Konstanz Gegen die klassische Rollenverteilung: Diese alleinerziehenden Frauen wollen trotz Kind zurück in den Beruf

Jede vierte Familie in Konstanz ist alleinerziehend. Die Rückkehr in den Job ist für Frauen oft schwierig, das Jobatelier der Caritas hilft ihnen dabei. Zwei Frauen erzählen ihre Geschichte.

Emel Dogan hat viel durchgemacht. Seit einem Jahr ist die 27-Jährige allein für ihren vierjährigen Sohn zuständig, der Vater des Kindes will keinen Kontakt mehr. „Von einem Tag auf den anderen war ich auf mich gestellt“, sagt Dogan, die in Konstanz geboren wurde und aufgewachsen ist. Aus dem gemeinsamen Haus mit ihrem Noch-Ehemann im Zollern-Alb-Kreis zog sie aus und kehrte zurück in ihre Heimatstadt.

Nun lebt sie mit ihrem Sohn wieder bei den Eltern in Konstanz und ist dankbar für deren Unterstützung. „Ohne meine Familie könnten wir uns keinen Urlaub leisten“, sagt die 27-Jährige, die auch ihr Auto verkauft hat. Durch die Trennung habe sie 18 Kilogramm abgenommen und sei aggressiv geworden. „Doch dann sagte ich mir: Du musst ein Vorbild für deinen Sohn sein und ihn jeden Tag anlächeln“, erzählt Dogan. „Also habe ich mich zusammengerissen und suche nun nach einer Teilzeitstelle, denn ich will wieder in meinem gelernten Beruf Fuß fassen.“

Emel Dogan wollte keine klassische Rollenverteilung

Emel Dogan besuchte die Wessenberg-Schule und lernte anschließend Kauffrau für Bürokommunikation im Kloster Hegne. Dann bekam sie Nachwuchs. „Ich wollte trotzdem mal raus aus dem Haus und habe einen Monat lang bei einem Supermarkt gearbeitet. Aber dann sagte mein Mann, er wollte das nicht mehr“, erzählt die Konstanzerin. Zum einen verdiene er genug Geld, zum anderen sei es ihm zu viel, seinen Sohn abends eineinhalb Stunden lang allein zu betreuen.

Die junge Mutter hat eine andere Auffassung von der Rollenverteilung und schaute sich nach Möglichkeiten um, allein klarzukommen. Sie stieß auf ein gemeinsames Angebot der Caritas und des Job Centers. Im Jobatelier werden alleinerziehende Frauen dabei unterstützt, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. Mit einer Mischung aus künstlerischen Tätigkeiten und gezielter Bewerbungsvorbereitung sollen sie den Wiedereinstieg schaffen.

Kontakte zu anderen Frauen, Hilfe bei der Bewerbung

Emel Dogan nimmt das Angebot dankbar an. Seit einigen Monaten spürt sie im Atelier ihren Talenten und Wünschen nach. „Hier kann ich auch Kontakte zu anderen Frauen in meiner Situation aufbauen und merke: Du bist nicht allein“, sagt sie. Außerdem habe sie dort Zeit für passgenaue Bewerbungen.

Durch die Geburt ihres Sohnes hat sie zwar keine Berufserfahrung, baut aber auf das Entgegenkommen der Arbeitgeber und hatte schon mehrere Vorstellungsgespräche. „In meiner Branche ist es zum Glück gut möglich, eine Teilzeitstelle zu bekommen“, sagt die Mutter. Auch sonst fühlt sie sich gut unterstützt. So habe die Stadt Konstanz ihr sehr schnell einen Kindergartenplatz besorgt.

Die Frauen lernen, sich realistische Ziele zu stecken

Eine andere Projektteilnehmerin möchte ihr Leben ebenfalls neu ordnen. Die 44-jährige Diana Uhlemann ist seit der Geburt ihrer Tochter vor zehn Jahren alleinerziehende Hausfrau. Nun ist für sie die Zeit gekommen, eine neue Herausforderung anzunehmen. „Ich möchte wie jeder andere morgens aus dem Haus gehen, Geld verdienen und mir auch mal Wünsche erfüllen können“, sagt Uhlemann. Im Jobatelier erhält sie unter anderem Hilfe von Myrjam Heintze von der Caritas.

