Konstanz Geschichten der Gewalt

Wenn aus Fiktion grauenvolle Wirklichkeit wird: Das Unitheater zeigt sein neues Stück „Der Kissenmann“

Ein Wechselbad der Gefühle hat das Publikum des Unitheater Konstanz mit Martin McDonaghs Stück der Kissenmann in den vergangenen Aufführungsabenden in der Studiobühne der Universität Konstanz durchlebt. Mit einer Mischung aus Entsetzen, makabrem Humor und der Erkenntnis, wie schnell aus reiner Fiktion grausige Realität werden kann, brachten die sorgsam ausgewählten Darsteller den anspruchsvollen Stoff treffend auf die Bühne.

Das Stück handelt von Katurian (Leon Franke), einem Autor einer Vielzahl schauerlicher Geschichten voll Gewalt und Kindesmisshandlungen, und seinem geistig eingeschränkten Bruder Michal (Stefan Gritsch), der selbst in seiner Kindheit in einer Art Experiment von seinen Eltern gequält wurde. Das Experiment sollte zeigen, ob die Vorstellung von Gewalt die Geschichten des damals noch kindlichen Katurians beeinflussen. In der Bühnengegenwart werden die beiden Brüder separat von den Inspektoren Ariel (Lara Hoffmann) und Tupolski (Niklas Knezeviv) verhört, da verübte Morde den Geschichten Katurians bis in Detail gleichen. Katurian kann sich diese Ähnlichkeit nicht erklärt und beharrt auf der Harmlosigkeit seiner Werke „Es sind doch nur Geschichten!“ Michal dagegen gesteht eine Beteiligung an den Morden, wenngleich nicht klar wird, ob er womöglich nur lügt, um der Folter zu entgehen. Wartend auf die Exekution muss Katurian voller Grauen feststellen, dass Michal drei der ihm erzählten Geschichten nachgespielt haben soll, um zu testen, ob sie in der Wirklichkeit funktionieren. Katurian erstickt seinen Bruder im Schlaf, da er darauf hofft, seine rund 400 Werke würden aufbewahrt, sollte er alle Morde auf sich nehmen und gestehen.

Die erzählte und dargestellte Gewalt zusammen mit der beklemmenden Besessenheit, die auf durch das auf einen kleinen kargen Raum äußerst reduzierte Bühnenbild, ausgedrückt wird, mag den einen oder anderen Zuschauer stark betroffen haben. Vereinzelte Besucher kamen nach der Pause einfach nicht wieder, bestätigte auch Regieassistent Paul Voell. „Die Wirkung von Gewaltakten auf die Zuschauer wurde vielfach diskutiert und ist doch nicht vorhersehbar", sagte er. „Vielleicht beunruhigt das Zeigen von Gewalt, weil es verdeutlicht, dass sie in der Realität wieder zu finden ist“, schreibt Christina Dembny im Programmheft.

Gelobt wurde von den Zuschauern dennoch die große spielerische Leistung der Studenten sowie die Lichteffekte und Inszenierung „Es ist ganz toll, wie professionell das Unitheater arbeitet. Katurian hat einen richtig guten Ausdruck und auch Michal wirkte sehr authentisch – nicht übertrieben, nicht ins lächerliche gezogen“, so Kristina Lang, Studentin an der Universität Konstanz.

Das Stück thematisiert packend die brisante, zeitlose und durchaus aktuelle Frage, ob Demütigungen in der Kindheit zu Gewaltphantasien führen und ob es Situationen gibt, in denen Gewalt moralisch vertretbar wird. „Fasziniert hat mich die theatralische Umsetzung von Gewalt in einer Zeit, in der die Menschen durch Kino schon so abgestumpft sind und vermeintlich schon alles gesehen haben“, erklärt Regisseur Andreas Bauer seine Stückauswahl.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Kommentar
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren