei mir Schein und Sein nicht kongruent waren, und ich eine bestimmte Zeit lang ein Doppelleben geführt habe.“

Langer Applaus zeigt: Die Katholiken haben großen Respekt für ihren Pfarrer

Nach einem kurzen Moment erhob sich lang anhaltender Beifall im Kirchenschiff von St. Gebhard. Mehr als 200 Besucher waren in die Messe gekommen – unter ihren viele Kinder und Jugendliche.

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Viele verstanden den fast einhelligen Applaus als deutliches Zeichen, dass die Gemeinde gerade in der für ihn so schwierigen Zeit zu ihrem Pfarrer steht.

 
Erinnerung an die religiöse Geschichte Petershausens: Pfarrer Andreas Rudiger (Mitte, hier mit Weihbischof Peter Birkhofer) bei der Einweihung der Rekonstruktion des alten Klosterportals bei Archäologischen Landesmuseum.
Erinnerung an die religiöse Geschichte Petershausens: Pfarrer Andreas Rudiger (Mitte, hier mit Weihbischof Peter Birkhofer) bei der Einweihung der Rekonstruktion des alten Klosterportals beim Archäologischen Landesmuseum. | Bild: Scherrer, Aurelia

Warum Andreas Rudiger nicht trotzdem bleiben könne, diese Frage wurde unter den Gottesdienstbesucher beim Verlassen der Kirche immer wieder laut. Er war 1994 zum Priester geweiht worden und seit 2002 Priester in Gemeinde, die zunächst eine Seelsorgeeinheit dreier Pfarreien war und erst jüngst zur neuen, großen Pfarrei Petershausen verschmolzen wurde.

Orgel, Portal, ewige Anbetung und Tiersegnung: Pfarrer Andreas hat viel bewegt

In die Zeit von Andreas Rudiger als Pfarrer in Petershausen fallen viele Projekte, die über die Gemeinde hinaus ausstrahlen. So war er einer der Wegbereiter für die neue Orgel in St. Gebhard, die über den Gottesdienst hinaus durch auch ungewöhnliche Konzerte das Kulturleben des Stadtteils bereichert. Engagiert hatte sich Rudiger auch für einen zeitgemäßen Wiederaufbau des Portals der Petershauser Klosterkirche in der Nähe des Archäologischen Landesmuseums.

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Zuletzt hatte er spirituell einen Impuls in der Stadt gesetzt, als ein nie abreißendes Gebet in der Bruder-Klaus-Kirche initiierte, wo an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang Christen aller Konfessionen Gottes Beistand für sich und andere erbitten.

Spirituelle Impulse: Pfarrer Andreas Rudiger richtete in Konstanz-Petershausen auch ein immerwährendes Gebet ein. 24 Stunden, sieben Tage in der Woche erbitten Gläubige hier den Segen und den Beistand Gottes. | Bild: Kath. Seelsorgeeinheit Petershausen

Wie es in Petershausen, wo nach jüngsten Zahlen der Stadt Konstanz rund 7700 Katholiken leben, in katholischer Hinsicht weitergeht, ist unklar. Die Sonntagsmesse in St. Gebhard feierte Kooperator Luis Collantes mit der Gemeinde.

Der Vertreter des Pfarrers predigt: "Die Liebe verzeiht alles"

Seine Predigt, die sich am zweitletzten Sonntag des Kirchenjahrs mit den vorgesehenen Schriftlesungen zum Ende der Welt beschäftigte, bekam zum Ende des Gottesdienstes mit Pfarrer Rudigers Erklärung nochmals eine ganz andere Dimension. Christen müssten keine Angst vor einem Ende haben und der Apokalype die Liebe entgegensetzen, sagte Collantes und erklärte: „Die Liebe verzeiht alles“.

Person und Gelübde

  • Andreas Rudiger wurde 1963 in Bühl/Baden geboren. Er ist gelernter Zimmermann, studierte dann Theologie in Freiburg und wurde 1994 zum Priester geweiht, arbeitete in Überlingen und später im südbadischen Kenzingen. 2002 erlangte er den Grad des Doktors der Theologie mit einer Arbeit über „Leitung und Macht in der Kirche“. In Konstanz-Petershausen prägte er rasch das Gemeindeleben mit einer menschlich sehr zugänglichen Art und mit einem feinen Gespür für die Erfordernisse in der Seelsorge. Zugleich galt er in der Glaubensauslegung als eher konservativ. In der Pfarrei gibt es ein ausgeprägtes ehrenamtliches Engagement und zahlreiche Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit.
  • Der Zölibat ist das Versprechen zur vollständigen Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit, das katholische Pfarrer und Ordensleute bei ihrer Weihe vor dem Bischof ablegen. In anderen Konfessionen gibt es für Gemeindepfarrer keinen Zölibat. Auch in der katholischen Kirche Deutschlands ist nicht nur wegen des seit Jahrzehnten immer massiveren Priestermangels der Zölibat umstritten. So gibt es theologische Zweifel, weil zu Christi Zeiten ein Zölibat nicht belegt ist. Unter anderem hat der frühere Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch eine neue Auseinandersetzung mit dem Thema angeregt.
  • Die Probleme: Eine Entscheidung gegen den Zölibat hat es immer wieder gegeben, in den vergangenen Jahren gehen Priester damit zunehmend offen um. Aufsehen erregte 1995 der Fall von Hansjörg Vogel, der als Bischof von Basel zurücktrat, als bekannt wurde, dass er Vater würde. Wolfgang Zoll, der seit 2010 Bürgermeister der Gemeinde Reichenau ist, ging in seinem ersten Wahlkampf offen mit der Tatsache um, dass er zunächst Pfarrer war, 1994 und damit im gleichen Jahr wie Andreas Rudiger geweiht wurde und dann eben doch eine Ehe schließen wollte.