Wenn Ruth Frenk wieder mal eine Vorstellung in der Met miterleben will, muss sie nur einen Spaziergang zu einem Konstanzer Kino unternehmen. Als die seit vielen Jahren in Konstanz unterrichtende Gesangslehrerin in New York studierte, besuchte sie oft das legendäre Opernhaus. Das unterscheidet sie von vielen Musikliebhabern, die die Metropolitan Opera bestenfalls vom Fernseher oder der Kinoleinwand kennen. Immer mehr Menschen genießen diese besondere Form des Opernbesuchs, erläutert Marius Fröhlich. Der Geschäftsführer des Konstanzer Kinos Cinestar bietet seit sieben Jahren solche Übertragungen an, in der ersten Zeit im mittlerweile geschlossenen Scala an der Marktstätte.

Brigitte Ruck (links) und ihre Chorleiterin und Gesangslehrerin Ruth Frenk in der Pause der Opernübertragung von „Eugen Onegin“. Bild: Michael Buchholz
Brigitte Ruck (links) und ihre Chorleiterin und Gesangslehrerin Ruth Frenk in der Pause der Opernübertragung von „Eugen Onegin“. Bild: Michael Buchholz | Bild: Michael Buchholz

Der Verleiher Clasart meldete unter anderem für eine Übertragung von Verdis "Nabucco" in über 200 deutsche und österreichische Kinos 50 000 Besucher. Die Idee der Met, mit diesem Format massentauglich zu werden, geht anscheinend auf. Der laut Marius Fröhlich professionellste Anbieter solcher Übertragungen geht meist auf Nummer Sicher. Sänger wie Anna Netrebko und Jonas Kaufmann füllen die Säle in New York und aller Kinowelt, häufig gespielte Klassiker machen dann aber auch neugierig auf zeitgenössische Werke wie "The Exterminating Angel" von Thomas Adès am 18. November. Auch zu sehen im Cineplex Singen.

Was also bringt Menschen fast aller Generationen dazu, einen Kinosaal zu ihrem Opernhaus zu machen, statt zuhause bequem Fernseher oder Internet zu nutzen? Viele Musik- und Ballettfreunde legen Wert auf das Gemeinschaftsgefühl. Aber dafür häufig zu den Opernhäusern von St. Gallen, Zürich oder Stuttgart zu fahren, ist zeitlich und finanziell nicht jedermanns Sache. Ein wenig Opernatmosphäre kommt im Kino auf, wenn sich das Publikum in der Pause im eigens eingerichteten Bereich des Foyers bei einem Getränk über den ersten Teil des Abends unterhält. In der Anfangszeit noch in feiner Abendgarderobe, mittlerweile trotz festlicher Stimmung etwas lockerer. Und vereinzelt mit Popcornkrümeln am Revers.

So spricht denn Ruth Frenk unter anderem mit Brigitte Ruck über handwerkliche Feinheiten der Sängerinnen und Sänger. Brigitte Ruck ist Gesangsschülerin bei Ruth Frenk und singt in einem von letzterer geleiteten Chor. Beide betrachten solche Kinoabende auch als Fortbildungsmöglichkeiten. Insbesondere die erfahrene Lehrerin nimmt Feinheiten wahr, die dem Gesangslaien nicht auffallen. Dabei spart sie auch nicht mit Kritik, wenn ein Sänger ihrer Ansicht nach technische Fehler macht. Hier kommt den um Weiterbildung bemühten Zuschauern die Kameraführung im tausende Kilometer entfernten New York entgegen. Sie reicht bis hin zur extremen Nahaufnahme, und während der einfache Zuschauer eher die hervorragende Arbeit des Dentisten von Anna Netrebko zu würdigen in der Lage ist, analysiert Ruth Frenk bis ins anatomische Detail die Art, wie die Sängerin einen ganz bestimmten Ton herausarbeitet.

Wieder zurück im Kinosaal zur zweiten Hälfte des Abends murmelt Brigitte Ruck fast andächtig die Namen von Sängern, die noch kurz in der Vorschau auf die nächsten Übertragungen zu hören sind. Die eingebetteten Kurzbeiträge während der Umbaupausen begleitet sie mit konzentrierter Aufmerksamkeit oder Reaktionen à la „Wusste ich doch schon“. Genau diese Einspielungen machen den besonderen Reiz an den Übertragungen aus, denn wann kann man schon mal während eines Opernabends die minutiös organisierten Umbauten hinter dem geschlossenen Vorhang beobachten. Und die Stars, die gerade eben noch eine höchst dramatische und anspruchsvolle Arie gesungen haben, stehen nun anscheinend ganz entspannt hinter der Bühne und beantworten scherzend Antworten in einem Kurzinterview.

