Es ist ein Wochentag während der deutschen Pfingstferien auf dem Hohenrain, oberhalb des Dorfes Wäldi. 10 Uhr morgens. Die Sonne kommt nur langsam aus dem Dunst hervor. Trotz des verregneten Morgens herrscht beim Napoleonturm schon reges Treiben. Einige Erst- und Zweiklässler machen gerade auf den Bänken am Fuße des Turm ihre Frühstückspause, andere rennen stürmisch die Holzwendeltreppe des nun einjährigen Turms hoch, wieder andere spielen im umliegenden Dickicht.

Vereinspräsident Möckli: "Auch viele Konstanzer sind immer wieder mit dem Rad da"

Angela Sieber aus Müllheim-Wigoltingen hat sich heute auf dem Ausflug mit ihrer Klasse nach Ermatingen bewusst für einen Zwischenstopp am Napoleonturm entschieden. „Man liest immer davon, man hat hier oben einen super Ausblick und heute wollte ich den Kindern mal den Thurgau zeigen“, erklärt die Lehrerin.

In die Landschaft einfügen sollte sich der 40 m hohe Napoleonturm zu Hohenrain oberhalb des Dorfes Wäldi, der am 20. Mai 2018 seinen einjährigen Geburtstag feierte und sich seitdem als beliebtes Ausflugsziel etabliert hat. Besonders freut sich Präsident des Vereins Napoleonturm zu Hohenrain Karl Möckli aber, wie gewissenhaft die Gäste mit der Umgebung umgehen und dass der Turm bisher glücklicherweise nicht von Vandalismus heimgesucht worden ist. Bild: Larissa Hamann
In die Landschaft einfügen sollte sich der 40 m hohe Napoleonturm zu Hohenrain oberhalb des Dorfes Wäldi, der am 20. Mai 2018 seinen einjährigen Geburtstag feierte und sich seitdem als beliebtes Ausflugsziel etabliert hat. Besonders freut sich Präsident des Vereins Napoleonturm zu Hohenrain Karl Möckli aber, wie gewissenhaft die Gäste mit der Umgebung umgehen und dass der Turm bisher glücklicherweise nicht von Vandalismus heimgesucht worden ist. Bild: Larissa Hamann

Der Verein Napoleonturm zu Hohenrain ist seit der Eröffnung des Turms am 20. Mai 2017 sehr zufrieden mit der Besucherentwicklung: „Der Turm ist von den Touristen und Einheimischen sehr gut angenommen worden. Auch viele Konstanzer sind immer wieder mit dem Rad da“, sagt der Präsident Karl Möckli.

Webcam bietet Vorgeschmack auf die Aussicht

So auch Familie Wittstock aus dem Konstanzer Teilort Wallhausen. Besonders Lars Wittstock hat sich auf diese Besuch gefreut, vorher schon über die Webcam des Turms einen Vorgeschmack auf die Aussicht erhascht. „Zum Turm wollte ich schon lange mal. Jetzt hab ich das ganze Jahr gedrängt, dass wir mal hinfahren“, erklärt der zweifache Familienvater.

Einst hat der Aufstieg zwei Stundenlöhne gekostet

Der große Andrang liegt sicherlich aber auch daran, dass heute niemand mehr für den Eintritt fast zwei Stundenlöhne (sechs Kreuzer) ausgeben muss, wie es bei dem 21 Meter hohen Vorgängerturm der Fall war, sondern kostenfrei die Aussicht aus 40 Meter Höhe auskosten kann. Das ehemalige Lustgebäude hat von 1829 bis 1855 etwa hundert Meter vom heutigen Napoleonturm entfernt gestanden.

Napoleon III. ist der Namensgeber sein

Seinen Namen erhielt der Turm im Hohenrain – wie er damals offiziell hieß – vom Volksmund, da sein Namensgeber Louis Napoleon III., der letzte Kaiser Frankreich, wohl auch Thurgauer Dialekt sprach und maßgeblich an der Erbauung beteiligt gewesen sein soll.

