Apothekerin Doris Brunner streicht mit den Fingern noch einmal über die rotbraunen Kacheln des Laborischs im Keller. Es sind Momente voller Wehmut und dennoch Hoffnung. Nach 52 Jahren schließt die Riedapotheke in der Breslauer Straße. Die 61 Jahre alte Doris Brunner, die als letzte Chefin dem Geschäft 17 Jahre lang vorstand, muss die Tür endgültig schließen. Einiges wird aus der Apotheke gerissen und entsorgt, ein Großteil der Einrichtung aber wird im ostafrikanischen Binnenstaat Burundi wieder aufgebaut. Sie wird Teil eines sozialen Betriebs, der Pharmafachpersonal ausbildet und die Grundversorgung von Einheimischen mit Medikamenten zu fairen Preisen sichern will. "Ein Stück der Apotheke lebt weiter in Burundi", freut sich Doris Brunner, die gern für die Aktion die Einrichtung als Spende zur Verfügung gestellt hat.

Mitarbeiter packen mit an

Für den Umzug der Apotheke packen Mitarbeiter des Stadttheaters an, ehemalige Kunden der Ried-Apotheke, aber auch Apotheker-Kollegen, die durchaus in Konkurrenz stehen. Ihre Hilfe ist wichtig: Viele Aptheker-Instrumente sind extrem empfindlich, es braucht Expertenwissen, um diese fachgerecht und bruchsicher zu verpacken. "Alle gemeinsam für ein tolles Projekt", sagt Doris Brunner. Hinter diesem steht der Verein Burundikids, der in Burundi die Ecole Polyvalente Carolus Magnus betreibt. Das Stadttheater Konstanz, das Projekte in Afrika unterstützt, hat die Apothekenspende vermittelt und kümmert sich um die Verfrachtung in den Container für die große Reise.

 

Ingo Putz, Junges Theater, und Dramaturgin Miriam Fehlker helfen beim Einpacken. Das Konstanzer Theater engagiert sich für Projekte in ...
Ingo Putz, Junges Theater, und Dramaturgin Miriam Fehlker helfen beim Einpacken. Das Konstanzer Theater engagiert sich für Projekte in Afrika. | Bild: Claudia Rindt

Trost für Apothekerin Doris Brunner

Für Doris Brunner ist es ein Trost, dass ihre Apotheke so nicht ganz verschwindet. Im Berchengebiet aber endet der Traditions-Betrieb, der 50 Jahre lang Erfolge feierte, dann aber in die Krise kam und aufgeben musste. Doris Brunner hätte gern mindestens bis in ihre 63. Lebensjahr die Apotheke weiter geführt. Doch es kam zu viel dazwischen. Die Breslauer Straße, die einst als die Einkaufsstraße im Quartier geplant war, verlor immer mehr Geschäfte. In der Riedstraße und Nachbarschaft öffneten neue Filialen eines Supermarkts, einer Apotheke und einer Bank.

Alte Kundschaft bricht weg

Das habe ihrem Betrieb schwer zu schaffen gemacht, dazu sei das Wegsterben alter Kundschaft und schließlich der überraschende Ausfall der Arztpraxis über der Apotheke gekommen. Unter diesen Bedingungen sei das Geschäft nicht mehr zu halten gewesen. "Tante-Emma-Apotheken sind nicht mehr zeitgemäß." Die Politik habe durch Gesetze den Schwund befördert, sagt Doris Brunner, und das bestätigt auch die Landesapothekenkammer. Nach ihren Zahlen hatte der Landkreis Konstanz im Jahr 2017 62 Apotheken, zehn weniger als vor zehn Jahren.

Im Umfeld von Ärzten

Kammer-Sprecher Stefan Möbius weiß, dass bis zu 80 Prozent der Umsätze in einer Apotheke auf Kunden einer nahen Arztpraxis zurückzuführen sind. Die Konzentration von Ärzten in entsprechenden Häusern trage ebenso zum Strukturwandel bei wie Entscheidungen der Politik. Er nennt einen ganzen Strauß von Gründen. So sei der Festbetrag, der dem Apotheker beim Verkauf eines Medikaments zusteht, seit Jahren nicht mehr erhöht worden, dazu kommen Versandapotheken aus dem Ausland, die nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht an die deutsche Preisordnung für verschreibungspflichtige Arzeimittel gebunden sind. Sie können die niedergelassenen Apotheker auch bei rezeptpflichtigen Medikamenten im Preis unterbieten. Seit 2004 dürften Apotheken bis zu drei Filialen betreiben, wobei jede einen eigenen Apotheker haben muss, und sie dürfen selbst bundesweit verschreibungspflichtige Arzneimittel versenden. In der Regel kämen solche Geschäfte aber vor allem für die Großen der Branche in Frage, sagt Möbius.

Seit 17 Jahren Chefin

"Da steckt viel Herzblut drin", sagt Doris Brunner rückblickend zu ihrer Zeit in der Ried-Apotheke. Sie arbeitete dort vor 30 Jahren als Angestellte, ging dann in Mutterschutz, und kam vor 17 Jahren als Chefin wieder. Vom Vermieter, der Wohnungsbaugesellschaft Konstanz, hätte sie sich zum Abschied Einfühlungsvermögen und Mitmenschlichkeit erwartet.

Der Apothekenmarkt verändert sich

  • Die alte Apotheke: Die Ried-Apotheke war 1966 von Georg Seuffert und Klaus Vollmar gegründet worden. Im Neubaugebiet um die Breslauer Straße diente sie der klassischen Nahversorgung. Schon vor wenigen Jahren sagte die letzte Chefin Doris Brunner, sie hoffe, dass die Filial- und Internet-Apotheken das Modell der Nahversorgung nicht zerstören, und die Betriebe bleiben können, die ganz nah dran sind am Kunden.
  • Der Strukturwandel: Deutschlandweit sinkt die Zahl der Apotheken. Gerade die Kleinbetriebe ohne weitere Filialen verschwinden vom Markt. Anders als bei Ärzten ist die Gründung von Apotheken bei entsprechender fachlicher Eignung nicht reguliert. Seit 2004 darf ein Unternehmen bis zu drei Filialen betreiben. 2017 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass Versand-Apotheken aus dem EU-Ausland nicht an die deutsche Preisvordnung für verschreibungspflichtige Medikamente gebunden sind. Neben einer Händlermarge von drei Prozent bekommt der Apotherker pro rezeptpflichtigem Medikament fix 8,35 Euro.
  • Das Spendenprojekt: Wer den Aufbau des Apotheken-Ausbildungsbetriebs im burundischen Bujumura unterstützen möchte, kann an den eingetragenen Verein Burundikis spenden. In Apotheken stehen dazu Spendengläser bereit, und ein freilich auch ein Spendenkonto: IBAN: DE50 4306 0967 4045 9481 00.