Wenn bei Marita Kamenzin das Telefon läutet, muss sie denjenigen am anderen Ende der Leitung immer wieder enttäuschen. Sie ist Vorsitzende des Turnvereins Engen und Abteilungsleiterin für den Turnbereich. Schon seit einigen Jahren führt sie lange Wartelisten für das äußerst beliebte Mutter-Kind-Turnen. Wartezeiten von zwei Jahren auf einen Platz sind keine Ausnahme. Gleichzeitig freut sich Stefan Burkart, Geschäftsführer des Fitness-Studios Move in Singen, über steigende Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren.

Auch sportliche Erlebnisse mit Abenteuercharakter wie Canyoning oder Quadtouren sind immer gefragter, verzeichnet Markus Bumiller, Inhaber der MB Events & Adventure Agentur aus Moos. Sport und Bewegung liegen derzeit nicht nur voll im Trend, sondern sind „unbestritten zentrales Element unserer modernen Gesellschaft“, konstatiert Singens Leiter des Fachbereichs Sport, Bernd Walz. Gleichzeitig ist die Sportlandschaft in Bewegung wie lange nicht. Vereine müssen sich neu ausrichten, es gibt so viele Sport-Großveranstaltungen wie noch nie. Sportangebote, die sich an den Bedürfnissen des Einzelnen orientieren, nehmen zu und erreichen ihre Zielgruppe immer häufiger, wie beispielsweise Fitness-Apps, auf digitalem Weg.

„Wir nehmen nur noch Anmeldungen von Kindern aus Engen und den Ortsteilen an“, schildert Marita Kamenzin vom TV Engen die Konsequenz aus der extrem hohen Nachfrage für das Mutter-Kind-Turnen. Sie ist seit vielen Jahren Vereinsvorsitzende. Fehlender Nachwuchs beschäftigt sie kaum, dafür die schwierige Suche nach neuen Übungsleitern. Gerade sucht sie nach einer neuen Zumba-Instrukteurin. Das sei nicht ganz einfach, denn die Instrukteure für diesen angesagten Gruppensport wollten aufgrund teurer Ausbildung gut bezahlt sein. Axel Leitenmair, Geschäftsstellenleiter und langjähriger Turn-Trainer vom Stadtturnverein Singen, schildert die aktuelle Situation ähnlich. „Es war schon immer schwierig, Leute zu finden, die bereit sind, ihre Freizeit zu opfern“, sagt er zur Suche nach kompetenten Übungsleitern. Nur seien mittlerweile eben noch weniger Menschen dazu bereit. Nachwuchssorgen im eigentlichen Sinne hat auch der Singener Stadtturnverein nicht.

Was den Turnvereinen die Übungsleiter sind, sind den Fußball-Vereinen die Trainer. „Wir haben einen guten Zulauf im Verein“, gibt Thomas Müller, erster Vorsitzende des SC Gobi, zu verstehen. Besonders Kinder kämen in großer Zahl zu dem Verein mit Einzugsgebiet Gottmadingen und Bietingen. Aber eben auch hier sei das Hauptproblem, qualifizierte Trainer zu finden. Zusätzlich fehle es an Vätern, die Ambitionen und Zeit hätten, Jugendmannschaften zu trainieren. In Singen wurde das Training der Fußballjugend ab der D-Klasse vereinsübergreifend auf den Jugendförderverein der Stadt Singen mit hauptamtlichem Trainer übertragen. „Das soll die Qualität anheben und gleichzeitig Kräfte bündeln“, erläutert der Erste Vorsitzende des FC Singen, Volker Mußgnug.

Über zu wenig Nachwuchs kann auch er sich nicht beschweren, aber er stellt fest: „Fußball ist noch immer der Breitensport Nummer eins, aber keine Trendsportart mehr.“ Stattdessen sieht er immer mehr Individualsportarten wie Triathlon stark im Kommen.

