Konstanz "Hauptsache dritte Kraft werden": Linken-Spitzenkandidat Bartsch in Konstanz

Dem Politiker hören im Publikum überwiegend Anhänger der Partei Die Linke zu, darunter viele Studenten, die das Thema Wohnungsnot umtreibt.

Den großen Lacher hat Dietmar Bartsch sicher. "Ich weiß ja nicht, wie das in Konstanz ist", fragt er bei seinem Wahlkampfauftritt im Konstanzer Konzil, "aber in Rostock, wo ich herkomme, bekommen Studenten kaum mehr bezahlbare Wohnungen". Das mehrheitlich junge, studentische Publikum kommt aus dem Nicken gar nicht mehr heraus. Zumal die deutliche Mehrheit im gut besuchten Saal Anhänger linker Politik ist. Bezahlbarer Wohnraum, das sitzt auch in Konstanz, wo es die Partei Die Linke sonst schwer hat.

Der 59-jährige Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidat für die Bundestagswahl ist ein erfahrener Redner. Er weiß um die Feinheiten im Wahlkampf. Häufig sagt er, worüber er "ja gar nicht reden will": über Finanzminister Wolfgang Schäubles Beharren auf der schwarzen Null, über die verantwortungslosen Diesel-Hersteller, über ausbeuterische deutsche Milliardäre. Dietmar Bartsch scheint zu wissen: Diese kurzen Einwürfe, diese grundsätzlichen Ideen linker Politik bleiben beim Publikum hängen.

Ziemlich abgehetzt kommt Bartsch nach Konstanz, tagsüber ist er in Stuttgart bei einer Kundgebung gemeinsam mit seiner Co-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht aufgetreten. "Man sollte es nicht glauben, aber auch mit einem grünen Ministerpräsidenten kann es zu heftigen Staus kommen." Diese Spitze lässt er sich als Erklärung für seine Beinahe-Verspätung nicht nehmen. Ebenso wenig wie die Bemerkung über das "schlechte Handynetz, dass es sogar hier im Ländle gibt".

Bartsch kommt auf Einladung von Simon Pschorr, Bundestagskandidat im Wahlkreis Konstanz. Der 25-Jährige kündigt ihn zugleich als "Oppositionsführer in Deutschland an". Noch ist Die Linke dritte Kraft im Bundestag. Bartsch wirbt in seiner Rede darum, dass das auch nach dem 24. September so bleibt – und nicht die AfD rechts vorbeizieht. Vor allem aber fällt er, der als gemäßigte Stimme der Linken gilt, ein vernichtendes Urteil über die Große Koalition, auch über die SPD. Das Kanzlerduell im Fernsehen vor einigen Tagen wird bei ihm zum "Kanzlerduett", weil sich die beiden Kontrahenten allzu einig seien. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird zum "ehemaligen Bürgermeister aus Würselen, der auch keine wirkliche Alternative darstellt". Deutliche Worte für jemanden, der kurz darauf sagt: "Natürlich wünsche ich mir ein Mitte-Links-Bündnis."

Weil ihm diese Themen in der Diskussion zwischen Angela Merkel und Martin Schulz fehlten, wirbt Bartsch für die Rückkehr zur Solidargemeinschaft und die Besinnung auf eine Friedenspolitik. Beim Publikum kommen seine Forderungen nach höheren Spitzensteuersätzen, nach einer stärkeren Belastung für große Unternehmen und nach einem Ende der Rüstungsexporte gut an. Vertretern der Wirtschaft sind sie ein Graus. Sie werfen der Linken vor, Unternehmen mit einer solchen Politik zu zerstören. Der studierte Ökonom sagt dazu: "Wir sind doch nicht behämmert und machen die eigene Wirtschaft kaputt.

" Es könne aber seiner Meinung nach auch nicht sein, dass sich "die Verantwortlichen des Dieselskandals Jahr für Jahr die Taschen vollmachen". Aber eigentlich, eigentlich will er darüber ja gar nicht reden an diesem Abend.

"Die Wahl ist noch nicht entschieden"

Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Linken, stellte sich nach seinem Wahlkampfauftritt im Konstanzer Konzil den Fragen des SÜDKURIER zu den Aussichten bei der Bundestagwahl am 24. September.
Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Linken, stellte sich nach seinem Wahlkampfauftritt im Konstanzer Konzil den Fragen des SÜDKURIER zu den Aussichten bei der Bundestagwahl am 24. September.

Herr Bartsch, die Wahl ist doch entschieden. Bringen Wahlkampfauftritte denn jetzt noch etwas?

Die Wahl ist noch nicht entschieden. Das sagen manche Medien, aber noch ist vieles offen. Denken Sie an Nordrhein-Westfalen. Dort haben lange alle gedacht, Hannelore Kraft bleibt Ministerpräsidentin. Sie wurde abgewählt. Denken Sie an die US-Wahl, denken Sie an den Brexit. Meinungsinstitute irren sich. Deshalb sollte man weder auf positive noch auf negative Umfragen viel geben, sondern kämpfen.

Warum muss Die Linke dritte Kraft im Bundestag bleiben?

Dritte Kraft zu bleiben, ist für das Land und Die Linke nicht nur politisch wichtig. Die Frage steht, wird dritte Kraft eine rechtspopulistische Partei oder Die Linke? Eine Entscheidung der Wähler für uns würde zudem soziale Gerechtigkeit und Friedenspolitik im Land stärken. Als größte parlamentarische Oppositionspartei hat man bessere Chancen. So hatte ich im Wechsel mit Sahra Wagenknecht zuletzt das Privileg, direkt nach der Kanzlerin auf Regierungserklärungen zu antworten. Sind Sie sechste Kraft, wird weniger auf Sie geachtet.

Wie verhindern Sie, dass wie in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Wähler von den Linken ausgerechnet zur AfD abwandern?

Wir haben nach den dortigen Wahlen Schlussfolgerungen gezogen und deutlicher gemacht, dass unsere erste Aufgabe ist, die Große Koalition zu stellen, die Mehltau über das Land gelegt hat. Unsere Kernaufgabe ist es, den sozialen Zusammenhalt in Deutschland, die Balance wiederherzustellen. Die Menschen haben in abgehängten Regionen das Gefühl, niemand steht für uns ein, niemand kämpft für uns. Sie finden jetzt wieder zu uns. Deshalb bin ich sicher, dass sich Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern so nicht wiederholen werden. In den Landtagen hat sich die AfD dort als Chaos-Truppe präsentiert.

Warum fällt Wahlkampf für die Bundestagswahl in Baden-Württemberg leichter als bei der Landtagswahl?

Ob er leichter fällt, weiß ich gar nicht. Aber auch im Ländle weiß jeder, dass Die Linke in den Bundestag kommt. Im Land hat man hier eher die Sorge, ob die Partei überhaupt ins Parlament einzieht. Zudem gibt es bei der Bundestagswahl zwei Stimmen. Die Zweitstimme ist hier auch immer eine Stimme für Bartsch/Wagenknecht – in Baden-Württemberg zudem für Bernd Riexinger als Spitzenkandidaten.

Geht Ihnen das Herz auf, wenn sich mit Simon Pschorr ein 25-Jähriger für ein Bundestagsmandat bewirbt?

Ich finde es toll, wenn junge Menschen wie Simon Pschorr politisiert sind und für den Bundestag kandidieren. Er ist klug, dynamisch und sozial. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen wie er den Sprung in den Bundestag schaffen. Das wird dieses Mal bei ihm noch nicht klappen, aber vielleicht beim nächsten Mal. Zuletzt haben wir ein bisschen vernachlässigt, das zu forcieren. Das sollte sich bei der nächsten Wahl ändern.

Fragen: Benjamin Brumm

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