Meine Recherche, wie die Digitalisierung unser Leben verändert, beginnt unter Wasser. In 20 Metern Tiefe. Vor mir steigen die Sauerstoffbläschen auf, unten am Riff wiegen die Algen in der Strömung hin und her, über mir wird es plötzlich dunkel. Ein Fischschwarm. Und plötzlich: Ein Hai. Die Panik hält sich in Grenzen, denn eigentlich stehe ich mit beiden Beinen fest an Land, genauer gesagt in einem Büro in Konstanz. Mit der Virtual-Reality-Brille aber kann ich mich zumindest virtuell an jeden beliebigen Ort der Welt versetzen. Noch ein wenig verpixelt, aber mit 360 Grad-Blick.

"Gut möglich, dass in ein paar Jahren alle nur noch damit im Wohnzimmer sitzen und so Filme schauen", sagt der Besitzer der Brille, Dominik Gerspacher. Der Mediengestalter und Meryem Mark sind Geschäftsführer des "Media Lab", einer Medienagentur am Zähringer Platz. Fliesenboden, PC-Tische, Besprechungsecke, Kaffeegeruch. Soweit, so gewohnt. Auf den zweiten Blick aber ist das Media Lab beispielhaft für einen Zukunftstrend, der schon jetzt in vielen Bereichen erkennbar ist: Die Sharing Economy, die Ökonomie des Teilens.

Gerspacher und Mark vermieten nämlich Arbeitsplätze in ihrem Büro – von einem Tag bis über Jahre. Freiberufler oder durchreisende Geschäftsleute können bei Bedarf die beiden als Kollegen buchen und die voll ausgestattete Infrastruktur des Media-Lab nutzen – vom Apple-PC bis zur 360-Grad-Kamera. Die Organisation funktioniert über digital vernetzte Kalender, die für Dominik Gerspacher schon lange unverzichtbar sind: "Es geht heute nicht mehr, zu sagen: Ok, ich schaue später mal in meinen Kalender und gebe dir morgen Bescheid.

Das muss sofort sein. Wir können über die Cloud von überall aus arbeiten und antworten. Die Kunden erwarten von uns, dass wir flexibel sind und jederzeit erreichbar sind. Das kann anstrengend sein, aber das mobile Arbeiten ist auch praktisch. Ich kann entweder bis 20 Uhr im Büro sitzen oder um 17 Uhr nach Hause gehen, mit meiner Familie zu Abend essen und dann noch mal von zuhause aus arbeiten", sagt Gerspacher.

Und die ständige Erreichbarkeit, der fehlende Feierabend, alles, wovor Betriebsräte und Skeptiker warnen? "Für unsere Arbeit ist die Erreichbarkeit bis zu einem bestimmten Punkt unverzichtbar und wir sehen eher die Vorteile, die die Digitalisierung mit sich bringt", antwortet Meryem Merk. "Im Privaten nervt die Non-Stop-Erreichbarkeit aber schon mal. Es ist viel schwerer geworden, nicht erreichbar zu sein. Wenn man bei Whatsapp mal nicht sofort antwortet, wird man schnell gefragt: Ich habe doch gesehen, dass du meine Nachricht gelesen hast, warum antwortest du nicht? Diese Erwartungshaltung erhöht den Druck."

Digitaler Ortswechsel. Wie verändert die Digitalisierung die soziale Gesellschaft, unsere Kommunikation? In sozialen Netzwerken wie Instagram oder auf Videoportalen wie YouTube kann ich Menschen wie der 26-jährigen Schweizerin gina.raffaella folgen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, aber mit einem Klick via Bildergalerie zusehen kann, was sie zu Abend isst (Knoblauchbrot), wie sie einen Sommerabend in einer Bar am Konstanzer Hafen verbringt und wie ihre Eltern, Geschwister sowie ihre Katze (schwarz-weiß gefleckt) aussehen. Ich kann ihrem Leben zusehen. Genau, wie es 28 000 andere Nutzer regelmäßig tun, die ihr folgen.

Das Teilen von Dingen, die Share Economy, betrifft schon lange auch das Privatleben. Gerade die sogenannten "Digital Natives" haben meist kein Problem damit, dass ihr Smartphone 1400 mal in der Sekunde registriert, wo sie sich befinden, dass Profile und letztlich Werbung für sie erstellt wird. Die Alternative wäre, lange Nutzungs- und Datenschutzrichtlinien durchlesen, über verschlüsselte IP-Adressen ins Netz zu gehen, Ad-Blocker an- und Ortungsdienste ausschalten. Aber den meisten Nutzern ist das zu aufwendig – oder sie wissen gar nicht erst, wie sie sich schützen können. "Die Vorstellung, dass nur das öffentlich wird, was der einzelne explizit von sich preisgibt, stellt sich in der vernetzten Welt zunehmend als Illusion heraus", sagt Jürgen Neuschwander, Dekan der Fakultät Informatik der Hochschule Konstanz und Vorstandsmitglied bei dem Netzwerk Cyberlago.

Dass gina.raffaella 28 000 User folgen, zeigt aber auch eine andere, positive gesellschaftliche Entwicklung: Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, in der jeder berühmt und wichtig werden kann. Egal, ob er Schminktipps gibt oder für politische Themen kämpft, die sonst nie gehört worden wären. Das Internet ist, zumindest prinzipiell, hierarchielos und schert sich nicht um Herkunft, Doktortitel oder Geld, mit dem früher Meinung gemacht wurde und Öffentlichkeit hergestellt wurde. Die Stimme des Volkes wird sicht- und hörbarer, mit all ihren Sonnen-, aber natürlich auch ihren Schattenseiten – man denke nur an Hasskommentare auf Facebook oder manipulierte Nachrichten.

Wenn es um das Thema Digitalisierung geht, kann man die unterschiedlichen Zukunftsvisionen auf zwei entgegengesetzte Szenarien herunterbrechen. Die einen sehen Utopia, das digitale Schlaraffenland von morgen, in der Wissen und Bildung für alle zugänglich ist, in der man über das Smartphone alles bekommt, was man gerade braucht, vom der Schlagbohrmaschine bis zur großen Liebe. Egal, wo man gerade ist – Hauptsache, man hat Netz.

Die anderen sehen Orwells "1984" oder die modernere Roman-Variante "The Circle" zur bedrohlichen Realität werden. Sie zeichnen eine Dystopie, in der es gläserne Menschen, die totale Vernetzung und Kontrolle gibt, gesteuert von mächtigen Datenkraken aus dem Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt die Antwort, wie so oft, dazwischen. Die Gesellschaft steht vor einem digitalen Umbruch. Die technischen Möglichkeiten sind da, die Welt besser zu machen. Die Frage ist nur, wie die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik damit umgehen. Was passiert mit all den Daten? Wie kann "Big Data" einerseits ökonomischen Nutzen bringen und andererseits die Privatsphäre des Einzelnen wahren? Bedeutet "smart" einfach nur Effizienzsteigerung? Welche Antworten es darauf im Jahr 2020 geben wird, ist heute nur schwer abzuschätzen. Fest steht: Es wird ein Morgen geben – wenn auch ein etwas anderes.