Sport und Bewegung bedeuten nicht mehr nur Training und Wettbewerb, sondern dürfen auch gerne Erlebnis sein. Von dieser Entwicklung profitiert Markus Bumiller, der mit seiner Mooser Eventagentur MB Events und Adventures Aktionen wie Rafting, Canyoning, Quadtouren und vieles mehr anbietet. „Die Leute suchen Action, aber auch Entspannung. Der Erlebniskontext ist schnell, unverbindlich und ohne Abo“, das spreche die Menschen an, so Bumiller. Stefan Burkart ist Geschäftsführer des Move Gesundheitsstudios in Singen. Er freut sich über gestiegene Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren. Diese schreibt er teils der Professionalisierung der Kundenakquise zu, aber eben auch dem allgemeinen Fitness-Trend: „Vor fünf Jahren waren gerade einmal neun Prozent der Bevölkerung Mitglied in einem Fitness-Studio, heute sind es bereits 13 Prozent“, erläutert er. Den Fitness-Boom führt er darauf zurück, dass viele Menschen gesundheitsbewusster leben wollen, und auf die Individualisierung. Fitness-Apps orientierten sich noch mehr am selbstbestimmten Individuum – der Markt mit den Sportapplikationen für das Smartphone wachse stetig. Gerade bei Kursen wie Zumba, Yoga, Rückenfit oder Ähnlichem treten Sportvereine und Fitness-Anbieter in direkte Konkurrenz. „Der Kampf wird immer größer“, stellt Axel Leitenmair fest. Dennoch sieht er den Singener Stadtturnverein als konkurrenzfähig an.

Günstige und gleichzeitig qualitativ hochwertige Sportangebote zu bieten, fordert den Vereinen viel ab. Beim SC Gobi wird jedes Jahr eine Fasnachtsparty ausgerichtet, um Einnahmen zu erzielen. „Geld bringen uns außerdem Jugendspieletage und Turniere, an denen wir Würstchen und Kuchen verkaufen“, sagt Thomas Müller. Gleichzeitig sind für ein vielseitiges Sportangebot auch die Kommunen gefragt. Hierzu müssten die Gemeinden infrastrukturelle Rahmenbedingungen bieten, so Bernd Walz, Leiter des Fachbereichs Sport in Singen. Radolfzell und auch Singen haben Sportentwicklungspläne verabschiedet. Sie sehen nicht nur Maßnahmen wie beispielsweise eine neue Sporthalle in Singen vor, sondern auch die aktive Förderung der Sportvereine. „Die Finanzierung der Vereinstätigkeit nur durch Mitgliedsbeiträge wird auch zunehmend schwieriger“, ist dem Singener Fachbereichsleiter bewusst. In der Konsequenz hat die Stadt Radolfzell aktuell die Stelle eines hauptamtlichen Sportkoordinators ausgeschrieben, der die Ehrenamtlichen in den Vereinen entlasten soll. Die Kommunen im Landkreis Konstanz haben den Stellenwert des Sports in der Region längst für sich erkannt: „Sport ist für die Lebensqualität in unseren Kommunen elementar“, bringt es Bernd Walz auf den Punkt.

So sportlich sind die Landkreis-Bewohner

Konstanz: Dort treiben 25 665 Menschen Sport in 78 Vereinen mit Anschluss an den Badischen Sportbund (BSB). Darüber hinaus noch mehr in den 23 weiteren Sportvereinen. In den an den BSB angeschlossenen Vereinen sind 8447 Jugendliche aktiv. Fast 30 Prozent der Konstanzer sind Mitglied in einem Sportverein, und 90 Prozent gaben in der jüngsten Sportverhaltensstudie (2012) an, mindestens einmal pro Woche 60 Minuten sportlich aktiv zu sein.

Singen: Dort gibt es 69 Sportvereine mit rund 18 000 Mitgliedern. Etwa 50 Sportarten werden von den Vereinen angeboten. Mit dem Stadtturnverein Singen ist einer der größten Sportvereine in Südbaden in der Stadt beheimatet – er hat rund 2750 Mitglieder.

Radolfzell: In der Stadt gibt es mehr als 40 eingetragene Sportvereine mit rund 13 700 Mitgliedern. Mit 44,6 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt sind die Radolfzeller Bürger damit außerordentlich stark in Sportvereinen organisiert. Der Landesdurchschnitt liegt bei 35,7 Prozent.

Stockach: Dort gibt es 28 Sportvereine. Darunter sind die größten der VfR Stockach, die TG Stockach und die Skizunft. Der VfR Stockach ist 107 Jahre alt. Die TG organisiert seit sieben Jahren einen Nikolauslauf, der dieses Jahr am 10. Dezember stattfindet.