Herr Stracke, Sie sind neuer Ortsvorsitzender der Freien Wähler. Warum haben Sie sich entschieden, dieses Ehrenamt zu übernehmen?

Erst mal finde ich die Lokalpolitik ein ganz spannendes Thema, auch wenn es oftmals mühsam ist. Aber seitdem ich bei den montäglichen Runden der Freien Wähler dabei bin, seit 2009, habe ich auch festgestellt, dass Kommunalpolitik absolut kurzweilig ist.

 

Sie engagieren sich bei den Freien Wählern und nicht bei einer der etablierten Parteien. Was finden Sie an dem Konzept Freie Wähler spannend?

Es ist eben genau der Punkt, dass ich mich in den etablierten Parteien nicht so wirklich wiederfinden kann. Ich habe den Eindruck, dass oftmals die Landes- oder Bundespolitik durchaus in die Kommunalpolitik hineinspielt. Ich finde, das sollte gerade nicht so sein. Als Freier Wähler habe ich die Möglichkeit, mich voll und ganz auf die kommunalen Belange zu konzentrieren.

 

Auf der anderen Seite kann man sagen, die Freien Wähler sind ein Sammelsurium von Positionen, wo man nicht so richtig weiß, woran man bei denen ist. Sie haben von dezidiert linksliberalen Stadträten bis hin zu dezidiert konservativen Stadträten alles drin. Ist das nicht auch ein bisschen beliebig?

Nein, ich sehe darin gerade eine Stärke, dass sich wirklich jede Persönlichkeit auch mit jeder politischen Meinung im Prinzip bei uns wiederfinden kann.

 

Wo liegen die Linien, die mit Ihnen als Chef der Freien Wähler nicht zu überschreiten sind?

Linksextremismus und Rechtsextremismus haben auf keinen Fall Platz bei den Freien Wählern.

 

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt als neuer Ortsvorsitzender?

Zunächst einmal möchte ich die innerparteiliche Struktur stärken. Ich möchte die Freien Wähler interessant machen für Außenstehende, die sich bis jetzt sozusagen noch nicht getraut haben, mal reinzuschnuppern. Dafür sind zum Beispiel unsere montäglichen Zusammenkünften um 18 Uhr im Café Wessenberg gut geeignet Und ich möchte auch die Beziehung der Freien Wähler untereinander hier in der Region, in der näheren Umgebung, die Teilorte zum Beispiel, ausbauen.

 

Sie sind 2014 schon mal für den Gemeinderat angetreten. Würden Sie es 2019 wieder machen und haben Sie schon irgendeine Zielmarke, wie viele Stadträte die Freien Wähler gerne stellen würden?

Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich auch 2019 auf der Kandidatenliste stehe. Mit zunehmendem Alter hat man ja auch mehr Freizeit und mehr Zeit für die spannenden Dinge des Lebens. Und das erklärt eben auch, warum relativ viele Menschen im höheren Alter bei der Politik wiederzufinden sind, weil sie einfach in jüngeren Jahren überhaupt keine Zeit haben. Wenn sie Kinder haben, Familie, wenn es um die Existenzsicherung geht und den Aufbau, dann bleibt kaum Luft für Politik. Ich finde es nicht verkehrt, wenn ältere Mitbürger in der Politik zu finden sind. Auch mit seinen Lebenserfahrungen kann man wichtige Akzente setzen. Und für die Wahl 2019 hoffe ich, dass wir einen oder zwei weitere Kandidaten in den Gemeinderat bekommen.

 

Die meisten Konstanzer kennen Sie eher als Veranstalter des Weihnachtsmarkts. Gibt es einen Zusammenhang, dass Sie 2016 Freie-Wähler-Chef werden und gleichzeitig 2017 eine Neuvergabe des Weihnachtsmarkts ansteht?

