Der Angeklagte soll die Tatvorwürfe geschockt zur Kenntnis genommen haben. Als das Gericht Claudius Marx eröffnete, er werde als "Chefideologe des Bodensee-Marxismus" vor das Tribunal gestellt, wurde der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee in dem Schriftstück bezichtigt, dass er "die Zementierung der Vorherrschaft am Wasser (Bodenseeforum), am Boden (Ausfuhrschein) und in der Luft (Flughafen Zürich) über die Belange der Bürger betreibt". Ekkehard Greis, der die Narrengruppe der Jakobiner als Präsident leitet, kündigt für den Schmotzigen Dunschtig um 13 Uhr eine spannende Verhandlung an.

Das diesjährige Tribunal bekommt eine besondere Würze dadurch, dass als Ankläger Peter Friedrich nach Konstanz zurückkommt. Er lebt nach seinem Ausstieg aus der Politik inzwischen in Stuttgart, aber die verhandelten Themen stehen durchaus in engem Bezug zu seinem früheren Amt als SPD-Landesminister. So hatte er sich zum Beispiel für eine Bagatellgrenze bei der Mehrwertsteuer-Rückerstattung für Schweizer eingesetzt und auch Beschränkungen am Flughafen Zürich gefordert. Bei beiden Themen vertrat Claudius Marx für die IHK vehement eine Gegenposition. "Das hat schon einen besonderen Charakter", freut sich Ekkehard Greis, "und einen engen Bezug zum echten Leben".

Die Pflichtverteidigung für Claudius Marx übernimmt wie immer Claudia Zähringer. Als Richter wird Ekkehard Greis aber auch Zeugen beider Seiten hören. Wer auf dem Obermarkt auftreten wird, ist bis zur Verhandlung streng geheim. Bekannt ist dagegen, dass die Jakobinermusik mit Uli Schwarz mit auf der Bühne ist; für Greis ist das ein weiterer Beweis dafür, wie gut die beiden fast namensgleichen Konstanzer Narrengruppen, die sich auf die Jakobiner-Bewegung aus der Französischen Revolution beziehen, inzwischen miteinander klarkommen.

Damit rund 1500 Zuhörer auf dem Obermarkt eine temporeiche und originelle Gerichtsverhandlung miterleben können, ist viel Arbeit nötig. Allein der Auf- und Abbau der Bühne sowie die Tontechnik verschlingen einen Großteil des Budgets, so Greis. Deshalb hofft er auf den närrischen Anstand der Besucher: Der Teilnahme-Pin kostet wie in den vergangenen Jahren zwei Euro. "Dafür kann man überall auf dem Platz etwas hören und sehen", sagt Ekkehard Greis. Rund eine Stunde soll die Verhandlung dauern, dann muss der Obermarkt blitzschnell geräumt werden. Denn schon eine Stunde nach dem Urteil stellen dort die Laugelegumper ihren Narrenbaum auf.

Nach einer Schrecksekunde hat der Angeklagte unterdessen neuen Optimismus geschöpft. "Die lange Reihe der Justizirrtümer setzt sich fort", sagte Claudius Marx nach dem Konvent der Jakobiner am Samstagabend SÜDKURIER. Er sehe der Verhandlung gelassen entgegen: "Ich rechne fest mit einem Freispruch!"

 

Jakobinertribunal

Närrische Gerichtsverhandlungen haben eine lange Tradition, denn wie die ganze Fasnacht haben auch sie das Ziel, die Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen. Das ist auch die Idee des Jakobiner-Tribunals in Konstanz, das dieses Jahr zum 23. Mal am Schmotzigen Dunschtig um 13 Uhr auf dem Obermarkt beginnt. Zu den bisherigen Angeklagten zählen Bildhauer Peter Lenk, Mitglieder der Mainau-Familie Bernadotte, das Lago, der damalige Erzbischof Robert Zollitsch und SÜDKURIER-Geschäftsführer Rainer Wiesner. 2016 musste sich Metzgerei-Chefin Katharina Müller verantworten. (rau)