Die alleinerziehende Mutter Diana Uhlemann (links) möchte nach vielen Jahren wieder in den Beruf einsteigen. Im Jobatelier erhält sie unter anderem Hilfe von Myrjam Heintze von der Caritas.
Bild: Kirsten Schlüter

Auch Uhlemann lernt dort, sich realistische Ziele zu stecken und sich nicht als Opfer zu sehen. „Momentan tendiere ich zu einem Wechsel in den kaufmännischen Bereich“, sagt die gelernte Metzgereifachverkäuferin. „Denn im Einzelhandel haben Alleinerziehende fast keine Chance. Oft wird verlangt, frühmorgens, spätabends oder jeden Samstag zu arbeiten. Wir Frauen würden uns mehr Flexibilität seitens der Arbeitgeber wünschen.“

Durch kreatives Arbeiten spüren die alleinerziehenden Frauen beim Jobatelier ihren Wünschen und Talenten nach. Diana Uhlemann gestaltete dort zum Beispiel einen Stuhl neu.

Durch kreatives Arbeiten spüren alleinerziehende Frauen beim Jobatelier ihren Wünschen und Talenten nach. Diana Uhlemann gestaltet hier einen Stuhl neu.
Bild: Kirsten Schlüter

Auch eine Motivation: Vorbild sein!

Sie hofft, dass sie im Januar eine Umschulung beginnen kann. Falls sie dann eine Teilzeitstelle findet, müsste sie trotzdem aufstockende Leistungen vom Job Center beziehen. „Aber das Wichtigste ist, dass ich ein Vorbild für meine Tochter bin und arbeite“, sagt die 44-Jährige, die stolz auf das Zweiergespann ist: „Wir sind ein gutes Team.“

Auch Emel Dogan hat ihr Lachen wiedergefunden. Ihr Sohn sei nach der Trennung viel selbstbewusster geworden und habe endlich angefangen zu sprechen. „Man darf nicht aufgeben“, findet die 27-Jährige. „Alleinerziehend zu sein, ist heute normal. Auch wenn das traurig ist, denn eigentlich hatte man die Familie ja aus Liebe gegründet.“

Der Kurs

Laut Monika Köhler von der Stadt Konstanz liegt der Anteil der Alleinerziehenden an allen Konstanzer Haushalten mit Kindern bei 25 Prozent. Hier sind allerdings auch Alleinerziehendemit weiteren Personen im Haushalt einbezogen, zum Beispiel bei Wohngemeinschaften oder unehelichen Lebenspartnerschaften. Rechnet man diese heraus, liegt der Anteil der Alleinerziehenden bei 21 Prozent.

Caritas und Job Center bieten seit 2012 alleinerziehenden Frauen Hilfe beim Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt an. Die Teilnehmerinnen sind beim Job Center gemeldet und bilden eine heterogene Gruppe. „Sie sind zwischen 20 und 50 Jahre alt, manche haben keinen Schulabschluss, andere kommen von der Hochschule“, sagt Myriam Heintze, mit Haide Riedle und Melanie Pollini eine der drei Seminarleiterinnen.

Der aktuelle Kurs geht von Februar bis Dezember 2017, bei Bedarf gibt es eine Nachbetreuung. Die Frauen arbeiten dreimal in der Woche von 9 bis 13 Uhr im Kreativbereich (malen, Collagen erstellen, Stühle neu gestalten) und zweimal wöchentlich am Computer, um Bewerbungen zu erstellen. Auch Vorstellungsgespräche werden geübt.

Ihre im Jobatelier entstandenen künstlerischen Arbeiten zeigen die Teilnehmerinnen bei einer Ausstellung im Job Center, Konzilstraße 9a. Die Werke sind noch bis Freitag, 8. Dezember, während der Öffnungszeiten zu sehen.

Alleinerziehende Frauen stellen im Jobatelier künstlerische Werke her, die bei einer Ausstellung im Job Center zu sehen sind. Kernstück ist das Bild "Ein Herz für Europa". Auf dem Foto sind auch die Seminarleiterinnen Melanie Pollini (Fünfte von links), Myriam Heintze und Haide Riedle (beide rechts daneben) zu sehen.
Bild: Caritas Konstanz

Im laufenden Projekt wurden 40 Prozent der Teilnehmerinnen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt. Weitere 25 Prozent der Frauen begannen eine Ausbildung, Weiterbildung oder berufliche Qualifizierung. Gefördert wird das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Außergewöhnliche Geschenkideen für Ihre Liebsten
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren