Es ist nicht leicht, ein Foto von Gustav Rey zu schießen, auf dem er einfach stillsitzt und in die Kamera lächelt. Er ist nicht einmal ruhig zu bekommen, wenn er fast in dem riesigen Sessel verschwindet, ein Glas Sekt in der Hand. Mit der Energie eines 20-Jährigen lässt er sich von dem großen Rummel rundherum anstecken. Die ehemaligen Fußballfreunde vom FC Wollmatingen bekommen immer wieder seine lockeren, nicht immer jugendfreien Sprüche zu hören.

Sie sind gekommen, um den Geburtstag ihres früheren Präsidenten zu feiern – Gustav Rey wird 99.

In 99 Lebensjahren hat er viel erlebt – schöne Momente, traurige und tragische

„Ihr habt euch überhaupt nicht verändert, nur gaunerhafter seid ihr geworden“, entgegnet der Geburtstagssenior seinen Gästen und lacht. „Ihr seid ein bisschen eingeschrumpft – ich auch.“

So geht das die ganze Zeit, die der frühere Zahnarzt bei Kartoffelsalat, Sekt und Brezeln mit den „jungen Leuten“ verbringt, wie Gustav Rey seine sechs Freunde bezeichnet, die selbst inzwischen alle um die 80 Jahre alt sind. „Wir denken gerne an die vielen tollen gemeinsamen Stunden“, sagt Peter Obergfell, einer der „Jungen“.

Tolle Stunden erlebt Gustav Rey in seinen 99 Lebensjahren wahrlich viele, aber auch traurige und tragische – auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. „So alt wird man wohl nur, wenn man das Leben mit Humor nimmt. Und sich selbst“, lautet das Motto des gebürtigen Heidelbergers, der bis vor wenigen Jahren noch Deutschlands ältester aktiver Tischtennisspieler war.

Bild: Peter Pisa

Für den SC Konstanz-Wollmatingen trat er in der Kreisklasse gegen Teenager an, die seine Enkel sein konnten, und reiste gleichzeitig um die ganze Welt und scheffelte Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften der Senioren.

Immer für einen Scherz zu haben: Der pensionierte Zahnarzt Dr. Gustav Rey prüft die Güte von zwei seiner jüngsten Medaillen, die er bei den Weltmeisterschaften im Tischtennis in den USA errang.
Immer für einen Scherz zu haben: Der pensionierte Zahnarzt Dr. Gustav Rey prüft die Güte von zwei seiner jüngsten Medaillen, die er bei den Weltmeisterschaften im Tischtennis in den USA errang. | Bild: Jarausch, Gerald

Und das, obwohl er erst im Alter von 50 Jahren mit diesem Sport beginnt, der den früheren Leichtathleten und Fußballer fortan so begeistert. „Ich mache lieber Sport mit jungen Menschen, als mit alten Trinen am Biertisch zu sitzen“, sagt Rey gerne.

Nur ein Hobby wäre ja langweilig: Ein Leben mit Tischtennisschlägern, Briefmarken, Klaviertasten, Fossilien und Aquarellfarben

Seine ganz besondere Fingerfertigkeit hilft Gustav Rey aber nicht nur im Umgang mit dem Schläger, sondern auch bei seinen vielen anderen Hobbys. Seit dem sechsten Lebensjahr spielt er Klavier.

Bild: privat

Und er sammelt Briefmarken. 349 schwere Alben stehen im Regal. Momentan lässt er diese alte Leidenschaft wiederaufleben – jetzt, wo er nicht mehr Tischtennis spielen kann, oder täglich an der Orgel sitzen und „Amazing Grace“, das Lieblingslied seiner vor vier Jahren verstorbenen Frau Margot, spielen. 71 Jahre lang war er mit ihr verheiratet.

Bild: privat

Nun weicht der 99-Jährige halt Briefe in Essig ein, löst Marken ab, presst und sortiert sie sorgfältig. Das ist gut fürs Fingerspitzengefühl und für die Psyche. „Ich war schon immer ein Sammler“, sagt Gustav Rey und lacht.

In einem Schrank stehen mehr als 100 Tischtennis-Pokale.

Bild: privat

Im Keller seines Hauses lagern 10.000 Fossilien, die vielen Wände ziert eine Auswahl aus seinen 1000 Bildern, die der Autodidakt Rey all die Jahre über in Öl, Pastell, Aquarellfarben und Kreide auf Leinwand bannte.

Bild: privat

Kriegsverletzungen und Zipperlein machen aus dem Arzt ein "wandelndes Ersatzteillager"

Natürlich hat ein Mann in so stolzem Alter das eine oder andere Zipperlein, doch auch darüber kann Rey, den sie den „Eisernen Gustav“ nennen, nur lachen. Nach einer Schussverletzung kehrt er mit Lähmungserscheinungen und Granatsplittern im Bein aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. „Ich bin ein wandelndes Ersatzteillager“, sagt Rey, der Hörgerät, Herzschrittmacher und künstliche Hüftgelenke mit Humor nimmt. Den beweist der „Hohe Rat“ auch 45 Jahre lang als Texter und Musiker der Wollmatinger Narrengesellschaft „Giraffen“ – und in seinem Beruf.

Nach dem Krieg studiert Rey Zahnmedizin. Zu ihm können die Patienten auch mal sonntags und in der Nacht kommen, wenn die Schmerzen zu groß sind. Nach der Behandlung geht der Doktor mit seinen Patienten oft noch an die Tischtennisplatte. Wenn ein Gegner zu stark ist, „dann habe ich halt die Platte so hingestellt, dass der sich nicht richtig bewegen konnte“, erinnert sich Rey mit schelmischem Grinsen. Die Praxis schließt Gustav Rey im stolzen Alter von 72 Jahren.

Die 100 will er noch voll machen im nächsten Jahr

Danach konzentriert er sich auf den Sport und die anderen Leidenschaften, wie aktuell die Briefmarken. Irgendetwas zu tun gibt es für einen wie ihn doch immer. „Ich wollte das 100. Lebensjahr erreichen, das habe ich geschafft. Ich muss doch dankbar sein, dass es mich überhaupt noch gibt“, sagt Rey an seinem Geburtstag.

Die Fußballfreunde sind jedenfalls überzeugt, dass es nicht der letzte war. Sie haben schon angekündigt, im kommenden Jahr zum Hundertsten mit ihrem Eisernen Gustav anzustoßen – und über seine lockeren Sprüche zu lachen.