Herr Engelsing, vor elf Jahren wurden Sie Museumsdirektor in Konstanz. Vor kurzem haben Sie dem Kulturausschuss die Zehn-Jahres-Bilanz vorgelegt. Wie fällt die denn aus?

Die Bilanz ist sehr positiv. Vor zehn Jahren haben wir einen großen Reformprozess gestartet und bis jetzt wesentliche Teile geschafft. Insbesondere das Rosgartenmuseum war in einem bedauernswerten Zustand: Das Museum hatte eine längere Sanierungsphase hinter sich, war dann einige Zeit geschlossen, dann gab es eine Personalvakanz in der Führung, wodurch die Besucherzahlen abgesackt sind. Als ich Anfang Januar 2007 begonnen habe, war mir klar: Wir müssen an vielen Ecken anpacken, inhaltlich attraktive Sonderausstellungen anbieten, die Dauerausstellungen komplett erneuern, die Besucherfreundlichkeit erhöhen, ein Museumscafé gründen und unsere Museums-Shops modernisieren. Klar war auch, dass sich die zentralen Dienste professionalisieren mussten: Die Öffentlichkeitsarbeit, das Fundraising, der Umgang mit Förderern und Mäzenen und die Sammlungsorganisation, unser Technischer Dienst – alles, was ein erfolgreiches Museumsunternehmen ausmacht. Unser engagiertes und motiviertes Team hat zehn Jahre lang geschuftet und so konnten wir die vier kommunalen Konstanzer Museen reformieren und überregional ausstrahlen lassen.

Stichwort Mäzenatentum. Warum ist Konstanz dafür nicht unbedingt bekannt?

(schmunzelt) In Konstanz leben zwar viele wohlhabende Menschen, aber die wollen hier ihren Ruhestand genießen und nicht angezapft werden. Die Spendenfreundlichkeit ist bei uns nicht ganz so ausgeprägt, wie sie in Städten mit großen Unternehmen oder etwa in der Schweiz üblich ist. Hinzu kommt, dass Konstanz keine starken Banken mehr hat. Wir haben zwar mit der Sparkasse Bodensee einen sehr treuen Förderer und Partner an unserer Seite. Aber andere Banken, die vor ein paar Jahren noch Kultursponsoring betreiben konnten, haben die Etats nicht mehr.

Gibt es andere Förderer außer den Banken?

Es ist sehr schwierig, in unserer industrieschwachen Stadt starke Sponsoringpartner zu finden, um Ausstellungsprojekte, Ankäufe, Rahmenprogramme oder Publikationsvorhaben mit zu finanzieren. Aber wir haben zum Glück unsere wachsende Museumsgesellschaft, zwei weitere Fördervereine, die Werner-Konrad-Siegert-Stiftung, die seit 2009 am Rosgartenmuseum aktiv ist, und etliche treue Mäzene. In zehn Jahren konnten wir so rund eine Million Euro Stiftungs- und Drittmittel einwerben. Fundraising und Partnerpflege sind heute Top-Aufgaben von Museumsdirektoren.

Warum existieren in der Schweiz mehr Mäzene, die die Kunst unterstützen?

Wenn man in der Schweiz Vermögenswerte in eine Stiftung überführt, erhält man mehr Steuervorteile als bei uns. Zudem lebt dort die alte bürgerliche Tradition, nach der wohlhabende Menschen etwas für das Gemeinwesen tun wollen. Deshalb arbeiten wir übrigens auch sehr gerne mit Schweizer Kooperationspartnern zusammen: Wir begreifen den Bodenseeraum in unseren Ausstellungen immer als einen gemeinsamen Kulturraum. Nebenbei kommen wir so zuweilen auch in den Genuss von Schweizer Fördermitteln, etwa vom Lotteriefonds, wofür wir sehr dankbar sind. Und wir schaffen es mit unseren Aktionen dann auch immer wieder ins Schweizer Fernsehen.

Was die Räumlichkeiten der Konstanzer Museen angeht, stoßen Sie schnell an die Grenzen. Welche Träume haben Sie?

Konstanz wird sich in den nächsten Jahren die Frage stellen müssen, ob die Stadt mit ihrem Ausstellungsangebot an innovative Städte wie Friedrichshafen, Bregenz, Rorschach, Schaffhausen oder ans Kunsthaus Thurgau in Ittingen anschließen will. Überall hat man erkannt, dass Ausstellungsangebote ein wichtiger Standortfaktor sind im kulturell motivierten Fremdenverkehr. Unsere Ausstellungsräume sind zu klein und veraltet, um Großformate, großzügige historische Ausstellungen oder gar zeitgenössische Installationen, Plastik oder Malerei zeigen zu können. Unsere Häuser leisten viel, aber wir geraten ins Hintertreffen. Mein Traum ist sehr konkret: Zweimal 400 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche.

Warum haben wir kein Kunsthaus für die zeitgenössische Kunst?

Ich glaube, dass wir uns angesichts der kommunalen Investitionsprojekte der nächsten Jahre und angesichts des Bodenseeforums, das erwartungsgemäß ein Kostenfaktor bleiben wird, ein eigenes Kunsthaus mit Infrastruktur und neuem Personal ausschließlich für zeitgenössische Kunst nicht werden leisten können. Die Lösung auch für die zeitgenössische Kunst liegt in zusätzlichen Ausstellungsflächen, die von Kulturamt, Kunstverein und Museen gemeinsam genutzt werden könnten. Verwaltung und Gemeinderat haben das Thema erkannt, das Nachdenken hat begonnen – das ist schon einmal viel wert.

Sie meinen den Bildungsturm?

Nein, der Bildungsturm ist auch ein begrenzter Raum, große Würfe sind dort nicht machbar. Wir brauchen zwei richtige Ausstellungssäle. Der Turm wird sich einem anderen hier noch wenig bespielten Bereich widmen: der angewandten Kunst, also der Grafik, dem Produktdesign und verwandten Gebieten. Das Konzept wird Kulturamtschefin Sarah Müssig in Kürze vorstellen.

Warum gehen Menschen heute ins Museum oder in eine Galerie?

Der klassische Bildungsbürger von früher, der die Symbolsprache eines Barockportraits entschlüsseln konnte, ist eine seltene Spezies geworden. Heute gehen sehr viele Einheimische und Kulturreisende in eine Ausstellung, weil sie gebildet, angeregt, aber auch qualitätsvoll unterhalten werden wollen. Heutige Museumsmacher müssen also die prekäre Balance zwischen Bildungsauftrag, historisch-gesellschaftlicher Reflexion und dem Bedürfnis der Kundschaft nach Schönheit und gut gemachter Unterhaltung finden: Wir dürfen das Aufklärerische der eigenen Forschung und Sammlungsarbeit nicht verraten, müssen die Besucher aber so verständlich und gefällig ansprechen, dass sie gerne und wieder kommen. Hier stoßen wir an bauliche Grenzen. In der Wessenberg-Galerie kann man nur recht kleine Formate zeigen. Wenn Sie in diesem Domherrenhof ein schweres Werk aufhängen wollen, kommt ihnen die einstige Wohnzimmerwand des Herrn von Wessenberg samt Kalkmörtel und Gemälde entgegen. Mit zusätzlichen Ausstellungsflächen könnten wir unsere Besucherzahlen, die Einnahmen und die Strahlkraft von Konstanz weiter steigern, so, wie das andere Städte längst tun. Ein bisschen mehr Ehrgeiz in dieser Hinsicht sollte sich Konstanz zulegen!

An welche Adresse geht dieser Appell?

Zunächst an die Bürgerschaft, die das unterstützen und an den Gemeinderat, der darüber befinden muss, ob das kluge strategische Ziele der Kulturpolitik wären. Und zu allererst an die Verwaltungsspitze, denn ohne unser Dreigestirn geht natürlich gar nix.

Wo sehen Sie den Stellenwert der Museumslandschaft in Konstanz?

Wir schlagen uns tapfer: Die Museen zählen, die Eintrittskarten des Sealife-Centers mitgerechnet, rund 230 000 Besucher im Jahr. Wenn wir Sealife weglassen, was man nicht tun sollte, weil unser Bodensee-Naturmuseum an den Eintrittskarten beteiligt ist, dann haben die Museen 80 000 bis 85 000 Besucher im Jahr. Wir werden weiterhin anspruchsvolle kunsthistorische und historisch relevante Themen aufgreifen, ohne in eine reine Eventkultur abzurutschen. Für die Museen wird es keine Option sein, fertige Ausstellungen mit großen Namen einzukaufen und zur Vernissage einen roten Teppich über den Dorfplatz zu legen. Wir haben einmalig große eigene Sammlungen, forschen grenzüberschreitend mit anderen Museen und Hochschulen und erinnern auch an Künstler und an historische Ereignisse, die nicht im süffig konsumierbaren Mainstream liegen. Ein Beispiel: Vor drei Jahren haben wir das „Jüdische Konstanz“ präsentiert, die Leistungen der jüdischen Familien für die Stadt gezeigt und den Raub beschrieben, der an ihrem Eigentum begangen wurde, als sie deportiert wurden – auch unbequeme Geschichten gehören zum Bildungsauftrag.