Die Details machen den besonderen Reiz aus

Marius Fröhlich weiß von einer Besucherin, die selbst schon in der Met war, dass für sie diese Elemente einen Opernabend im Kino beeindruckender machen als jenen in der Met selber. Da nimmt man es auch hin, dass der gute Klang mit der Qualität eines Opernhauses trotzdem nicht ganz mithalten kann. Macht nichts, findet Mona Willmann, die es sich in einer der hinteren Reihen des fast 300 Zuschauer fassenden Kinosaals bequem gemacht hat. Gerade erst vor einer Stunde ist sie aus Wien zurückgekehrt und freut sich, noch eine zurückgegebene Karte ergattert zu haben. „Ich habe die ‚Zauberflöte‘ schon so oft gesehen, da will ich jetzt wissen, wie sie an der Met inszeniert wird“, erklärt sie. Ihre Vergleiche stellt sie unter anderem durch Besuche in den Häusern in St.

Gallen („beste Sicht“), Zürich („schöne Atmosphäre, aber teuer“) und Stuttgart („bester Gesamteindruck“) an. Auch Reisen nach Berlin und München verbindet sie nach Möglichkeit mit Opernbesuchen. Wobei sie lächelnd zugibt, bei Musik einen großen Bogen um Zeitgenössisches zu machen: „Da komme ich nicht mehr mit.“ Im Theater hingegen sei sie modernen Stücken und Inszenierungen gegenüber sehr aufgeschlossen.

Bisher haben weltweit Millionen von Zuschauern in den angeschlossenen Kinos immer miterlebt, wie sich weit entfernt der Vorhang hebt, noch nie ist laut Marius Fröhlich eine Übertragung ausgefallen. Allenfalls kämen kurzzeitig Ton und Bild mal versetzt an, erläutert der Geschäftsführer. Es gibt zwar vor der Aufführung einen Testlauf, aber: „Wenn es in New York schneit, können die Satellitensignale schon mal ein Problem bekommen.“ Dann hätte Ruth Frenk aber auch in New York Schwierigkeiten, in die Met zu kommen.

Wie ein Orchester auf die Generation Internet zugeht

Beat Fehlmann setzt als Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie auf das Internet, um den Bekanntheitsgrad des Konstanzer Orchesters zu erhöhen und neue, jüngere Zielgruppen zu erschließen 

  • Ganz persönlich: Für Beat Fehlmann ist nicht das große Kino, sondern das Internet die Liga, in der die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz spielen kann. Wobei das Orchester auf Qualität statt Quantität bedacht ist. Ein Format, das Fehlmann nach eigener Darstellung bei der „Süddeutschen Zeitung“ abgekupfert hat, nennt sich "Sagen Sie jetzt nichts". In Zusammenarbeit mit Studenten der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz wurden für die eigene Internetseite sowie für den Youtube-Kanal der Philharmonie kurze wortlose Filme gedreht. Darin beantworten einzelne Musiker, die im Kollektiv eher untergehen, eingeblendete Fragen mit ihrem Instrument. Heraus kommt Nachdenkliches, Witziges, Überraschendes.
  • Ganz genau: Aus der jungen Zusammenarbeit der Philharmonie mit der traditionsreichen Radolfzeller Sommerakademie für junge Streicher und Pianisten ist 2016 zusätzlich der Meisterkurs Dirigieren hervorgegangen. Neben den Hilfestellungen des Dozenten Johannes Schlaefli bieten Filmaufnahmen von den Proben den jungen Dirigenten wertvolles Anschauungsmaterial. Teilweise wird es auch im Internet veröffentlicht. Beat Fehlmann: "Die Aufnahmen von der Sommerakademie sind auch eine Visitenkarte. Früher wurden CDs an Konzertveranstalter verschickt, heute sind Bilder gefragt."
  • Ganz kurz: Interessanter als die Präsentation fertiger Produktionen sind für Beat Fehlmann filmische Dokumentationen von deren Erarbeitung. Jungen Menschen könnte man dadurch statt eines großen Ganzen einen kürzeren Anriss (Teaser) bieten. Die aufgebrochene, erzählende Form könnten junge Menschen besser an die eigene Lebenswelt andocken und bemerken: "Das hat auch was mit mir zu tun."
  • Ganz kritisch: Die Präsenz im Internet berührt auch immer das Recht am eigenen Bild der einzelnen Orchestermitglieder und das Selbstverständnis der Institution Orchester, mahnt Beat Fehlmann. Er wisse, dass es auch unvorteilhaft wirkende Amateuraufnahmen vom Orchester im Internet gebe, vereinzelt sei die Philharmonie schon gegen unerlaubte Veröffentlichungen vorgegangen. Für gezielte Suchen fehle es aber an personellen Kapazitäten.
  • Ganz nah dran: Die Philharmonie will junge Menschen dort abholen, wo sie sich aufhalten. Das kann im Schulunterricht genauso sein wie beim Campusfestival der Uni Konstanz mit den beiden DJs von Moonbootica. Auch ungewohnte Spielorte wie die Bodenseetherme sollen neugierig machen. (bub)

Hier geht's zur Philharmonie und einigen Anbietern von Übertragungen in Kinos:

www.philharmonie-konstanz.de

www.metimkino.de

www.berliner-philharmoniker.de/kino

www.tanzimkino.de