Das ist reiner Zufall. Ich hatte mich nicht beworben um den Vorsitz, sondern das wurde an mich herangetragen. Für das Vertrauen, das die Freien Wähler in mich setzen, bin ich sehr dankbar. Aber ich sehe eigentlich die Verbindung Weihnachtsmarkt und Freie Wähler eher nachteilig, weil eben der eine oder andere auf den Gedanken kommen könnte, dass es da einen Zusammenhang gibt und diese Themen dann besonders kritisch sieht.

 

Ist es nicht bedenklich, wenn man für ein kommunalpolitisches Ehrenamt sogar noch Nachteile erwarten muss?

So gerne ich den Weihnachtsmarkt weiterführen würde, weil seit 27 Jahren ganz viel Herzblut drinsteckt, ist mir doch das Wichtigste, dass er gut weitergeführt wird und der Erfolg erhalten bleibt. Und das knüpfe ich jetzt nicht unbedingt an meine Person. Es ist nicht so, dass es das Ende meiner Existenz bedeutet oder dass eine Welt zusammenbricht, wenn ich das nicht mehr mache. Auch deshalb kann ich beide Dinge – Weihnachtsmarkt und Freie Wähler – für mich sehr gut trennen.

 

Halten Sie es für verständlich, dass die Stadt den Betrieb dieses Markts jetzt europaweit ausschreiben will?

Es heißt, nach dem neuen EU-Recht seien Städte dazu verpflichtet, sobald Mitbewerber auftauchen, die ein Interesse äußern und die eben an der Stelle auch gerne diese Veranstaltung durchführen würden. Man mag das positiv oder negativ finden. Ich finde, dass dies die Gefahr in sich birgt, dass das Ganze kurzlebiger wird. Wenn da in einem Drei-Jahres- oder Fünf-Jahres-Turnus etwas ausgeschrieben wird, bedeutet das, dass jeder Veranstalter seine Investitionen – und die muss er einfach tätigen – schnell wieder erwirtschaften muss. Er gibt das dann an seine Händler weiter. Ich frage mich, ob bei höheren Kosten die Qualität steigen kann.

 

Ist von diesen angeblichen oder tatsächlich vorhandenen Mitbewerbern mal einer auf Sie zugekommen und hat gesagt, Herr Stracke, übrigens, ich würde das auch gerne machen?

Nein, noch nicht.

 

Überrascht Sie das?

Nein. Es ist üblich, dass man sich da eher bedeckt hält und nicht unbedingt Sinn darin sieht, mit dem bisherigen Veranstalter zu kooperieren oder sich überhaupt auseinanderzusetzen.

 

Gesetzt den Fall, Sie dürfen den Weihnachtsmarkt weitermachen – was versprechen Sie den Konstanzern an Veränderungen und Verbesserungen?

Da muss ich mich bedeckt halten. Wie gesagt, sind wir im Wettbewerb. Das finde ich grundsätzlich auch positiv und begrüße es. Aber meine Ideen werde ich hier nicht an mögliche andere Bewerber weitergeben. Was also neue Ideen anbelangt für die Bewerbung auf 2017/18/19, müssen sich die Konstanzer überraschen lassen, was dann alles geplant ist.

Fragen: Jörg-Peter Rau



Zur Person

Heinrich Stracke, 64 Jahre alt, wurde in Nordhessen geboren und lebt seit 1987 in Konstanz. Der Vater von vier Söhnen ist gelernter Koch, führt ein Souvenirgeschäft in der Ladenzeile am Konstanzer Bahnhof und ist der Veranstalter des Konstanzer Weihnachtsmarktes. 2016 könnte es nach 27 Jahren sein letzter Markt sein, da die Stadt den Betrieb europaweit ausschreiben will. Stracke engagiert sich seit 2008 bei den Freien Wählern, 2014 trat er für die Gruppierung bei den Gemeinderatswahlen an, verfehlte aber die nötige Stimmenzahl für einen Sitz im Rat. Stracke setzt sich ehrenamtlich im Förderverein der Rathaus-Oper ein. Er liebt klassische Musik und Sport sowie Reisen – gerne nach Indien, das Heimatland seiner Ehefrau. (rau)