Nehmen Konstanzer diese Angebote auch wahr? Oder sind hauptsächlich Touristen in den Museen zu Gast?

Im Land besuchen die Einwohner einer Stadt rein statistisch betrachtet 1,4 Mal im Jahr das lokale Museum. Das haben wir noch nicht ganz erreicht: Konstanz hat 83 000 Einwohner – etwa die Hälfte unserer Besucher sind jedoch Touristen. Manchmal habe ich am historischen und künstlerischen Interesse der Eingeborenen so den einen oder anderen Zweifel. Aber wir werben geduldig um ihre Gunst. Manch ein alter Konstanzer sagt dann nach einem Besuch: „Im Rosgarte war i s`letzscht Mol in de vierte Klasse, aber etz kumm i wieder öfters…“

Woran liegt das?

Die Konstanzer sind ein sehr festfreudiges Volk und haben jede Woche die Möglichkeit, auf einer Vielzahl von Festivitäten ihre Freizeit zu verbringen. Vielleicht liegt da die kulturelle Bildung nicht so nahe, wenn es überall ein Viertele gibt (lacht). Obwohl es dieses Viertele ja auch bei unseren Vernissagen gibt – sogar „umesuscht“!

Die Konstanzer Kultur war zuletzt in den negativen Schlagzeilen aufgrund der Querelen rund um die letztlich nicht bewilligte Vertragsverlängerung für Theaterintendant Christoph Nix. Wie sehr hat das dem Ansehen der Kultur und der Stadt geschadet?

Der negative Eindruck, der von allen Beteiligten erzeugt wurde, ist im Zeitalter pausenloser Kommunikation glücklicherweise kein dauerhafter, denn man kann ihn rasch überschreiben durch Erfolge. Insofern bin ich zuversichtlich, dass unser erfolgreiches Theater in der nächsten Zeit wieder positive Schlagzeilen produzieren wird. Als bizarr empfand ich die Tonlage, die der Intendant Christoph Nix zuletzt angeschlagen hat. Wenn er im Interview den Dramatiker Ibsen bemüht, den Volksfeind im Rathaus sitzen sieht und sich zum Alleinvertreter einer kommunalen Außerparlamentarischen Opposition gegen eine angeblich autokratische, freiheitsfeindliche Stadtspitze stilisiert, dann wird es arg populistisch und alle nehmen Schaden – auch der verdienstvolle Intendant.

Fragen: Andreas Schuler

 

Zur Person

Tobias Engelsing leitet seit 2007 die vier städtischen Museen. Zuvor war er 14 Jahre lang Lokalchef des SÜDKURIER in Konstanz. Studiert hat er Geschichte, Jura und Politik und bei Professor Lothar Burchardt an der Uni Konstanz in Geschichte promoviert. Engelsing hat zahlreiche Bücher und Veröffentlichungen zu Themen der Geschichte des Bodenseeraumes publiziert und ist bis heute als Autor für verschiedene Zeitungen tätig. Die städtischen Museen Rosgarten, Wessenberg, Naturmuseum und Hus-Haus hatten 2017 mit dem Sealife-Center 230 000 Besucher. Ohne das Sealife, an dessen Eintrittskarten die Stadt beteiligt ist, hatten die Museen 80 000 bis 85 000 Besucher. Der größte Teil des 4,5 Millionen Euro umfassenden Gesamthaushalts wird durch städtische Mittel aufgebracht. Daneben werden Erträge erwirtschaftet, unter anderem durch Eintrittsgelder, Führungsgebühren, das Museumscafé, Shop-Erlöse und Einnahmen aus Lizenzvergaben. 2017 erwirtschafteten die Häuser 588 000 Euro ordentliche Erträge inklusive 65 000 Euro Spenden. 2006 waren dies noch 280 000 Euro.