Am Montag, 10. September 2012, haben Sie um 16.25 Uhr Ihren Amtseid abgelegt. Jetzt haben Sie Halbzeit. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an den Start damals denken?

An eine große Welle, die auf mich zugekommen ist. Eine Welle von Glückwünschen, Schulterklopfen, Erwartungen, kritischen Stimmen, „der wird schon noch sehen“, Briefen, E-Mails, Anrufen. Es waren ein paar sehr beeindruckende Wochen für mich.
 

Was würden Sie heute anders machen?

Wahrscheinlich würde ich ein paar weniger Baustellen aufmachen.
 

Zum Beispiel?

Wir haben schon wahnsinnig viel gemacht in den vier Jahren, und wir haben auch noch nicht jede dieser Baustellen wieder zu. Stichwort alternative Verkehrsmittel zum Beispiel. Es sind wahnsinnig viele Erwartungen mit der Wahl seinerzeit verbunden gewesen, mit dem Neuanfang im Gemeinderat, in der Verwaltung, insgesamt politisch. Ich würde heute vielleicht ein bisschen mehr Geduld haben, anstatt selber noch aufs Gas zu drücken. Aber so war es halt, vor allem für die Verwaltung war das stellenweise ganz schön heftig.
 

Ihr Schreibtisch ist nicht mehr der, an den Sie sich damals gesetzt haben. Aber sind Sie noch der Uli Burchardt, der Sie waren, als Sie zum ersten Mal durch diese Tür durchgegangen sind?

Ich glaube, im Wesentlichen ja. Vier Jahre älter, einiges gegerbter, aber im Wesentlichen ja.
 

Zum Gerben braucht man aggressive Gerbstoffe. Woher kommen die?

Aus dem kommunalpolitischen Alltag, aus den kleinen und größeren Auseinandersetzungen, die mal mehr und mal weniger heftig sind, die dazugehören. Das weiß man vorher, trotzdem strengen die manchmal an und die meine ich mit „gerben“.
 

Können Sie verstehen, dass es Bürger in der Stadt gibt, die den Eindruck haben, dass Sie nicht mehr der Uli Burchardt sind, der auf dem Obermarkt am Wahlkampfstand stand?

Die Leute, die mich schon vor vier Jahren persönlich gekannt haben, spiegeln mir das heute nicht zurück. Eine Veränderung, denke und hoffe ich, macht jeder zwischen 40 und 45, auch ich. Und wie gesagt, es kommt viel Erfahrung dazu. Aber an meinen Grundwerten oder Grundhaltungen oder dem, wofür ich vor vier Jahren angetreten bin, hat sich überhaupt nichts geändert.
 

Im Wahlkampfprospekt hatten Sie mit Bezug auf Ihre Ausbildung geschrieben: „Diese Erdung hält fürs Leben“. Wie konnte es dann passieren, dass Sie die Dynamik der Auseinandersetzungen zum Beispiel um die Pappeln im Tägermoos oder das Scala-Kino so unterschätzt haben?

Es ist interessant, dass es für Sie so feststeht, dass ich die unterschätzt habe. Das hat mit Erdung nichts zu tun. Das sehe ich als zwei völlig unterschiedliche Themen. Erdung heißt für mich, in den eigenen Werten und Grundhaltungen verwurzelt zu sein und von denen nicht abzurücken, auch wenn es schwierig wird. Die Heftigkeit dieser beiden angesprochenen Auseinandersetzungen sicher unterschätzt zu haben, hat damit nichts zu tun. Das hat vielleicht etwas zu tun mit Erfahrung, das hat vielleicht auch damit etwas zu tun, dass sie beide in Zeiten gefallen sind, wo für mich extrem viel anderes los war.
 

Aber Sie würden schon sagen, diese Themen haben eine Dimension angenommen, die zu Beginn der Debatte so nicht zu erwarten war?

In beiden Fällen gab es erst überhaupt keine Debatte, obwohl die Themen von Beginn an öffentlich waren. Beide Debatten sind gezielt begonnen worden und haben mich dann in der Tat in der Heftigkeit überrascht. Nicht nur mich, sondern durchaus so gut wie jeden anderen, mit dem ich darüber gesprochen habe.
 

Es gibt Menschen in der Stadt, die werfen Ihnen vor, Sie hätten Ihr Ohr und Ihr Herz nicht mehr bei den Bürgern.

Ich habe mich sehr selbstkritisch hinterfragt auf diesen Vorwurf hin. Ich denke, dass er nicht zutreffend ist. Ich bin überzeugt, dass ich im Rahmen der Möglichkeiten, die dieses Amt und Leben mir überhaupt lassen, sehr nah an den Konstanzer Realitäten dran bin, und das ist mir auch wichtig. Und ich würde mir wünschen, dass die Leute, die das behaupten, es mir mal persönlich sagen, da würde ich gerne mit denen darüber sprechen.
 

Sie finden, die Leute, die Kritik an Ihrer Arbeit üben, sollten das doch einfach Ihnen direkt sagen?

Genau. Wer immer sagt, er kommt nicht an mich ran, überrascht mich. Denn wer an mich rankommen will, der kommt immer an mich ran. Ich bin jeden Tag irgendwo sichtbar. Und wer mir schreibt an ob@konstanz.de, der ist in 30 Sekunden auf meinem Handy und ich lese die Mail.
 

Das hat viel mit den hohen Erwartungen an das Thema Bürgerbeteiligung zu tun, eines der großen Schlagworte im Wahlkampf. Hatten Sie sich die Sache mit der Bürgerbeteiligung einfacher vorgestellt?

Nein. Ich habe mich immer sehr differenziert zum Thema Bürgerbeteiligung geäußert. Und ich habe, glaube ich, schon damals gesagt und sage das auch heute: Wir stehen bei dem Thema ja ganz am Anfang. Niemand weiß genau, wie das geht. Das ist auch in anderen Städten so. Bürgerbeteiligung ist für mich eine Absichtserklärung. Bürgerbeteiligung heißt für mich zunächst mal: Wir wollen versuchen, die Menschen mitzunehmen, so gut es geht, und transparent zu arbeiten, so gut es geht. Und ich habe das schon immer auch eingeschränkt und gesagt, das geht nicht immer und nicht überall. Ganz klar. Wir sind in den vier Jahren weitergekommen. Ja, wir haben Fehler gemacht wie alle anderen auch in der Bürgerbeteiligung. Wir haben auch manches gut gemacht, in der Zukunftsstadt, beim Döbele, beim Masterplan Mobilität. Insgesamt wäre ich gerne weiter. Ich sage selbstkritisch, ich wäre gerne schneller zu den Leitlinien Bürgerbeteiligung gekommen. Da haben wir einen klassischen Fehler gemacht, indem wir nämlich Erwartungen geweckt haben, die wir nicht in der Geschwindigkeit befriedigen konnten. Aber unter dem Strich sind wir in Sachen Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg ganz vorne mit dabei.
 

