Konstanz "Habemus papam": Konstanz reist beim 600-jährigen Papstjubiläum ins Mittelalter

Am Samstag hat Konstanz die Papstwahl vor 600 Jahren gefeiert. Mit einer feierlichen Prozession, Gottesdiensten und einem bunten Kulturprogramm wurde an dieses historische Ereignis in Konstanz erinnert.

Der 11. November, der Tag der Papstwahl, zeigte sich von seiner herbstlichen Seite: grau in grau, regnerisch, unwirtlich. Das passte immerhin irgendwie zum Mittelalter, das am Wochenende Konstanz fest im Griff hatte. Der Wind pfiff durch die Gassen der Altstadt. Die lange Prozession mit 400 Teilnehmern vom Konzil über die Markststätte, die Kanzlei- und Wessenbergstraße bis hin zum Münster säumten dann auch nicht wirklich viele Menschen.

Die lange Prozession mit 400 Teilnehmern vom Konzil über die Marktstätte, die Kanzlei- und Wessenbergstraße bis hin zum Münster säumten aufgrund des nasskalten Wetters nicht wirklich viele Menschen. Angeführt wurde der Klerus von den Fahnenschwingern Niederburg. Bild: Oliver Hanser
400 Teilnehmer waren bei der festlichen Prozession dabei. | Bild: Oliver Hanser

Angeführt von den Fahnenschwingern Niederburg präsentierte sich der Klerus, darunter Kurt Kardinal Koch, der päpstliche Sondergesandter. Regen nieselte kurz nach Inmarschsetzung des imposanten Zuges nieder auf die geistliche Gemeinde. Zum Glück fand der feierliche ökumenische Festgottesdienst im Münster statt und nicht unter freiem Himmel.

Jonathan Layden hingegen blieb nichts anderes übrig als tapfer dem Wetter zu trotzen. Der Fahrer des Seepferdle, der ansonsten Touristen durch die Stadt kutschiert, war am Samstag hochoffiziell der Chauffeur der Päpste. Papamobil stand auf der Bank, auf der die Fahrgäste seiner Rikscha Platz nehmen. "Das ist natürlich ein ganz besonderes Gefühl, viele Päpste an einem Tag zu fahren", sagt der Student der Uni Konstanz lachend.

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Jonathan Laydenfährt das "Seepferdle", das in "Papamobil" umbenannt wurde. | Bild: sk

Seit März fährt er das Papamobil, Menschen aus aller Welt erklärt er, was es mit dem Konstanzer Konzil auf sich hat. "Das ist ein fester Bestandteil und die Hauptattraktion unserer Rundfahrten", erzählt er. "Die Touristen sind sehr interessiert daran." Am Samstag hatte er nach eigener Aussage mehr Fahrgäste als sonst, "ich habe schon gemerkt, dass der 11. November der Tag der Papstwahl war. Über das Geschäft heute können wir uns nicht beklagen". Vielleicht lag das auch daran, dass die Fahrgäste von einem durchsichtigen Dach vor dem Regen geschützt waren – außerdem lagen wärmende Decken bereit.

Das nasskalte Wetter war auch der Grund, warum der Papstschreiwettbewerb im oberen Konzil stattfand und nicht wie geplant auf dem Vorplatz des Gebäudes. Am 11. November 1417 wurde der Römer Oddo Colonna im Konstanzer Kaufhaus zum Papst gewählt, Martin V nannte er sich. Der wartenden Menge vor dem Kaufhaus, das wir heute Konzil nennen, wird verkündet: "Annuntio vobis gaudium magnum: habemus Papam" – "Ich verkündige euch große Freude: Wir haben einen Papst!"

Habemus Papam: Robin Schröter gewann zusammen mit Claudia Brier den Papstschreiwettbewerb.
Robin Schröter gewann zusammen mit Claudia Brier den Papstschreiwettbewerb. | Bild: Oliver Hanser

Seine Wahl beendet das Schisma mit drei Päpsten und führt das Papsttum zu neuer Macht. Am Samstag nun durften sich die Menschen in der Verkündung des Papstes üben. Unter der Leitung der charmanten Moderatorin Tabea Widmann betraten zehn, mal mehr, mal weniger verkleidete Verkünder die Bühne und riefen dem leider auch hier recht überschaubaren Publikum die entscheidenden Worte zu. Claudia Brier und Robin Schröter teilten sich den Sieg, sie erhielten von der Jury jeweils zehn Punkte.

