Konstanz Gegen die Angst vorm Sturz

Senioren lassen sich freiwillig nach hinten auf den Boden fallen. Sie sind an sogenannten Longe-Gummibändern, wie sie Turner manchmal auch verwenden, gesichert. Trotzdem ist das ein mutiger und ungewöhnlicher Schritt, den der Video-Ausschnitt zeigt.

Die übliche Reaktion auf einen Sturz ist vor allem im hohen Alter eher ein „Bloß nicht“, eine Abwehrreaktion. Dietmar Lüchtenberg, Sportwissenschaftler an der Universität Konstanz, läutet aber gerade einen deutlichen Paradigmenwechsel ein. „Früher beziehungsweise oft jetzt noch bestand oder besteht das Konzept der Sturzprophylaxe aus angstbehafteten Vorsätzen, dass man ja nicht stürzen darf“, erklärte Lüchtenberg. Älteren Leuten wurde oft eingetrichtert, dass Stürze in jeder Form gefährlich und diese deshalb um jeden Preis zu vermeiden seien. Dieser Ansatz führt aber dazu, dass viele sich nicht mehr aus dem Haus trauen, um zum Beispiel alleine einkaufen zu gehen. Diese Mobilität einzuschränken jedoch ist kontraproduktiv, wenn man Gesundheit fördern und Selbstständigkeit bis ins hohe Alter beibehalten möchte.

Der begeisterte Mountainbiker Lüchtenberg weiß genau, wovon er spricht, wenn es ums Stürzen geht. „Ältere Menschen haben das Stürzen verlernt. Kinder stürzen mehrmals am Tag, Mountainbiker und andere Sportler stürzen ebenfalls regelmäßig, aber als Erwachsener kommt das sehr selten vor, deswegen gilt es als so gefährlich.“ Sein neues Konzept der Sturzprophylaxe bedeutet, dass man wichtige sensomotorische Dinge trainieren kann, um schlimme Sturzfolgen zu vermeiden. Hierbei sind kognitive und motorische Aktivitäten gleichermaßen wichtig, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben.

Ein Beispiel von ritualisierten Bewegungsprogrammen beschreibt Lüchtenberg mit der Arbeit einer Seniorengruppe im Seniorenzentrum Luisenheim. Mit Fantasiereisen würden kognitive Fähigkeiten gestärkt und mit einfachen, aber regelmäßigen Sitzgymnastikübungen die Motorik geschult. Anfangs stieg man immer in den Bus, simuliert durch kräftiges Trampeln, um dann gedanklich an verschiedene Orte zu fahren. Die Pool-Nudel wird bei diesen Reisen dann zu Pfeil und Bogen oder Skistock.

Mit zusätzlichem Krafttraining, zum Beispiel zehnmal vom Stuhl aufstehen, ohne die Hände als Hilfsmittel zu verwenden, bereitet man sich automatisch auf eventuelle Sturzfolgen vor. Um das Innenohr und damit das Gleichgewichtsorgan zu stärken, kann man in einer sicheren Umgebung Purzelbäume üben. Im Falle eines Sturzes weiß man dann genau, wann man sich wo befindet und kann besser reagieren, um sich vor schweren Verletzungen zu schützen. Und: Mit regelmäßigen Übungen soll auch das Selbstwertgefühl steigen, sodass man eher auf die Straße gehen mag und sich in seinem Körper sicherer fühlt.

Der Outdoor-Sport-Fan rät aber, diese Übungen nicht alleine zu absolvieren, sondern sich bestenfalls einer angeleiteten Gruppengymnastik anzuschließen, in deren Rahmen sicher sowie zusammen mit anderen trainiert werden kann. Er versucht hier Seniorenorganisationen und entsprechende Vereine auf das Thema hin zu sensibilisieren, sodass in Zukunft mehr Senioren die Möglichkeit haben, ihre sensomotorischen Fähigkeiten auszubauen. Hierbei soll dann auch die Motivation steigen, regelmäßig zu trainieren, wenn man in einer Gruppe gemeinsam Erfolgserlebnisse verzeichnen kann.

Dabei ist solche Vorbeugung nicht nur für Senioren wichtig. Lüchtenberg rät allen spätestens ab 40 Jahren regelmäßig ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten zu trainieren. Dabei sei es mit Kreuzworträtsel lösen nicht abgetan, besser sei es, neue Dinge zu lernen und regelmäßig sportlich aktiv zu sein. Mit diesen Maßnahmen verringere sich auch das Risiko an Demenz zu erkranken. Lüchtenberg warnt, dass im Durchschnitt im Alter ab 90 Jahre jeder Dritte an Demenz leidet, hier könne aber jeder durch persönliche Vorsorge entgegenwirken.

Aber was tun, wenn es wirklich mal so weit ist und man schlimm stürzt und Verletzungen davonträgt? „Dann“, sagt Lüchtenberg, „muss man nach dem Sturz ganz langsam das Selbstvertrauen mit einer seriösen und sanften Herangehensweise wiedergewinnen und wieder anfangen zu trainieren.“

Zur Person

Dietmar Lüchtenberg, Jahrgang 1956, ist promovierter Sportwissenschaftler an der Uni Konstanz. Lüchtenberg, der auch Diplom-Biologe und ausgebildeter Sportlehrer ist, studierte an der Sporthochschule Köln. Seit 1983 ist er in Konstanz, seit 1984 leitet er Seniorensportgruppen, in denen er mit Lehramtsstudenten Senioren betreut und Training und angewandte Wissenschaft verbindet. Heute ist er Professor für Angewandte Trainingslehre, insbesondere für Tauchen, Radsport und Leichtathletik. Er ist begeisterter Mountainbiker und Taucher. (chk)

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