Es gibt auch in den Reihen des Gemeinderats durchaus unterschiedliche Meinungen in der Frage, wie viel Macht man den Bürgern geben will. Wie wollen Sie direkt demokratische und repräsentativ demokratische Elemente austarieren?

Da gibt es kein Richtig und Falsch, sondern das ist ein ständig sich veränderndes Maß, denke ich. Das, was heute richtig ist, war gestern falsch und wird vielleicht morgen wieder falsch sein. Das hängt immer damit zusammen, wie bereit die Gesellschaft ist, sich zu engagieren für ein bestimmtes Thema. Ich bin nach wie vor der Meinung, 95 Prozent der Arbeit oder mehr muss der Gemeinderat alleine machen und dann muss er sich auch hinstellen und sagen, wir haben das so entschieden – Punkt. Und er muss sich bei den Themen, die wirklich wichtig sind und wo verschiedene Lösungswege richtig sein können, öffnen und eine Beteiligung möglich machen.
 

Wenn Sie Bürger beteiligen und Ihnen Macht geben, ihr Lebensumfeld mitzugestalten – was müssen Bürger im Gegenzug für mehr Beteiligung dann auch einbringen?

Wer eine Entscheidung treffen will, muss auch die Verantwortung dafür tragen. Es kann nicht sein, dass der eine entscheidet und der andere trägt die Verantwortung. Wir müssen also darauf achten, dass das beieinander bleibt. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt: Es braucht Engagement. Wir haben eine politische Tendenz in Europa, mit transportiert auch durch die AfD, die lautet: Ich könnte das besser. Die da oben, das könnte ich auch. Es ist eine verlockende Sichtweise, die Dinge einfacher zu machen als sie sind. Aber sie greift zu kurz. Wer sich beteiligen will, der muss auch Zeit und Energie mitbringen, sich mit den Themen und den Hintergründen zu beschäftigen, und das muss unser Ansinnen in der Bürgerbeteiligung sein, dass wir das a) einfordern, aber b) auch ermöglichen. Also ein Lernprozess für alle Beteiligten.
 

Mit der Einrichtung des Ältestenrates haben Sie ein Konstanzer Tabu gebrochen. Ich habe auch die Wahrnehmung, dass durch Klausurtagungen und ähnliche Instrumente Debatten eher in den nichtöffentlichen Raum verlegt werden. Haben Sie nicht auch die Sorge, dass auf einen Verlust an Transparenz automatisch ein Verlust an Vertrauen nachfolgt?

Ich sehe das nicht so wie Sie. Erstens glaube ich nicht, dass wir mehr nichtöffentlich tagen als früher. Zweitens mal tagen wir sehr viel öffentlicher als die Gemeindeordnung es will. Drittens: Wir waren eine der letzten drei Städte in Baden-Württemberg, die keinen Ältestenrat hatte. Also sehr, sehr ungewöhnlich. Viertens: Das Wort Transparenz ist in der Tat eines, worüber gerade der SÜDKURIER und ich manchmal unterschiedlicher Meinung sind. Transparenz heißt nicht, alles öffentlich zu machen. Wir sind auch dann transparent, wenn wir zum Beispiel einem Aufsichtsrat, der aus dem ganzen politischen Spektrum zusammengesetzt ist, alle Fakten offenlegen. Und ich kann nicht alles öffentlich machen. Das ist eine Forderung, die nicht realisierbar ist. Ich verstehe den Wunsch, aber ich denke auch, jeder, der mit der Materie wirklich vertraut ist, versteht, dass das der Sache nicht angemessen wäre. Zum Wohle der Stadt.
 

In jedem Ihrer bisherigen vier Amtsjahre sind die Mieten überdurchschnittlich gestiegen. 2012 haben Sie postuliert: „Neuer Wohnraum gegen hohe Mieten“. Haben Sie da zu viel versprochen?

Nein. Wir haben weit über Plan Neubau realisiert, extrem schnell gebaut. Statt 1100 Wohnungen wie geplant haben wir in den letzten drei Jahren 1438 Wohnungen gebaut. Wir haben mit dem Handlungsprogramm Wohnen ein glasklares quantifiziertes, soziales und sehr konkretes Programm mit großer Einigkeit politisch beschlossen, für mich einer der wichtigsten Erfolg bisher. Wer weiß, wo wir stünden, wenn wir das nicht gemacht hätten. Natürlich bin ich mit dem Mietniveau, das wir haben, nicht zufrieden. Ich bin auch mit der Preissteigerung, die wir haben, nicht zufrieden. Aber man muss das auch vor der Realität des deutschen und europäischen Umfeldes sehen, die war vor vier Jahren auch so nicht absehbar. Selbst vor zwei Jahren hätte noch jeder gesagt, eine Nullzinsphase ist nicht vorstellbar. Heute sind wir mittendrin. Das treibt den Markt. Ich glaube, wir können mit den Entwicklungen sicher nicht zufrieden sein, aber wir hätten mehr nicht erreichen können.
 

Ihr Gedankenspiel, ein Stück Stadtwald zu roden, um dort neuen Wohnraum zu schaffen, hat ebenfalls sofort eine Protestwelle ausgelöst. Haben Sie die Idee deshalb geopfert?

Wie meinen Sie „die Idee geopfert“?
 

Die Idee, Stadtwald zu roden und zu sagen, jetzt gehen wir erst mal an den Hafner ran, obwohl die Flächen ökologisch teils sehr wertvoll sind.

Ich habe gesagt, wenn es so weitergeht, dann müssen wir ein Stück Stadtwald roden. Das hat damals gestimmt und das stimmt heute auch. Konstanz braucht dringend Außenentwicklung. Und was dann passiert ist, ist schlicht, dass das Regierungspräsidium uns gesagt hat, wir erwarten von euch, dass ihr zunächst den bestehenden Flächennutzungsplan ausnutzt, sprich den Hafner umsetzt. Und damit ist das Thema Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme bei uns auf die Agenda gekommen, von der wir bisher immer gesagt haben, das dauert zu lange und ist auch nicht das Instrument unserer Wahl. Inzwischen haben wir gelernt, es gibt tatsächlich eine Chance, damit zu Ergebnissen zu kommen, und es ist möglicherweise sogar die bessere Wahl. Ich wollte deutlich machen, dass sich Konstanz nach außen entwickeln muss, und ich glaube, das hat sein Ziel auch nicht verfehlt. Und es gab auch keine Protestwelle. Sicher hier und da Kritik, aber auch viel Zustimmung, auch und gerade im Gemeinderat.
 

