Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat, das hat Loriot mal gesagt. Warum? Weil Politiker dort „tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen“ seien. Für die Parteiparolen lässt sich das gleiche behaupten. Vor der Gemeinderatswahl ist es wieder so weit: Die Straßen in Konstanz verwandeln sich in einen Plakat-Dschungel.

Wahlplakate sollen die Gesichter und Botschaften der Parteien vermitteln. Wie in der Werbung sind Wortwahl und visuelle Sprache von Bedeutung, damit etwas beim Wähler hängen bleibt. Vor allem Emotionen muss ein Plakat wecken. Wir haben uns je ein Plakat der Parteien und Wahlbündnisse vorgenommen und kommentieren, wie peppig sind Botschaft und Gestaltung sind.

CDU Konstanz

Bild: CDU Stadtverband Konstanz

Der zentrale Werbeslogan der CDU in Konstanz ist wirklich erste Sahne. „Dran bleiben – Konstanz noch besser machen.“ CDU-Oberbürgermeister Uli Burchardt hat im Interview mit dem SÜDKURIER ja bekanntermaßen gesagt, das heutige Konstanz sei das Beste, das es je gab. Der Satz ist kontrovers, aber er vermittelt eine eingängige und positive Botschaft.

Die Parteikollegen drehen die Botschaft geschickt weiter und versprechen, es noch besser zu machen. In wenigen Worten werden hier gleich zwei Assoziationen geweckt: Beständigkeit und Fortschritt. Besser geht es nicht.

Bei der Gestaltung dagegen hapert es. Was bedeuten die vielen Strichkinder, Strichfrauchen und Strichmännchen? Irgendetwas mit Verkehr, etwas mit Wirtschaft und Schule. Auf der Internetseite der CDU lassen sich den Figuren politische Inhalte der Partei zuordnen. Aber eine Internetseite zu besuchen, um ein Wahlplakat zu verstehen, sollte nicht nötig sein.

Und viel wichtiger: Warum um Himmels Willen sind Botschaft und Abbildung so winzig gestaltet? Ein Wahlplakat muss im Vorbeilaufen erkennbar sein. Diese Regel ist ungefähr so wichtig wie das Amen in der Kirche oder die richtige Schriftgröße bei Powerpoint-Präsentationen. Die CDU hätte sich einen Gefallen getan, ihren guten Slogan mit einem großformatigen Bild zu verbinden.

Freie Wähler Konstanz

Bild: Freie Wähler Konstanz

Blau ist einfach eine starke Farbe. Das wird bei den Wahlplakaten der Freien Wähler Konstanz deutlich. Mit der Farbe, das ist erwiesen, assoziieren viele Menschen positive Eigenschaften: Vertrauen und Verlässlichkeit zum Beispiel. Viele Parteien, auch die Alternative für Deutschland (AfD), arbeiten mit Blau. Laut Erhebungen ist es die beliebteste Farbe in Deutschland, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Gestalterisch ist das also ein guter Schachzug.

Daneben gegriffen haben die Freien Wähler aber mit ihrer Botschaft: Die ist nämlich nicht existent. Beziehungsweise sie beschränkt sich auf das Statement, dass sich eine Susanne Heiß zur Wahl stellt. Die Partei verzichtet in ihrem Plakat-Auftritt gänzlich auf Inhalte, es gibt nur Gesichter und Namen zu sehen. Personalisierung in der Politik ist wichtig, zweifelsohne.

Doch ganz ohne Botschaft geht es eben auch nicht: Wer ist Susanne Heiß, für was steht sie? Menschen, die Susanne Heiß nicht kennen, bleiben ratlos zurück. Es braucht ja keinen Lebenslauf, aber eine kurze Botschaft, die positive Assoziationen weckt. „Erfahrung. Wissen. Zuversicht.“ zum Beispiel. Ach halt, das hat ja schon eine andere Partei gebucht.

Freie Grüne Liste Konstanz

Bild: Freie Grüne Liste Konstanz

Gestalterisch voll auf die Zwölf gehen die Grünen. Satte Farben, eine Katze als Motiv, fette Schrift. Es ist viel, aber nicht zu viel – weil da im Hintergrund ein Mensch Ahnung von einer guten Optik hat.