Von der Biertischidee vor sieben Jahren zum fertigen Turm 2017

Ab Mitte des 19. Jahrhundert verfiel der steinerne Turm langsam und geriet in Vergessenheit. Vor sieben Jahren ist dann in einer gemütlichen Runde von vier bis fünf Leuten die „Biertischidee“ – wie Möckli sie mit einem Augenzwinkern nennt – entstanden, dem kleinen Wald oberhalb von Wäldi mit dem Bau eines neuen Napoleonturms ein Stück Geschichte zurückzugeben.

Jede Stufe erzählt ein Stück Thurgauer Geschichte

Mit einem didaktischen Konzept, das sich an den 200 Treppenstufen hinauf orientiert, erinnert der Verein darüber hinaus auch an die Geschichte der Region. Jede der Stufen stellt ein Jahrzehnt Thurgauer Geschichte dar, die auf insgesamt 50 Treppentafeln festgehalten ist – von der Zeit der aktiven Hegau-Vulkane bis hin zur Digitalisierung ab der letzten Jahrtausendwende.

Oben angekommen halten acht QR-Codes für Smartphones weitere Informationen über Land, Leute und Geschichte bereit. Eine Nachbildung des von G. Gersbach gemalten Panorama von 1831 zeigt außerdem, welche Aussicht Napoleon III. genossen haben mag und wie sie sich von der heutigen unterscheidet.

Die Landschaft so genießen wie es Kaiser Louis Napoléon III von Frankreich schon 1831 zu tun pflegte – daher erklimmt auch Präsident des Napoleonvereins zu Hohenrain Karl Möckli ab und zu immer noch die 200 Stufen zur obersten Plattform des Turms. Wie die Nachbildung des von G. Gersbach gemalten Panoramas zeigt, hat sich in den letzten 187 Jahren jedoch einiges verändert. Bild: Larissa Hamann
Die Landschaft so genießen wie es Kaiser Louis Napoléon III von Frankreich schon 1831 zu tun pflegte – daher erklimmt auch Präsident des Napoleonvereins zu Hohenrain Karl Möckli ab und zu immer noch die 200 Stufen zur obersten Plattform des Turms. Wie die Nachbildung des von G. Gersbach gemalten Panoramas zeigt, hat sich in den letzten 187 Jahren jedoch einiges verändert. Bild: Larissa Hamann

Der neue Turm sollte zeitgemäß sein und sich in die Natur einpassen

Eine einfache Rekonstruktion des alten Modells schloss der Verein von Anfang an kategorisch aus. Der Neubau sollte zeitgemäß sein und sich in die Natur einfügen. Ein Wettbewerb entschied schließlich über den doppelschaligen Aufbau aus Schweizer Fichten- und Lärchenholzes – eine Idee der Dransfeld Architekten und des Ingenieurbüros Krattiger mit dem ökologischen Ziel, die tragende Balken die nächsten hundert Jahre überdauern zu lassen.

Verein bestand auf Holz aus der Region

„Das ist eine sensationelle Konstruktion. Mit Holz ist das einfach einmalig“, findet Turmbesucher und Fachmann Karl Sieber von einem Ingenieurbüro in Frauenfeld. Dass das Holz zu hundert Prozent aus dem eigenen Land kommt, war dem Verein sehr wichtig: „Das war ein Kriterium, das bei den Sponsoren sehr gut ankam“, erläutert Möckli.

Auch wenn der neue Turm in seiner Gestalt wenig mit seinem historischen Vorbild gemein hat, ist er trotzdem ein Pilgerort für Geschichtsinteressierte wie Willy Huwiler aus Luzern geblieben, der an diesem Morgen den erstmaligen Besuch des Napoleonturms mit einer anschließenden Besichtigung des Schlosses Arenenberg und des Napoleonmuseums Salenstein verbindet.

Der Turm in Zahlen

390 Fördermitglieder und Institutionen haben von 2012 bis zur Eröffnung 2017 an der Errichtung eines neuen Turms mitgewirkt. Die Finanzierung speiste sich ausschließlich aus Spendengeldern, wobei Privatpersonen oder Institution die Möglichkeit hatten, für je 1000 Franken Treppenstufen zu stiften. Der Differenzbetrag zu den Gesamtkosten von 875.000 Franken bezahlte schließlich der sogenannte Hunderter-Club mit 2900 Franken pro Mitglied. Seine Mitglieder sind auf einem Betonblock neben dem Turm aufgelistet.