Wer steht hinter den Zielen der Fridays-for-Future-Bewegung (FFF) und für wen ist es nur ein Lippenbekenntnis? Mit ihrem Aufruf fordern die Klimaaktivisten Unternehmen auf, sich zu positionieren. Einen Streik soll der Klimaschutz den Firmen schon wert sein. Daran scheiden sich die Geister. Wir haben uns unter Konstanzer Gewerbetreibenden umgehört. Einige schließen am Freitag ihre Türen, um bei der Demo ab 11.30 Uhr dabei zu sein – eine Mehrheit ist es nicht.

  • Voglhaus: Das Café ist bekannt dafür, auf regionale Produkte und vegane Zubereitung zu setzen. Geschäftsführerin Martina Vogl versucht, weitere Einzelhandelskollegen zum Mitwirken am Klimastreik zu motivieren. „Wir schließen den ganzen Tag“, kündigt Vogl an. Klimapolitisches Engagement entspreche ihren Überzeugungen, darüber hinaus aber sieht sie darin auch ein Marketing-Instrument: „Ich glaube, dass Handelsunternehmen heute als einzige Wettbewerbschance gegen den Online-Handel haben, dass sie Haltung bei gesellschaftlichen Themen zeigen.“ Das funktioniere aber nur, wenn die Haltung der eigenen Meinung entspreche. Beim Voglhaus sind 40 Mitarbeiter beschäftigt. Ihnen sei freigestellt, sich dem Demonstrationszug anzuschließen. Danach soll Zeit bleiben, die Filme im K 9 anzusehen. Zum Null-Tarif gibt es den Streiktag übrigens nicht: Martina Vogl geht von einer Umsatzeinbuße von mehreren Tausend Euro aus.
  • Combit: Das Konstanzer Software-Unternehmen nennt ähnliche Motive wie Vogl für die Beteiligung am Klimastreik. „Wir möchten ein Zeichen setzen“, sagt Julia Holzhauer, zuständig für Kommunikation und Marketing. Wie das Voglhaus steht der Betrieb in der Unteren Laube einen Tag lang still, die 54 Mitarbeiter seien freigestellt, um am Aktionstag teilnehmen zu können. Auch der Online-Shop, über den Combit Umsätze generiert, bleibe am Freitag geschlossen. Viele Mitarbeiter hätten bereits begonnen, gemeinsam Plakate zu gestalten. Combit setze schon lang auf Nachhaltigkeit, sagt Holzhauer, die Firma unterhalte ein „grünes Rechenzentrum“ und beziehe Ökostrom. Seit Kurzem ist die Geschäftsleitung bei „Entrepreneurs for Future“ engagiert. Dass bei der symbolischen Aktion die Gefahr des Greenwashing bestehe, räumt Holzhauer ein. Bei Combit aber sei das Engagement glaubwürdig, da man es seit Jahrzehnten betreibe.
Das könnte Sie auch interessieren
  • Stadttheater: Das Theater Konstanz habe sich immer als politischen Ort verstanden, deshalb unterstütze es den Klimastreik, erläutert Daniel Morgenroth, stellvertretender Intendant. „Der Klimawandel bedroht die Erde wie nichts zuvor“, sagt er. Da alle Produktionen noch in der Probenphase seien, werde das Theater nicht offiziell geschlossen, es fänden ohnehin keine Vorstellungen statt. „Aber jedem Regisseur ist es freigestellt, die Proben zu unterbrechen und mit den Schauspielern die Demo zu besuchen“, so Morgenroth. Bei 120 Mitarbeitern ist zu erwarten, dass die Gruppe der Theatermacher bei der Demo groß wird.
  • Zur Schwarzen Geiß: Sie ist seit Jahrzehnten als politische Buchhandlung bekannt, die sich schon in den 1970er-Jahren mit Umweltschutz auseinandersetzte. Beim Klimastreik soll der Laden von 11 bis 13 Uhr geschlossen bleiben, sagt Geschäftsführer Andreas Rieck. Für ihn gehe es ebenfalls darum, mit dem Schließen des Geschäfts „ein Zeichen zu setzen“. Auch im Buchhandel sieht Rieck Handlungsbedarf, was die Nachhaltigkeit angehe. „Das beginnt bei in Plastik eingepackten Büchern. Positiv verändert hat sich, dass Bücher inzwischen in Mehrwegwannen transportiert werden.“
  • Osiander: Die Buchhandlung bleibt geöffnet. Geschäftsführer Christian Riethmüller wird aber bei der Kundgebung einen Redebeitrag halten. Die Anregung dazu sei über Julian Kratzer, einer der Veranstalter des Klimastreiks, gekommen, der im Osiander-Café jobbt. „Außerdem demonstrieren meine Kinder bei FFF in Tübingen„, sagt Riethmüller. Der Osiander-Geschäftsführer ist der Meinung, die Läden zu schließen verleite die Kunden dazu, Bücher im Online-Handel zu bestellen – keine klimafreundliche Lösung. Er versuche, seinen Betrieb nachhaltiger zu führen. In Konstanz und acht weiteren Städten lieferten Radkuriere die Bücher aus. Es gebe keine Plastiktüten mehr und Gutscheinkarten aus Holz. Wie Andreas Rieck von der Schwarzen Geiß sieht Riethmüller die Branche noch weit entfernt von nachhaltiger Produktion.
  • Stadtverwaltung: Auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sollen die Möglichkeit haben, an der Klimademo teilzunehmen. Dies habe OB Uli Burchhardt auf dem Hintergrund der Ausrufung des Klimanotstands so entschieden, wie aus einer Pressemitteilung der Stadt hervorgeht. Da die Kernzeit der Stadtverwaltung freitags um 11:30 Uhr ende, sei es an diesem Freitag für die Mitarbeiter möglich, sich bereits um 11 Uhr dem Klimastreik anzuschließen. Eine Mindestbesetzung sei allerdings in den Ämtern mit Publikumsverkehr zu garantieren. Für Bürger könne es daher bei Behördengängen zu Wartezeiten kommen.
  • Sport Gruner: Längst nicht alle Händler sind begeistert von der Aktion. Peter Kolb, Geschäftsführer von Sport Gruner, will sich mit seinem Betrieb nicht beteiligen. Dabei respektiere er die Klimaaktivisten: „Die Klima-Greta rüttelt uns auf.“ Im eigenen Betrieb habe er einiges zum Klimaschutz umgesetzt: LED-Leuchten, Geothermie und Ökostrom. Allerdings könne er bei vielen Forderungen von FFF nicht mitgehen. „Dass Autos aus der Innenstadt sollen und jeder fünfte Stellplatz mit einem Baum bepflanzt wird, damit kann ich mich nicht identifizieren“, sagt Kolb. Es gelte, auch ökonomische Erwägungen anzustellen. Aus seiner Sicht könnten „radikale Positionen“ den Handel so negativ verändern, dass die Händler dann keine Möglichkeit hätten, ihre Betriebe schrittweise klimafreundlicher zu gestalten. Mitarbeiter, die dies wünschten, dürften aber gern an der Demo teilnehmen.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.