Das hier ist eine Geschichte über Drogen, Gewalt und unstillbare Wut. Einerseits. Es ist aber auch eine Geschichte über die Liebe. Sie kann einen taumeln lassen vor Glück. Sie hat die Kraft, rasend oder blind zu machen. Ist sie echt, überlebt sie die Wut und verzeiht, was eigentlich unverzeihlich ist.

Die Geschichte beginnt an einem Februarabend dieses Jahres. Tarik P. (26) holt seine Freundin Ebru G. (Namen von der Redaktion geändert) gegen 23 Uhr von der Arbeit ab. Sie fahren gemeinsam in die Wohnung von P., die Stimmung ist angespannt. In langen SMS-Dialogen hatte Ebru ihrem Freund zuvor angedeutet, dass sie die Beziehung in einer Sackgasse sieht und so nicht weiter machen wolle. Sie drängt den seit seinem 13. Lebensjahr drogenabhängigen Mann zu einer Entziehungskur. Der ist zu dem Zeitpunkt des Gespräches längst wieder voll auf Drogen: Alkohol, Kokain, Subutex (ein Drogenersatzmittel). Trotzdem geht Ebru G. mit in Tariks Wohnung.

Für sie wird es der Beginn eines Martyriums. Die Situation eskaliert in der Wohnung, weshalb genau wird auch das Amtsgericht in der späteren Verhandlung nicht genau klären können. Erst greift Tarik P. zu einem Elektroschocker und misshandelt seine Freundin damit. Vor Gericht zeugen Bilder von den Verletzungen. Tarik P. ist jetzt nicht mehr zu stoppen. Er schlägt und tritt Ebru massiv gegen Kopf und Körper und hört auch nicht auf, als seine Freundin mit Schmerzen und blutend auf dem Boden liegt. Damit sie nicht flieht, schließt er die Tür ab. Irgendwann in der Nacht lässt er von ihr ab.

Erst am anderen Tag öffnet er das Zimmer und lässt Ebru gehen. Sie geht sofort ins Krankenhaus und wird dort behandelt. Aber auch dort währt ihre Ruhe nur kurz. Tarik P. taucht am anderen Morgen im Krankenhaus auf – mit geladenem Revolver in der Hose. Er bedroht Ebru, sie dürfe auf keinen Fall sagen, woher sie die Verletzungen habe. Sollte sie doch etwas verraten, dann werde ihre Mutter dafür bezahlen, bei diesen Worten soll er auf den Revolver gezeigt haben. Tarik P., erneut voll auf Drogen, wird nervös, und verlässt das Krankenhaus. Panisch ruft Ebru G. die Polizei an, sie sollen sofort eine Streife zu der Adresse ihrer Mutter schicken, ihr Freund habe gedroht, der Mutter etwas anzutun. Vor Ort trifft die Polizei nur die Mutter an, Tarik P. nehmen sie später in seiner Wohnung fest.

Fast sechs Monate später wurde der Fall vor dem Amtsgericht Konstanz verhandelt. Die erfahrene Richterin Andrea Langenfeld bemüht sich um genaue Rekonstruktion der Februartage. Sie scheitert dabei oft an den Erinnerungslücken des Angeklagten. Seit seinem 13. Lebensjahr ist er in Kontakt mit Drogen. Alkohol, Cannabis, Kokain, Amphetamine, bisweilen nimmt er alles durcheinander. Für die Richterin ist Tarik P. längst kein Unbekannter mehr. Sein Strafregister weist 14 Eintragungen vor, die Hälfte davon sind Gewaltdelikte. Er saß bereits mehrfach im Gefängnis und hat Bewährungen immer wieder gebrochen. Die Drogen hätten sein Leben kaputt gemacht, erklärt der Angeklagte. Auch sein Anwalt Gerhard Zahner verweist immer wieder auf die lange Drogenkarriere seines Mandanten. Zur Sache selber, zu den Vorfällen im Februar wolle er sich vorerst nicht äußern. Nur so viel: Er liebe seine Freundin noch immer, sie sei die perfekte Frau für ihn, noch nie habe er zuvor so für eine Frau empfunden, bekennt er.

Aber tut man dann jemandem, den man so liebt, so etwas an? "Ich weiß doch auch nicht", sagt Tarik P. und zuckt mit den Schultern. P.s Geschichte hätte nicht hier vor dem Amtsgericht enden müssen. Er kam als Baby mit seinen Eltern aus Kurdistan nach Deutschland. Es gab auch in seinem Leben immer mal wieder Lichtblicke. Seinen Realschul-Abschluss macht er mit einer Durchschnitts-Note von 2,1. Es hätte für ihn ein anderes Leben geben können. Aber an jeder relevanten Wegegabelung entschiedt sich P. für die Drogen. Sein Leben entgleitet ihm.

Dabei hat er noch immer ein soziales Netz, das ihn auffängt. Bei der Verhandlung sitzen viele Verwandte und Freunde im Zuschauerraum des Amtsgerichts. Auch Ebru G. ist da. Sie hat ihm offenbar verziehen. Bei der Urteilsverkündung bricht sie in Tränen aus. Das Amtsgericht schickt Tarik P. erneut ins Gefängnis – dieses Mal für zwei Jahre und sieben Monate. Staatsanwältin Stefanie Rumpf hatte zwei Monate mehr gefordert, wegen der besonders großen Brutalität mit der er gegen seine Freundin vorgegangen sei. Das Geständnis des Angeklagten in der Sache wirkte am Ende wohl strafmildernd. Mit diesem Urteil hat P. jetzt auch die Möglichkeit, einen Therapieplatz anzutreten: "Es tut mir leid, was passiert ist. Ich will das unbedingt schaffen, damit so etwas nie wieder passiert", erklärte Tarik P. am Ende vor Gericht.

Gewaltkriminalität

Laut aktueller Kriminalitätsstatistik 2015 des Landes überstieg die Zahl der Gewaltdelikte die Vorjahreszahlen um 5,4 Prozent auf 18.252 Fälle. Der Anstieg bei den Tatverdächtigen (TV) um 4,2 Prozent auf 17.970 TV ist ausschließlich auf eine Zunahme bei den Erwachsenen zurückzuführen. Erstmals seit 2011 gibt es wieder mehr TV unter Alkoholeinfluss.

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