 

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Vor allem Robin Schröter sah mit seinem braunen Umhang, den mächtigen Schuhen, dem grünen Stoffpulli und seinem langen Spitzbart so aus, als sei er direkt aus dem Mittelalter zum Wettbewerb gekommen. Der Tontechniker aus Singen gehört einem Mittelalterverein in der Schweiz an. Bei Mittelaltermärkten übernimmt er die Rolle als Gaukler und Marktschreier – sein beeindruckender Auftritt kam also nicht überraschend. "Es macht mir Spaß, die Leute zu unterhalten", sagte er hinterher und niemand wollte ihm widersprechen. "Das ist echt eine perfekte Veranstaltung hier."

Ein Stockwerk höher warteten Personen des Mittelalters, so genannte Cicerones Conclavis, Zeitzeugen also, darauf, den Gästen den Alltag der Menschen zur Zeit des Konzils zu erläutern. Aileen Walser verkörperte die Adelsdame, die keine Lust mehr auf den Adel verspürt und sich unters gemeine Volk begibt. "Ich bin eine Hübschlerin", erzählte sie. "So wurden damals die Prostituierten genannt. 700 von uns sind in Konstanz unterwegs, um dem Männerüberschuss zu kontrollieren."

Studentin Aileen Walser erklärte den Besuchern als Hübschlerin das Leben zur Zeit des Konzils.
Studentin Aileen Walser erklärte den Besuchern als Hübschlerin das Leben zur Zeit des Konzils.

Die 22-jährige Studentin der Uni Konstanz ist seit ihrem achten Lebensjahr ein großer Fan des Mittelalters. Obwohl sie im Gegensatz zu Robin Schröter keinem Verein angehört, ist sie regelmäßig auf Mittelaltermärkten. "Im nächsten Jahr möchte ich viel reisen und solche Märkte in Osteuropa, der Schweiz, aber auch in Spanien mit dem maurisch-orientalischen Einfluss besuchen."

Nach dem Studium würde sie gerne in irgendeiner Form einer Arbeit mit mittelalterlichem Bezug nachgehen. "Da gibt es viele Möglichkeiten", sagt sie. "Zum Beispiel auf Märkten oder in der Wissenschaft." Besuchern erklärte sie launisch und mit profundem Fachwissen, wie eine Wohnzelle im Konklave aussah. Spätestens hier konnte man sich gut vorstellen, wie beengt das Leben damals gewesen sein muss.

Dass auch die Kirche nicht mehr ohne Marketing auskommen kann, offenbarte sich vor dem Münster. Der Verkaufswagen mit den Marketingartikeln stand recht einsam und alleine im Pfalzgraben – nicht unbedingt eine Position, die viel Aufmerksamkeit erweckt. "Wir wollen uns ja nicht aufdrängen", erklärt Bernhard Bröll von Kath-TV. "Außerdem wurde uns dieser Platz zugewiesen. Das passt schon."

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Bernhard Bröll von Kath-TV im Verkaufswagen mit den Marketingartikeln. Der katholische Fernsehsender übertrug den Festgottesdienst live. | Bild: sk

Der beeindruckende Festgottesdienst wurde live im Fernsehen übertragen. Kath-TV, kurz für Katholisches TV, war auf Sendung. Die genauen Einschaltquoten stehen erst in einiger Zeit fest – doch die Verantwortlichen rechnen mit guten Zahlen. Der alleine durch Spenden finanzierte Sender überträgt jeden Sonntag Gottesdienste aus Rom, darüber hinaus christliche Vorträge, Seminare oder Exerzitien. Der Aufrtag kommt direkt aus dem Vatikan. Dreizehn Festangestellte arbeiten bei Kath-TV, Pfarrer Hans Buschor gründete das Unternehmen vor 18 Jahren in Gossau, deutsche Niederlassungen befinden sich in Opfenbach und in Langenargen.