Eine Chance ergibt sich auf dem Siemens-Areal. Stimmt es, das dort diese schmucklosen Industriebauten tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt werden und damit die Grundstücke nicht für eine neue Wohnbebauung zur Verfügung stehen?

Ja, ein Teil steht unter Denkmalschutz. Aber ich sehe da schon die Chance, auch über eine sehr urbane Wohnen-Arbeiten-Mischung nachzudenken. Warum sollte das in einem denkmalgeschützten Bestand nicht gehen? Ich kann mir da sehr gute Lösungenvorstellen.
 

Seit ungefähr zwei Jahren scheint im Thema Döbele keine Bewegung mehr drin zu sein. Was ist da los?

Erstens haben wir zuletzt bei allem, was Bau und Planung ist, viele Kapazitäten und Ressourcen in die Flüchtlingsunterbringung geschoben. Wir haben also vieles nicht in der Geschwindigkeit machen können, wie wir es ursprünglich vorgehabt haben – und das war auch richtig so. Zweitens haben wir z.B. viel Zeit für die Frage gebraucht, wie viele Parkplätze dort möglich sind. Da stehen wir kurz vor wichtigen Klärungen, und dann geht es auch weiter. Ich denke, das Thema kommt noch dieses Jahr zurück in den Gemeinderat.
 

2012, Zitat Burchardt: „Ich will eine Stadt, an der alle teilhaben können, Voraussetzung ist eine gesunde Wirtschaft.“ Schauen wir nicht auf das, was Sie wollen, sondern auf das, was ist: Ist Konstanz eine Stadt, an der alle teilhaben können und ist es eine Stadt mit einer gesunden Wirtschaft?

Ich glaube, dass Konstanz vorbildlich ist in Bezug auf Teilhabe. Von Jung bis Alt, von Arm bis Reich, über die Nationalitäten, Glaubensrichtungen und Bildungsniveaus hinweg bis zum Thema Barrierefreiheit. Natürlich kann man immer besser werden, aber wir sind wirklich guten Willens, und ich glaube auch, auf einem ziemlich guten Weg. Bei der Wirtschaftsentwicklung befindet sich Konstanz immer noch in einem Umbruch, weg von einer industriellen Entwicklung hin zu einer tertiären, zu einer Dienstleistungsentwicklung, die stark mit den Hochschulen verknüpft ist. Diesen Prozess müssen wir ganz aktiv begleiten, den müssen wir steuern, indem wir diese Cluster schaffen wie Biolago oder Cyberlago, wo sich auch kleine Unternehmen vernetzen. Wir müssen sehen, dass Hochschulen, Unternehmensgründungen und Unternehmensansiedlungen inhaltlich zusammenpassen. Das ist ein Schwerpunktthema für die zweite Hälfte meiner Amtszeit und soll noch mehr Aufmerksamkeit von mir bekommen.
 

Im Landesvergleich hat Konstanz eher schwache Gewerbesteuereinnahmen. Wie wollen Sie dem entgegensteuern?

Wir arbeiten am Gewerbeflächenkonzept, an der strategischen Ausrichtung des Wirtschaftsstandortes Konstanz. Wir wollen die Unternehmen anziehen, die von den Standortvorteilen in Konstanz profitieren. Es gibt nicht nur die hohen Preise, die relativ geringe Wohnraumverfügbarkeit, die relativ schlechte Straßenanbindung nach Deutschland. Es gibt auf der Haben-Seite z.B. eine prosperierende Stadt, eine hervorragende Flughafenanbindung nach Zürich, eine sehr gute Anbindung in die Schweiz, eine landschaftlich sehr, sehr attraktive Lage, eine wunderbare Stadt und natürlich die beiden Hochschulen.
 

Sie haben jetzt über die Unternehmen gesprochen, von denen Sie hoffen, dass sie nach Konstanz kommen oder hier neu entstehen. Was tun Sie konkret für die großen und kleinen Unternehmen, die in der Stadt schon präsent sind?

Es gibt über 4000 Unternehmen in Konstanz, und um die kümmern wir uns nach Kräften. Die Wirtschaftsförderung hat vor einigen Monaten im Wirtschaftsausschuss, zu Gast bei Siemens übrigens, intensiv berichtet, wie sie das macht. Natürlich kann mannicht immer allen Wünschen gerecht werden, aber wir versuchen natürlich, den Unternehmen vor allem auch die Flächen zu geben, die sie brauchen. Das ist nicht immer ganz einfach. Da arbeiten wir im Moment dran.
 

Sie haben vorher gesagt, 2012 gab es großen Gewerbeflächen-Leerstand. Inzwischen wird beklagt, dass die Stadt kaum noch Grundstücke habe für Gewerbeansiedlungen oder Umsiedlungen. In welchem Umfang konnte die Stadt denn seit Ihrem Amtsantritt Flächen aufkaufen, entwickeln, weitervergeben?

Wir haben insgesamt in den letzten vier Jahren für ungefähr zehn Millionen Euro mehr Grundstücke gekauft als verkauft, also den Grundstücksbestand aufgebaut. Darunter ist alles Mögliche, sowohl Gewerbe als auch potenzielle Wohngrundstücke. Wir brauchen für die Gewerbeentwicklung dieses Gewerbeflächenkonzept, und das hängt im Moment an der Frage der Entwicklung des Flugplatzes, die ist Teil dieses Konzeptes. Da wird seit geraumer Zeit an einem Gutachten gearbeitet, das den Nutzen des Flugplatzes untersuchen soll. Das muss jetzt auch langsam zu einem Ende kommen.
 

Haben Sie Angst, dass jegliches Gutachten dann wieder zerpflückt wird?

Es zieht sich deshalb hin, weil das Gutachten quasi schon in seiner Entstehung aus Reihen der Flugplatzbefürworter oder Nutzer scharf angegriffen worden ist. Und insofern ist die Latte hochgelegt worden, was die Qualität angeht. Das muss alles schon zu diesem frühen Zeitpunkt juristisch wasserdicht sein, das haben wir gelernt. Es ist ausgesprochen schwierig, so zu arbeiten.
 