Da ist das unverkennbare Grünen-Grün. Und dann die entsprechende Komplementärfarbe: ein Rosa. Der Allgemeinplatz, dass sich Gegensätze anziehen oder vervollständigen gilt auch in der Wahrnehmungspsychologie. Das Plakat ist deshalb im Wortsinne ein Hingucker.

Als Sahnehäubchen folgen die Plakate der Freien Grünen Liste Konstanz dem sogenannten Z-Muster, einer grundlegenden Layout-Regel. Wir lesen den Slogan von links nach rechts, dann geht der Blick entlang der Miezekatze nach unten links, von dort über Parteinamen nach rechts zur abschließenden Botschaft, sich an Demokratie zu beteiligen. Ein Z eben. Das funktioniert immer und überall.

Die Botschaft ist in diesem Beispiel ebenfalls gut umgesetzt: Es geht um Mangel an bezahlbarem Wohnraum, verpackt in eine witzige Text-Bild-Kombination. Wir haben eine positive und in starke Worte verpackte Forderung, Spekulation mit Wohnraum zu unterbinden.

Die Botschaft: Wir Grünen nehmen die Sorgen der kleinen Leute ernst. Und wir sind dabei nicht so bierernst wie die Linke. Wie glaubwürdig das ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt Papier. Aber als Werbung funktioniert es.

Linke Liste Konstanz

Bild: Linke Liste Konstanz

Das satte Rot lässt die Konstanzer sofort wissen, wo sie sich befinden: im linken Lager. Dazu weiße Schrift und weißer Hintergrund. Das ist gestalterisch ein Selbstläufer – funktioniert, Haken drunter.

Die Linke Liste Konstanz setzt auf Gesichter. Die Plakate mit Fokus auf Inhalte sind überall im Ländle die Gleichen. Wir sehen immer eine Kandidatin und einen Kandidaten, hier das Spitzenduo Anke Schwede und Simon Pschorr.

Das ist super, weil sich so auf Anhieb Frauen und Männer in einem Plakat wiedererkennen können. Außerdem sagt das: Hier ist ein Team unterwegs, keine Einzelkämpfer. Dazu ein positiver zentraler Slogan, der sich über alle Plakate zieht: “Stadt für alle!“

So weit so gut. Bei der gestalterischen Umsetzung hapert es dagegen etwas: Die Fotos sind zum Teil etwas unscharf. Die Gesichter wirken etwas gelbstichig, was die Kandidatinnen leicht kränklich wirken lässt. Und zu guter Letzt ist die Wahl der Kleidung nicht besonders gelungen.

Der gelb-gemusterte Schal und die blauen Applikationen am Hemd stechen ins Auge. Das ist unruhig, lenkt ab. Und ja, Stilsicherheit in Sachen Kleidung ist natürlich kein Kriterium für gute Politik. Aber ein Kriterium für gute Werbung.

SPD Konstanz

Bild: SPD Konstanz

Der nüchterne Gestus der SPD-Wahlplakate ist wohltuend. Viel rot, große weiße Schrift, ein bisschen blau und violett. Und vor allem eine simple Botschaft: “Spekulation eindämmen – Durch mehr Wohnungen in kommunaler Hand.“ Die Grünen übertreiben es ja ein bisschen mit gestalterischem Chichi, Witz und Ironie auf ihren Wahlplakaten. Das wirkt für den ein oder anderen angestrengt. Das Gegenteil ist hier der Fall.

Effektiv kommunizieren heißt aber nicht, lahm kommunizieren. “Spekulation eindämmen.“ Sind Sie beim Lesen dieser Botschaft auch schon kurz eingenickt? Eindämmen, ein echt lahmes Wort. Es gibt Botschaften mit einer Wortwahl, die entschlossener klingt: “Spekulation stoppen“, “Spekulation – nicht mit uns“, “Ausspekuliert – bezahlbare Wohnungen jetzt.“ Die wecken Aufmerksamkeit und versprechen klare Kante.

