Konstanz Gedenkstunde für deportierte Juden: „Es kann keinen Schlussstrich geben“

Vor 75 Jahren wurden die letzten 112 in Konstanz verbliebenen Juden deportiert. Mit einer Gedenkfeier am Mittwochabend erinnerte die Stadt daran. Prominenter Gastredner war der israelische Botschafter in Deutschland

Simon Levinger war ein beliebter Metzger in Konstanz. Nach 1933 konnte er seinen Beruf wegen der Nazis nicht mehr ausüben, 1937 verkaufte er sein Haus, im Sommer 1939 gelang ihm und seiner Familie gerade noch die Flucht nach Uruguay. Auch Moritz und Salome Fürst waren gut in Konstanz integriert. Sie führten ein Textilgeschäft in der Rheingasse und harrten bis zum Schluss in Deutschland aus. Im Oktober 1940 werden sie, wie die weiteren 110 in der Stadt verbliebenen Juden, ins Internierungslager ins südfranzösische Gurs deportiert. Zwei Jahre später werden Moritz und Salome Fürst im Konzentrationslager Auschwitz vergast.

Es waren Geschichten wie jene der Levingers oder der Fürsts, die am Mittwochabend bei einer Gedenkfeier für die aus Konstanz deportierten Juden im Konzil im Mittelpunkt standen. 75 Jahre ist diese Auslöschung des jüdischen Lebens in Südbaden inzwischen her und rund 600 geladene Gäste, darunter auch Überlebende und Angehörige von Überlebenden des Holocaust, demonstrierten, dass ihnen die Erinnerung wichtig ist. Museumschef Tobias Engelsing hatte angesichts des Jahrestages zu der Gedenkstunde eingeladen, mit der gleichzeitig auch seine neue Ausstellung „Das jüdische Konstanz. Blütezeit und Vernichtung“ (siehe Infokasten) eröffnet wurde. Gastredner des Abends war Yakov Hadas-Handelsman, israelischer Botschafter in Deutschland. Entsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen. Besucher wurden nur in Zweierreihen und nach ausgiebiger Taschenkontrolle ins Konzil gelassen, mehrere Bodyguards bewachten den Botschafter beständig.

In seiner Ansprache wies Hadas-Handelsman darauf hin, dass es keinen Schlussstrich unter der Shoah, der jüdischen Bezeichnung für den millionenfachen Mord der Nazis an den Juden, geben kann. „Deutsche haben nicht die Option, dieses Kapitel abzuschließen. Deutsche Geschichte gibt es nur an einem Stück, man kann sich nicht davon trennen“, sagte der Botschafter. Er erinnerte gleichzeitig auch an die Einzigartigkeit der Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Seit 50 Jahren unterhalten beide Staaten wieder diplomatische Beziehungen und die größte Aufgabe der Zukunft werde sein, „diesen einzigartigen Charakter zu bewahren“. Die junge Generation beider Länder nahm er in die Pflicht, die Erinnerung wach zu halten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. „Wir müssen gemeinsam dafür Sorge tragen, dass so etwas nie wieder geschieht“, mahnte Hadas-Handelsman. Zuvor hatte bereits Oberbürgermeister Uli Burchardt noch mal darauf hingewiesen, dass die Verfolgungsmaßnahmen des NS-Staates „vor aller Augen und auf lokaler Ebene“ stattfand. Lokale Akteure hätten auch in Konstanz zur Radikalisierung der Bevölkerung beigetragen.

Wie sehr die NS-Ideologie von vielen Menschen mitgetragen wurde, veranschaulichte Tobias Engelsing mit einem Beispiel: „Hier in diesem Saal wurden im Januar 1941 öffentlich jüdische Besitztümer versteigert – unter großer Beteiligung der Konstanzer Bevölkerung.“ Mit seiner neuen Ausstellung will der Museumschef aber nicht nur an das Leid der Juden erinnern, sondern auch an deren Wirken in der Konstanzer Gesellschaft: „Wir sind es den Toten schuldig nicht nur an ihr Ende, sondern auch an ihr Leben zu erinnern.“ Stellvertretend für die Landesregierung war Gisela Erler, Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, vor Ort. Sie lobte „die vorbildliche Weise, wie Konstanz sich seiner Vergangenheit stellt“ und schlug auch den Bogen zu heutigen Debatten angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme. „Die Fähigkeit zu Mitleid und Solidarität muss man immer wieder wie einen Muskel trainieren“, mahnte Erler. Die Zukunft sei voller Herausforderungen, aber die Staatsrätin zeigte sich zuversichtlich: „Die Stimmung wird nicht kippen, weil wir heute, anders als in der NS-Zeit, eine wache Zivilgesellschaft haben.“

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