Ist es überhaupt möglich, am Flughafen zu bauen? Der Landkreis hat das beim Thema Flüchtlingsunterkunft gerade abgelehnt, das sei viel zu teuer auf diesem Untergrund.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass das möglich ist. In Konstanz ist es fast überall teuer, auf dem Untergrund zu bauen, aber Fläche ist hier so knapp, dass sich das auch immer lohnt. An dem Punkt wird es sich nicht entscheiden, das glaube ich nicht.
 

Halten Sie den Flugbetrieb nach wie vor für verzichtbar?

Das beantworte ich Ihnen, wenn das Gutachten vorliegt, das das untersuchen soll. Genau diese Frage stellen wir ja.
 

Für das Schänzle Nord geistern Ideen mit einem Kaufhaus, einem Mobilpunkt und einem Parkhaus mit 1500 Plätzen herum. Braucht Konstanz wirklich noch mehr Einzelhandel und die damit verbundenen Jobs?

Es geht nicht primär um die Jobs. Wir haben in Konstanz ja eher ein Problem, Arbeitskräfte zu finden, als dass wir ein Arbeitslosigkeitsproblem hätten. Wenn man das Beispiel Möbel nimmt – natürlich gibt es eine starke Nachfrage und auch einen starken Wunsch, in Konstanz ein Möbelhaus zu haben. Und es gibt die nach wie vor richtige Aussage, wir haben dafür aber keinen Platz. Wenn es Platz gäbe für ein Möbelhaus an einer sinnvollen Stelle, und das wird nicht Schänzle Nord sein, dann finde ich durchaus, das würde unser Einzelhandelsangebot gut ergänzen.
 

Sie haben einen Paukenschlag gesetzt, indem Sie die Schließung des Hauptzollamtes durchgesetzt haben. Werden weitere drastische Schritte folgen?

Es war wichtig, dass wir das Verkehrschaos in Stadelhofen in den Griff bekommen haben. Trotzdem haben wir, wie jede andere attraktive Stadt auf der Welt auch, ein Verkehrsproblem, das sich im Wesentlichen im grenznahen Bereich der Altstadt abspielt. Wir haben dafür das C-Konzept beschlossen, mit dem wir dem begegnen wollen. Zwei Ziele müssen wir erreichen: unseren innerstädtischen Verkehrsfluss verbessern und gleichzeitig den Verkehr aus der Innenstadt rausbekommen. Wir arbeiten an einer Studie zu alternativen Verkehrssystemen, Wasser, Seilbahn, Straßenbahn, das ist die eine Baustelle. Die andere ist das C-Konzept, da beginnt jetzt die Umsetzung mit dem Rheinsteig. Das braucht beides relativ viel Geduld, auch von mir, und relativ viel Geld, und deshalb wird es auch nicht ganz so schnell gehen, wie wir das vielleicht manchmal gerne hätten.
 

Von einem Handlungsprogramm oder einer Grundsatzentscheidung haben die Bürger nicht nichts, sondern nur von deren Umsetzung. Das C-Konzept ist 2014 beschlossen worden, und von der Umsetzung ist nichts nichts zu sehen.

Das ist nicht richtig. Am Rheinsteig beginnen die Baumaßnahmen jetzt im Herbst. Und eine kleinere Maßnahme wurde bereits bei der Einmündung von der Europastraße in die Gartenstraße umgesetzt.
 

Es dauert zwei Jahre, bis da überhaupt mal ein Bagger kommt.

Ein Konzept zu beschließen und eine Straßenbaumaßnahme mit dem Bagger zu beginnen, sind zwei Paar Schuhe. Wenn ein C-Konzept beschlossen ist, dann muss erst mal untersucht werden, welche Konsequenzen hat das? Was muss dazu gemacht werden? Das muss in eine Reihenfolge gebracht werden und dann muss letztlich der Tiefbau ja Stück für Stück geplant werden. Ich verstehe, dass viele Leute das gerne schneller hätten, ich hätte es auch manchmal gerne schneller, aber zaubern können wir nicht.
 

Sie haben 2012 kategorisch ausgeschlossen, dass es eine Citymaut geben wird. Glauben Sie, das Thema kommt wieder?

Nein, glaube ich nicht. Ich glaube, dass wir erstens ein noch überzeugenderes Angebot machen müssen, wie man das Auto am Rand der Innenstadt parkt. Und zweitens muss unser Begriff der Innenstadt größer werden, wir brauchen ein Bewusstsein, dass sie in Zukunft auch rechtsrheinisch und das Dreieck von der Rheinbrücke bis zur Schänzlebrücke bis zum Seerheincenter geht. In diesem Dreieck entsteht ganz viel Neues, da ist ganz viel Dynamik drin, und das wird in der Zukunft Teil unserer Innenstadt sein. Dafür investieren wir in Peterhausen. Ja, wir haben den Zähringerplatz zurückgestellt, weil wir das Geld zunächst für andere Dinge brauchen. Aber wir investieren massiv rechtsrheinisch: Herosé-Ufer, Bodenseeforum, der Seerheinweg, der Richtung Stromeyersdorf weitergehen soll, Schänzle Nord, Z-Brücke, Neubau Gemeinschaftsschule und Dreifeldhalle. Und ein neues Berufsschulzentrum hoffentlich auch bald.
 

Sie sind selbst passionierter Radfahrer. Seit den 80er-Jahren hat sich am Radwegenetz nicht mehr wahnsinnig viel getan. Wie wollen Sie auch die Radinfrastruktur fitmachen für die künftigen Anforderungen? Es werden mehr Radler, sie werden schneller, und sie brauchen mehr Platz.

Es gab auch seit den 80-er Jahren Erfolge, zum Beispiel den Fahrradweg an der Bahn. Wenn man sieht, was auf dem los ist, was da stattfindet an Pendelverkehr, an Erholung, an Tourismus, an Freizeit – toll! Ansonsten gebe ich Ihnen recht. Wir haben Verbesserungsbedarf. Das Handlungsprogramm Radverkehr zeigt den gut auf, denke ich. Zunächst einmal macht es deutlich, dass wir mit vielen kleinen Maßnahmen schon einiges besser machen können, Haltepunkte, Übergänge, Anbindungen, Ausschilderungen undsoweiter. Aber wir müssen natürlich auch auf die größeren Achsen setzen. Ich freue mich über die Entscheidung zur Jahnstraße, das wird gut. Wir arbeiten auch im Paradies ganz konkret an Maßnahmen zur Verbesserung des Fahrrad-Verkehrsflusses. Und dann hoffe ich natürlich, dass wir in Richtung Fähre und in Richtung Uni langfristig unsere Fahrradachsen noch deutlich verstärken können.
 

Die Seilbahn-Idee schwebt noch immer über der Stadt. Wäre es nicht Zeit, das jetzt mal zu begraben und zu sagen, wir haben wichtigere Probleme?

Nein. Seilbahnen werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wichtige urbane Transportmittel werden. Das Land hat sie inzwischen ins Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz aufgenommen. Inzwischen reden viele andere Städte über den Bau von Seilbahnen, zum Beispiel Zürich. Ob das für Konstanz die richtige Lösung ist oder nicht, muss das vorhin schon erwähnte Gutachten noch weisen. Grundsätzlich ist das Verkehrsmittel Seilbahn an sich nach wie vor überzeugend. Aber das hat auch eine Größenordnung, die man nicht einfach von heute auf morgen mal diskutieren und dann beschließen kann.
 

Also das wird nichts mehr in dieser Amtszeit?

Sicher nicht.
 

Und Wasserbus, Ausbau das Seehas zur echten S-Bahn, Straßenbahn?

Im Agglo-Programm arbeiten wir zusammen mit den Schweizern am Thema S-Bahn. Beim Seehas ist es in der Tat so, dass ich gerne vor allem in der Nacht eine bessere Seehas-Anbindung hätte, die müssen wir dann aber bezahlen. Die Diskussion müssen wir erst noch führen, auch im Kreis und in der Stadt Konstanz. Geschenkt kriegen wir die Verbindung nicht. Beim Wasserbus bin ich mir sicher, er wird kommen. Er wird als touristisches Verkehrsmittel funktionieren, aber nicht unsere innerstädtischen Verkehrsprobleme lösen.
 

Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke. Wie kann es passieren, dass die Norweger uns die Schau stehlen mit ihrer Elektrofähre, wo wir doch vor fünf Jahren schon mal fast so weit waren wie die?

Ich hätte sehr gerne eine elektrische Fähre gehabt. Ein Fähreneubau steht ja ins Haus 2018. Ich habe mich jahrelang dafür eingesetzt und habe gelernt, dass die Zeit dafür auf dieser Strecke und mit unseren finanziellen Möglichkeiten nicht reif ist. Wir sind deshalb froh und stolz, dass wir eine innovative Fähre mit Gasantrieb kriegen und Rolls Royce für uns eine Maschine als Prototyp entwickelt. Vielleicht sind wir bald so weit, dass wir hier in der Region erzeugtes Biogas für unsere Fähre als Antrieb verwenden können. Das ist auch schon ein großer Schritt. Und dann kommt halt ein paar Jahre später vielleicht eine elektrische Fähre.
 

Nochmals den Aufsichtsratsvorsitzenden gefragt: 2,30 Euro für eine Busfahrt vom Bahnhof zum Zähringerplatz ist bundesweit ein ziemlicher Rekord, Warum gibt es nicht wie überall anders einen Kurzstreckentarif?

Wir haben die Diskussionen geführt, mehrfach. Es gibt viele Argumente pro und contra. Ich verstehe den Wunsch, aber ich verstehe auch unsere Tarifexperten, die viele Gegenargumente sehen. Und ich denke, die Diskussion ist nie zu Ende. Wir werden sie mit schöner Regelmäßigkeit wieder führen und ich bin für beides offen. Ich folge letztlich der Meinung der Fachleute. Und die sind immer noch der Meinung, wir sind ohne Kurzstreckentarif gerechter und besser unterwegs als mit.
 

Werden zum Ende Ihrer ersten Amtszeit, 2020, alle Konstanzer Bahnhöfe barrierefrei, sauber und einladend sein?

Petershausen ja, natürlich, mit Außenbahnsteigen, einer auf der Seite der Schule, einer auf der Seite unseres großen Neubaugebietes entlang der Bruder-Klaus-Straße und einem barrierefreien Übergang in Form der Z-Brücke. Beim Hauptbahnhof warten wir im Moment aufs Eisenbahnbundesamt. Und wenn ich die Antwort von dort habe, kann ich Ihnen die Frage beantworten.
 

Wie lange warten Sie da schon?

Da sind tatsächlich schon einige Monate ins Land gegangen. Wir sind ja mit der Bahn unterschiedlicher Meinung: Die Bahn will vereinfacht gesagt zwei Aufzüge an die bestehende Unterführung anflanschen, wir halten eine größere Lösung für notwendig. Das Eisenbahnbundesamt muss entscheiden, ob die Vorstellungen der Bahn überhaupt zulässig sind.
 

Ich will mit Ihnen noch über das Zusammenleben in der Stadt sprechen. Sie haben im Wahlkampf vorgeschlagen, das Seenachtfest wieder in die Hände der Konstanzer zurückzugeben. Bis heute ist es aber so, dass sich da ein kommerzieller Unternehmer betätigt. Wird sich das ändern?

Das werden wir besprechen. Wir haben uns gerade mit dem Gemeinderat geeinigt, uns gemeinsam über die zukünftige Gestaltung des Seenachtfestes Gedanken zu machen und darüber zu beraten, wie das Fest ab 2018 aussehen soll. Das heutige Seenachtfest ist ein Aushängeschild für die Stadt Konstanz, aber es ist auch für die Besucher teuer, es zieht sehr viele Menschen von außerhalb in die Stadt, es schreckt viele Konstanzer ab und es sind wenige Konstanzer Vereine dort aktiv.
 

Ich finde die Idee attraktiv, das Seenachtfest ein Stückchen kleiner, ein Stückchen regionaler, ein Stückchen konstanzerischer zu machen. Das ist aber eine Diskussion, die noch vor uns liegt. Eine der Fragen lautet dann aber auch: Gäbe es überhaupt genug Vereine und genug Standbetreiber, die auch wirklich in der Lage sind, das zu stemmen und ein eigenes Risiko zu tragen?
 

Mit welchen Prämissen gehen Sie in die anstehenden Entscheidungen, wie sollte für Sie persönlich das Seenachtfest 2018 aussehen?

Ich bin offen. Ich hätte Spaß an einem kleineren regionaleren Seenachtfest, aber ich bin völlig offen für eine politische Diskussion. Und wenn die Mehrheiten so liegen, dass sie sagen, nein, wir wollen dieses überregionale ausstrahlende große Seenachtfest haben, dann ist das für mich völlig in Ordnung.
 

Eine ähnliche Debatte kreist um den Weihnachtsmarkt und das Weinfest, der Betrieb dieser Feste muss angeblich europaweit ausgeschrieben werden. Kann die Stadt da nicht bei solchen Dingen auch ein Signal gegen die kommerziellen Interessen setzen und dafür sorgen, dass keine Profi-Eventfirmen zum Zug kommen?

Wir sind ein Stück weit auch auf Profis angewiesen. Bei den beiden letztgenannten Fällen sind es übrigens Konstanzer Profis.Solche großen Veranstaltungen können heute nicht mehr einfach von einem kleinen Verein organisiert werden. Das schafft man nicht mehr nach den heutigen Sicherheitsanforderungen und -standards. Ob und welche Veranstaltungen von Seiten einer Kommune europaweit ausgeschrieben werden müssen, hängt von vielen Voraussetzungen ab und ist jeweils im Einzelfall zu prüfen und zu entscheiden.

Selbst wenn europarechtliche Vorgaben im Einzelfall nicht zu berücksichtigen sind, so können doch Gründe für die Einhaltung eines sogenannten transparenten und diskriminierungsfreien wettbewerblichen Verfahrens vorliegen. Nach unserer rechtlichen Einschätzung ist das beim Weihnachtsmarkt so. Am Ende hängt es davon ab, was sich da für ein Bewerberfeld auftut.
 

Am Samstag ist Kinderfest Konstanz – Kreuzlingen, ein schönes Beispiel für grenzüberschreitendes Handeln. Haben Sie die Erwartung oder Hoffnung, dass auch bei anderen Festen und auch vielleicht darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Kreuzlingen ausgebaut wird?

Wir arbeiten gut zusammen mit den Kreuzlingern. Wir sind in einem ständigen Austausch, wir diskutieren im Zusammenhang mit dem Agglomerationsprogramm eigentlich alle wichtigen Themen zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Wir hatten im ersten Halbjahr 2016 eine gemeinsame Sitzung der beiden Gemeindeparlamente in Kreuzlingen, die gut war. Das Kinderfest ist ein gutes Beispiel. Wir sind offen für mehr, auch das Seenachtfest ist natürlich ein Thema. Das müsste man eigentlich grenzoffen machen, das ist aber nicht so einfach, zum Beispiel wegen der unterschiedlichen Eintrittspreise. Eine interessante Frage für die Zukunft, ob man das besser lösen kann.
 

Wie läuft das mit den anderen Kommunen hier in der Region? Sie haben 2012 erklärt, Sie wollten keine Kirchturmpolitik für Konstanz machen. Das Konstanzer Veto gegen das ECE-Center in Singen ist genau als solches empfunden worden. Wie geht das weiter?

Die Konstanzer Stellungnahme zu ECE hat mit Kirchturmpolitik nichts zu tun, sondern das ist eine prinzipielle Frage von Oberzentrum und Mittelzentrum und eine prinzipielle Frage, wie bewerten wir in der Landesentwicklungsplanung den Zufluss von Schweizer Franken. Ich finde nach wie vor, dass es für unsere Grenzregion ausgesprochen wichtig ist, diese Frage zu klären. Im Regionalverband hören es auch die Kollegen nicht gerne, aber es kann nicht sein, dass jetzt entlang der Grenze überall riesige Konsumtempel gebaut werden, nur weil jetzt gerade ganz viele Schweizer Franken über die Grenze kommen. Und da muss man zwischen den Aufgaben von Oberzentren einerseits und Mittelzentren andererseits eben unterscheiden.
 

Sportvereine sind erwiesenermaßen eine wichtige Säule der gesellschaftlichen Integration.

…mit 30 000 Mitgliedern in Konstanz.
 

Werden diese Sportvereine gegenüber der Kultur tatsächlich übervorteilt, wie es der Stadtsportverband in regelmäßigen Abständen beklagt und dann doch nicht gesagt haben will?

Es ist jedenfalls sicher nicht umgekehrt. Es ist sicher nicht so, dass wir zu viel für den Sport tun. Konstanz ist eine Sportstadt mir rund 30 000 Mitgliedern und rund 100 Sportvereinen. Einerseits ist es Äpfel mit Birnen verglichen, wenn man den Vereinssport mit den Kulturinstitutionen vergleicht, denn da schaffen Profis und dort sind Amateure im Verein zusammengeschlossen. Trotzdem hat Konstanz allen Grund, sehr genau hinzugucken und die Frage zu stellen, ob wir genug für den Sport tun. Im Zweifelsfall tun wir gut daran, mehr für den Sport zu tun. Im Zweifelsfall muss das in den nächsten Jahren unsere Zielrichtung sein. Aber es ist nicht so, dass wir nichts tun: Wir machen den DJK-Platz neu, wir haben die Kunstrasenplätze in Dettingen und Litzelstetten neu gemacht, jetzt kommt die Dreifeldhalle Pestalozzi, wir haben uns um die HSG intensiv gekümmert, wir haben uns um den Bouleclub gekümmert, um nur ein paar prominente Beispiele zu nennen. Das nächste prominente Beispiel wird das neue Schwaketenbad.

Nach einem Jahr der Blick auf die sogenannte Flüchtlingskrise. Was wurde richtig gemacht, was wurde falsch gemacht?

Ich glaube, dass die kommunale Familie in Deutschland sehr stolz sein kann auf das Geleistete, dass es gelungen ist, über eine Million Menschen warm, trocken und sicher unterzubringen, medizinisch zu versorgen, zu ernähren, mit Kleidung auszustatten, mithilfe von Hunderttausenden von Freiwilligen, die sich engagiert haben, von Verwaltungen, die in kürzester Zeit improvisiert haben wie lange nicht. Das war richtig, das war gut. Das hat, glaube ich, auch unser Ansehen in der Welt enorm gestärkt. Und ich glaube, es war auch für unsere Gesellschaft gut.

Das hat ein völlig neues Bewusstsein dafür geschaffen, was Deutschland ist und was wir können und was wir vielleicht auch nicht so gut können. Das hat uns auch als Stadtgesellschaft weitergebracht. Wir haben gesehen, wo Grenzen sind: Wenn ein Moslem sagt, von einer Polizistin lasse ich mir nichts sagen, haben wir heute z.B. Klarheit, wo wir als Gesellschaft stehen, dass wir das nicht akzeptieren. Aber wir sind in Deutschland zu langsam, ist mein Zwischenfazit. Ich hätte gerne, dass wir die Leute schneller in Arbeit oder Ausbildung bekommen, dass wir die Leute schneller aus den Betten ihrer Unterkünfte rauskriegen. Es ist nicht gut, wenn Menschen monatelang auf der Pritsche sitzen und warten, was mit ihnen passiert.


