Wer sich diese Aufgabe zutraut, verdient großen Respekt. Eine Organisation von etwa 14 000 Menschen zu führen, bisweilen auseinanderstrebende Interessen von Studierenden, Lehrenden und Gesellschaft auszugleichen sowie die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen: All das wird von Kerstin Krieglstein erwartet. Diese Woche wurde die Medizinerin zur neuen Rektorin der Universität gewählt, während der hausinterne Kandidat mit seinem ganzen Netzwerk erst einmal auf der Verliererseite steht. Das gut bestellte Haus, das die Universität Konstanz mit dem Ausscheiden von Rektor Ulrich Rüdiger sicherlich ist, wird vor Veränderungen nicht gefeit sein.

Aufgabe 1: Einigung im Inneren

So wird die Universität schon bald eine Antwort darauf finden müssen, wie sie ihre so unterschiedlichen Fachbereiche klug austariert. Zum zweiten Mal wird der Rektorenposten aus dem naturwissenschaftlichen Spektrum besetzt, nicht einmal in die letzte Runde kam eine Kandidatin oder ein Kandidat aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Das ist insofern nicht überraschend, als die Naturwissenschaften vom Wettbewerbsgedanken in besonderer Weise getrieben sind. Doch die Führung einer Uni erfordert auch eine Antwort auf die Frage, wie mit Fächern, Forschern und Studierenden umzugehen ist, die sich nicht so leicht in die gängigen Schablonen der Nützlichkeit einordnen lassen. 

Aufgabe 2: Dialog mit der Stadt

Eine weitere Herausforderung ist das Wachstum der Universität. Da geht es um zigtausend Quadratmeter in Neubauten, für die es bisher eine Idee gibt, aber noch keinen wirklichen Plan. Es steht außer Frage, dass Wissenschaftler zeitgemäße Arbeitsbedingungen brauchen. In einer echten Wissensgesellschaft wird zudem der Anteil der Akademiker weiter steigen, und in ihr sind bisher ungeahnte Anstrengungen auch in der universitären Weiterbildung zu leisten. All das braucht Raum. Doch jenseits von Bebauungsplänen und Verkehrskonzepten wird es auch an der neuen Rektorin liegen, für diese Veränderungen bei den Bürgern mindestens Verständnis zu wecken. Denn wenn die Uni wächst, betrifft dies die ganze Stadt – darüber hat Krieglstein im Interview mit dem SÜDKURIER bereits gesprochen: Sie weiß, dass da viel zu tun ist. Denn die jüngere Entwicklung zeigt, dass Konstanz bisher mehr durch diesen Prozess gestolpert ist, als ihn umfassend auf Feldern wie Verkehr, Wohnen, Kulturentwicklung, Freizeitangebot zu gestalten.

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Aufgabe 3: Elite-Titel verteidigen

Schließlich wird Kerstin Krieglstein auch an einem Erfolg gemessen werden, über den zu einem Gutteil außerhalb der Universität Konstanz entschieden wird. Kommen im Herbst mindestens zwei der drei Anträge auf ein Exzellenzcluster durch, ist die Chance auf den dann unbefristeten Elite-Status gewahrt. Doch welche Teams und Taktiken haben in diesem Halbfinale und dann im Finale die Konkurrenten? Wie ticken die Schiedsrichter? Im besten Fall wird es zum dritten und wichtigsten Mal ein Sieg aus eigener Kraft, im schlechtesten Fall eine Niederlage wegen eigener Schwächen. Die Wahl von Kerstin Krieglstein kündet vom Willen zum Wettbewerb: Sie selbst sagte im Interview, die Alternative sei ein Rückfall auf Provinzniveau. Deutlicher könnte kaum beschrieben werden was für die Uni auf dem Spiel steht.

Ab 1. August ist sie die neue Rektorin an der Universität Konstanz: Kerstin Krieglstein, Medizinerin und Wissenschaftsmanagerin.
Ab 1. August ist sie die neue Rektorin an der Universität Konstanz: Kerstin Krieglstein, Medizinerin und Wissenschaftsmanagerin. | Bild: www.photo-spice.com/Universität Konstanz

Innenleben, äußere Entwicklung und Exzellenzinitiative sind nur drei Baustellen für die neue Frau an der Spitze der Universität Konstanz. Dafür hat sie alle Glückwünsche und eine wertschätzende Begleitung ihrer ganzen Universität wie auch der Konstanzer Öffentlichkeit verdient. Kerstin Krieglstein hat sich viel vorgenommen und gewinnt hoffentlich noch mehr – nicht nur für sich, sondern auch für die Hochschule und nicht zuletzt für die ganze Stadt.