Für die musikalische Umrahmung ökumenischen Festgottesdienstes sorgte die Münstermusik in Zusammenarbeit mit der Südwestdeutschen Philharmonie.
Für die musikalische Umrahmung ökumenischen Festgottesdienstes sorgte die Münstermusik in Zusammenarbeit mit der Südwestdeutschen Philharmonie. | Bild: Oliver Hanser

"Ohne Moos ist auch bei uns nichts los", sagt Bernhard Bröll und zeigt grinsend auf das Sparschwein für die Spenden sowie die Verkaufsprodukte wie Postkarten oder Bücher. Die Kosten der Webseite, der Betrieb des Fernsehsenders und der Videoproduktion sind hoch. Kath-TV erhält keine Mittel aus Kirchensteuergeldern oder Rundfunkgebührengebühren und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen die Heilige Messe nicht besuchen können, machen das Stammpublikum aus.

Manfred Hölzl, der Chefkoch der Konzil-Gaststätten, führte zahlreiche Besucher durch sein Reich und schlug die Brücke zwischen dem Kaufhaus zur Konzilzeit bis hin zum heutigen Veranstaltungshaus. Gebannt lauschten die Gäste den Worten des Kochs. "Hier wurde auf fünf Stockwerken Waren gelagert, gehandelt und verkauft", erzählte er. "Als die Eisenbahn nach Konstanz kam, wurden hier sogar Schienen verlegt." Baumeister Jordan baute das Haus 1910 zu einem Veranstaltungshaus für die Konstanzer Bürger um.

Konzil-Pächter Manfred Hölzl
Manfred Hölzl, Chefkoch der Konzil-Gaststätten, führte Besucher durch das historische Gebäude. | Bild: Aurelia Scherrer

"Das Foyer und die vielen, schönen Säle entstanden. Ebenso in der Patronentasche das Restaurant, was früher ein Zollhaus war und heute die Alt-Konstanzer Gastronomie mit der Konstanzer Stube beherbergt", erzählt Hölzl. Spannend seine Schilderungen zur Ernährung der Menschen im Mittelalter: "Damals kamen Grütze, Hafer, Würste, Gemüse und sonst noch alles Mögliche in einen Kessel und wurde langsam über dem Feuer gegart", berichtete Manfred Hölzl. "Dann wurde jedem Familienmitglied mit dem Schöpflöffel seine Portion auf den Teller gehauen." Wie gut, dass es heute Menschen wie Hölzl gibt. Er schränkt allerdings entscheidend ein: "Zur Zeit des Konzils mit den vielen hochrangigen ausländischen Gästen aus aller Welt wurde nur das Beste serviert." Wie heute eben.

Arabella Schwier von Konzilstadt Konstanz stand im Konzil den Besuchern Rede und Antwort. Beim Blick aufs Wetter seufzte sie und sagte: "Wir müssen zufrieden sein." Der Festakt und die Prozession seien gut gelaufen, "schön war insbesondere, dass es mit der Prozession geklappt hat. Das Wetter war ja leider nicht einladend, aber die Infostände waren zufrieden, von den Besuchern des Schauplatzes haben wir ein positives Feedback erhalten".

 

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Ein Highlight sei der Martinsumzug am Freitagabend mit 3500 Teilnehmern und hunderten Zuschauern gewesen. "Der Festakt im Konzil mit 750 Besuchern und der Gottesdienst mit 800 Menschen waren ausgebucht. An der Prozession haben über 400 Personen teilgenommen", sagt Arabella Schwier glücklich. Insgesamt schätzen die Verantwortlichen bis zu 3500 Teilnehmer an allen Veranstaltungen, wobei das Martinsspiel noch dazu kommt. "Bei trockenem Wetter hätten wir sicher noch mehr Leute erreicht, aber der Papst wurde nun mal nicht im Hochsommer gewählt", berichtet sie augenzwinkernd.

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