Auch fragt sich manch ein Betrachter, was das mit dem Sternchen auf den Wahlplakaten soll. Botschaft mit Sternchen. SPD mit Sternchen. Liebe Sozialdemokraten, das Sternchen erinnert viele Menschen an das Kleingedruckte in Verträgen. Und das Kleingedruckte in Verträgen mag wirklich kaum ein Mensch.

Auf der Internetseite hinter dem Sternchen heißt es: “Konstruktive Politik ist die schwierigste. Populistische Parteien erlangen Aufmerksamkeit durch plakative, vereinfachende Parolen, für deren Konsequenzen sie keine Verantwortung übernehmen müssen.“ So weit, so gut.

Aber Plakatwerbung muss plakativ sein, sonst geht sie unter. Das liegt in der Natur der Sache. Populare beziehungsweise populäre Politik kann sich nicht darauf verlassen, dass Menschen, eine Internetseite mit Erklärung ansteuern. Wahlwerbung kommt ohne Sternchen aus.

FDP Konstanz

Bild: FDP Konstanz

Die Freien Demokraten sind der Beweis, wie sich eine Partei allein durch die Umgestaltung ihrer Farbgebung ein frische Außenwahrnehmung hat geben können. Die traditionellen Farben der FDP Blau und Gelb wurden aufgefrischt und durch die Farbe Magenta ergänzt. Die Farben sind knallig, es ist schwer sie zu übersehen im Konstanzer Plakat-Dschungel.

Das Foto ist technisch gut. Auf eine prätentiöse Inszenierung der Persönlichkeit wie mit Bundesparteichef Christian Lindner im Wahlkampf 2017 haben die Freien Demokraten in Konstanz verzichtet – gut so. Hemd, Pulli und Brille strahlen vielmehr Seriosität aus. Die Auflistung der Doktorwürde ist Geschmackssache: Für die einen wirkt es professionell, für die anderen dünkelhaft.

Gut ist, wie der Name Heinrich Everke mit einer Botschaft verbunden wird. „Erfahrung. Wissen. Zuversicht.“ Das sind natürlich nur leere Worthülsen, aber Worthülsen, in die Menschen Positives interpretieren können. Wir erinnern uns an das ebenso inhaltsleere „Yes we can“ von Barack Obama. Gelungener Werbeauftritt also.

Junges Forum Konstanz

Bild: Parteien

Das satte Petrol passt gut zu einer Wählervereinigung, die das Prädikat Jung bereits im Namen trägt. Petrol ist eine Mischung aus Grün und Blau und gilt gemeinhin als erfrischende Farbe. In Abgrenzung zu den Freien Wählern und der AfD hat sich die Wählervereinigung vor Kurzem von der Farbe Blau getrennt, ein kluger Schachzug. Das Junge Forum Konstanz setzt bei seinen insgesamt elf Wahlplakaten voll auf Inhalte.

Darunter sind auch einige Plakate, die die Parolenhaftigkeit und inhaltliche Leere von Wahlkampfwerbung auf die Schippe nehmen. Das vorliegende Plakat ist ein gutes Beispiel: Statt uns eine einfache Botschaft vor die Füße zu knallen, werden wir aufgefordert, dem Plakat-Dschungel zu misstrauen und uns eingehender mit politischen Inhalten zu befassen.

Klingt ehrenhaft, ist aber ein bekannter Trick aus der Werbung. Mit dem Slogan „Don‘t buy this jacket“ – übersetzt „Kaufen Sie diese Jacke nicht!“ – bewarb das Outdoor-Bekleidungs-Unternehmen Patagonia 2011 eine Jacke in der „New York Times„. Die plakative Kritik an unseren Konsumgesellschaften enthielt natürlich eine subtile Botschaft: Wir machen es nachhaltiger. Also kauf doch unsere Jacke. Und fühl dich gut dabei.

Beim Wahlplakat des Jungen Forums ist das ganz ähnlich. Die Botschaft lautet: Plakatwerbung ist irgendwie doof, deshalb nutzen wir sie, um darauf aufmerksam zu machen, dass Du, lieber Wähler, dich schön selbst schlau machen sollst und das sehr gerne bei uns. Gelungenes Plakat, Hut ab.