Im Oktober 2014 hat der Gemeinderat beschlossen, dass in den städtischen Bädern nun doch Burkinis getragen werden dürfen. Wäre diese Entscheidung auch 2016 so zustande gekommen? Und wie würden Sie selbst heute entscheiden?

Die Diskussion wäre sicher schwieriger. Ich denke aber nach wie vor, dass es richtig ist, den Burkini zuzulassen. Es ist eine Badebekleidung, die es Musliminnen ermöglicht, ein öffentliches Schwimmnad zu besuchen. Das hat ja nichts mit dem Thema Vollverschleierung zu tun, das ja zur Zeit diskutiert wird.


In der Anschlussunterbringung werden ja die Flüchtlinge vom Landkreis- zum Stadtthema, zur Aufgabe, die Kommune. Ihre eigenen Ämter sagen: Wir brauchen für Sie 200 neue Wohnungen im Jahr. Über das hinaus, was das Handlungsprogramm Wohnen vorsieht. Wie wollen Sie sicherstellen, dass nicht am Ende genau die Konstanzer den Kürzeren ziehen?

Indem wir das Handlungsprogramm Wohnen plus Anschlussunterbringung zusätzlich bauen. Das ist die einzige Antwort. Ich kann Ihnen zwar heute noch nicht sagen, wie wir das schaffen. Ich kann Ihnen nur sagen, wir müssen das schaffen. Wir dürfen nicht auf Kosten unserer eigenen Bevölkerung Flüchtlinge unterbringen, das ist nicht richtig und nicht angemessen und nicht klug, sondern wir müssen unsere eigenen Bürger unterbringen und die Flüchtlinge dazu. Ich glaube, wir haben den richtigen Weg dazu eingeschlagen, aber wir wissen nicht genau, wann wir wie viele Plätze brauchen. Das hängt ein bisschen ab von der Dauer der Verfahren beim BAMF und so weiter. Es ist aber absehbar, dass wir da noch unter größeren Druck geraten werden. Wichtig war die Schaffung einer Wohnsitzauflage, dafür habe ich mich sehr früh bei Land und Bund eingesetzt.


"Wir müssen das schaffen" – das klingt so ein bisschen zwischen Frank Hämmerle und Angela Merkel. Als CDU-Mitglied: Auf wessen Seite stehen Sie?

Ich schätze den Landrat und arbeite gern mit ihm zusammen. Aber in dieser Frage: Klar auf der von Angela Merkel.


Auch in Konstanz ist im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte ein bedenkliches Ausmaß von rechten Umtrieben offenbar geworden. Wie stark ist die Zivilgesellschaft und was kann eine Stadtverwaltung und eine Stadt als Gemeinwesen tun, um sich stärker gegen solche Tendenzen zu machen?

Rechte Tendenzen in Konstanz sind ein absolutes Randphänomen. Das, was in den sozialen Medien passiert, stammt häufig nicht aus Konstanz. Konstanz ist ausweislich unserer Wahlergebnisse bei der letzten Landtagswahl eine Stadt, die nochmals deutlich abweichend vom baden-württembergischen Durchschnitt wählt, Konstanz ist eine Stadt, die in ihrer Gesamtheit sehr weltoffen und sehr integrationsfähig, integrationswillig und integrationsfreundlich ist. Die Aufgabe der Stadt und des Gemeinderates ist es, dieses zu unterstützen. Mir scheint es am wichtigsten, dass wir die Ehrenamtlichen nicht überfordern. Sie leisten so viel und brauchen jede Hilfe. Wenn das Zusammenspiel gelingt werden wir – siehe Initiative „83 – Konstanz integriert“ – auch ganz viele positive Erfahrungen und Erlebnisse in der Stadt haben.


Zum Abschluss noch ein kleiner Konstanzer Schweinsgalopp von A bis Z. Ein Stichwort, maximal drei Sätze als Antwort. Okay?

Okay.


AfD?

Geht vorbei!


B 33?

Freue ich mich tierisch. Ich hoffe, die Bagger gehen nicht mehr weg, bis sie fertig ist.


Bettler?

Ich verstehe, dass die Menschen bei den organisierten Bettlern, die durch bedrängendes oder sogar aggressives Verhalt auffallen, extrem unangenehm berührt sind und bin es selber auch. Ich bin mit dem Stand der Dinge, wie es im Moment ist, nicht zufrieden. Aber Bürgeramt und Landespolizei sind an dem Problem dran und werden gemeinsam dagegen vorgehen.


Bodenseestadion?

Ist ein Thema, das wir sicher vor Ende dieser Amtszeit nochmals intensiv diskutieren müssen.


Christoph Nix?

Ist der ausgesprochen erfolgreiche Intendant unseres Stadttheaters, der sich gerne an der Gesellschaft und auch an den Autoritäten und dem Oberbürgermeister reibt.


dm?

Ein tolles Unternehmen mit einer guten Unternehmensphilosophie, hat einige seiner stärksten Häuser in Deutschland in Konstanz stehen und ich verstehe sowohl das Expansionsbedürfnis der Firma dm als auch die Genervtheit der Konstanzer Bevölkerung beim Anblick von vollen Drogerietüten.


Eidgenossen?

Sind seit Jahrhunderten unsere guten Nachbarn. Das soll auch so bleiben und dafür setze ich mich ein.



Gemeinderat?

Ist in Konstanz traditionell unterschätzt. Der Gemeinderat hat in Konstanz, denke ich, jahrzehntelang sehr, sehr gute Arbeit gemacht. Wir profitieren heute als Stadtgesellschaft von vielen guten Entscheidungen. Ich habe in den vier Jahren gut und gerne mit dem Gemeinderat zusammengearbeitet und hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.


Grün-Schwarz?

Ist nicht so gut wie Schwarz-Grün, aber ich gebe dem durchaus eine Chance.


Haushaltsberatungen?

Liegen vor uns, werden nicht ganz einfach. Wir haben im Investitionsprogramm mehr Unverschiebbares als wir cash finanzieren können. Möglicherweise taucht auf dem Papier eine Nettoneuverschuldung auf, da wird man die neun Millionen Schuldenabbau der letzten Jahre gegenrechnen müssen. Wird weniger einfach als in den letzten Jahren.


Herosépark?

Ein städtebaulicher Erfolg einerseits; für ganz, ganz viele Konstanzer ein Ort, wo sie sich gerne aufhalten und ihre Freizeit verbringen und ist andererseits ein Hotspot und ein Problem, wo wir uns nicht einig sind im Gemeinderat, wie wir es lösen. Fakt ist, dass die Menschen, die dort leben, sich wünschen, dass geltendes Recht, sprich Nachtruhe, durchgesetzt wird und dass wir ihnen nicht genau sagen können, wie das gehen soll. Liegt auf der Wiedervorlage für den Gemeinderat.


Hybridpappel?

War ein ganz unglücklicher Konflikt. Ich hoffe, ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass wir jetzt zu einem guten Ende gekommen sind.



Kommunalsteuern?

Sind in Konstanz so, wie sie sind, weitgehend in Ordnung. Große Änderungen sehe ich da in der näheren Zukunft nicht.


Konzertsaal?

Hätten wir alle gerne. Die andere Frage ist, ob wir ihn finanzieren können.


Nachverdichtung?

Ist in den meisten Bereichen von Konstanz längst an ihre Grenzen oder darüber hinaus gestoßen, deshalb müssen wir in die Außenentwicklung.


OB-Wahl 2020?

Ich bin nicht nur für eine Amtszeit angetreten.


Polizeistunde?

Hat der Gemeinderat erst jüngst nach ausgiebiger Diskussion mit leichten Modifikationen so bestätigt, wie es sich bewährt hat und ich glaube, es gibt ganz gute Argumente für das, wie es im Moment ist.


Schulneubauten?

Wir bauen gerade eine tolle neue Schule, so eine hätte ich gerne in meiner Schulzeit gehabt. Vielleicht wird es nicht unser letzter Schulneubau sein, aber für die nächsten Jahre sollte unser Augenmerk der Geschwister-Scholl-Schule gelten.


Stadtentwicklungsprogramm 2020, neue Leitlinien für die Stadt?

Bis 2020 möchte ich ein Bild haben von Konstanz 2030. Wichtige Themen für dieses Zukunftsbild werden neben gesellschaftlichen und städtebaulichen Fragen auch die Themen Flächenverbrauch, Naturschutz, Natur, Grün in Konstanz sein. Über den Weg zu diesem Bild werden wir im nächsten Jahr sprechen. Ich möchte das gemeinsam mit dem Gemeinderat und den Bürgern machen.



Triumvirat?

Sie spielen auf die drei Bürgermeister an, nehme ich an. Wir arbeiten gut zusammen über die drei Dezernate hinweg, denke ich, und das tutder Stadt gut. Drei Pragmatiker sind da am Werk.


Vertrauen?

Ist für mich nach wie vor essenziell und Grundlage meiner Arbeit und meiner Zusammenarbeit mit Menschen, auch in der Verwaltung, auch mit dem Rat. Das fühle ich auch nach vier Jahren im Amt bestätigt.


Verwaltungsdezernent?

Ist eine Konstruktion, an der wir gerade arbeiten, um mich ein Stück von der Verwaltungssteuerung zu entlasten und mehr Zeit zu schaffen, die ich gerne vor allem für zwei Themen hätte: Ich will mich mehr um die Wirtschaftsentwicklung kümmern können, und zweitens mehr zu den Menschen rauskommen. Da habe ich doch öfter Nein sagen müssen in den letzten Jahren, als es mir lieb war. Der Verwaltungsdezernent soll ein Primus inter Pares im Dezernat I sein, ein Amtsleiter. Ich habe unseren Kämmerer Hartmut Rohloff gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen, und ich freue mich, dass er sich für diese Aufgabe zur Verfügung stellt.


Zukunftsstadt?

Ein toller Erfolg für Konstanz, dass wir in diesem bundesweiten Wettbewerb so weit gekommen sind. Eine ideale Plattform für das Thema Nachhaltigkeit, das war für mich ein wichtiges Wahlkampfthema, als Überschrift über allem. In der Zukunftstadt konkretisiert sich das sehr schön, was das alles bedeutet, von Mobilität bis Wohnraum, Flächenverbrauch, Energie – und das am praktischen Beispiel Christiani-Wiesen.

 

Fragen: Jörg-Peter Rau

Oberbürgermeister Uli Burchardt und seine Bilanz zur Halbzeit

  • Die Person: Uli Burchardt, geboren am 1. Februar 1971, ist vor genau vier Jahren als Oberbürgermeister in Konstanz vereidigt worden. Er ist Mitglied der CDU, seine Wahl am 15. Juli 2012 galt als Paukenschlag, weil die Grünen nach 16 Jahren den Chefposten im Rathaus wieder abgeben mussten. Burchardt hat das Suso-Gymnasium besucht, absolvierte eine Ausbildung in der Landwirtschaft und erreichte das Abitur dann an der Mettnau-Schule in Radolfzell. Das Fachhochschul-Studium der Forstwirtschaft schloss er 1997 als Diplom-Ingenieur ab. Beim Handelsunternehmen Manufactum ("Es gibt sie noch, die guten Dinge") stieg er in die Geschäftsleitung auf, bevor er sich 2005 als Unternehmensberater selbstständig machte.
  • Das Amt: Die Gemeindeordnung für Baden-Württemberg gibt einem Oberbürgermeister eine starke Position. So ist er Leiter der Stadtverwaltung und zugleich Vorsitzender des Gemeinderats. Kraft Amtes ist Burchardt Vorsitzender des Aufsichtsrats der Stadtwerke und Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Bodensee. Als Entlastung im Tagesgeschäft führt Burchardt aktuell die Funktion eines Verwaltungsdezernenten ein, der aber nicht im Rang eines Bürgermeisters ist. Für die Steuerung der städtischen Beteiligungen hat er ebenfalls eine Stelle in seinem Büro geschaffen. Seit Burchardts Start ist die Verwaltung um rund 80 Stellen gewachsen, Schwerpunkte liegen in den Bereichen Kinderbetreuung, Bauen und Flüchtlinge.
  • Die Schwerpunkte: Von 2013 bis 2015 wurden 1438 Wohnungen fertiggestellt (geplant: 1110) und ein Langfrist-Programm bis 2030 aufgestellt. Beim Verkehr waren der Parkplatz Schänzle-Nord und die Sperrung des Hauptzolls wichtige Impulse, ein Handlungsprogramm Radverkehr ist aufgestellt, das C-Konzept für den Altstadtring beschlossen. Der Wirtschaft dient die Stärkung von Netzwerken und der Ausbau von Glasfaser-Leitungen. Weitere Schwerpunkte waren die Gemeinschaftsschule mit Dreifeld-Turnhalle (30 Millionen Euro), der Kauf des Centrotherm-Gebäudes mit der IHK samt Umbau zum Veranstaltungshaus, der Aus- und Neubau vieler Kindergärten und das 100-Millionen-Euro Projekt Funktionstrakt am Klinikum. (rau)