Es gibt sie noch, die Menschen, die liebend gerne Postkarten und Briefe verschicken – nicht elektronisch, sondern auf dem guten alten Land- oder Luftweg. Gisela Pook zählt dazu. Mehrmals pro Woche macht sie sich auf den Weg zur Postfiliale oder zum nächsten Briefkasten, um ihre Sendungen aufzugeben oder einzuwerfen. In ihrer Wohnung im Bismarcksteig hängt an einer Tür im Flur eine große Tasche mit vielen Fächern, in denen allerlei Karten und Umschläge für (fast) jeden Anlass stecken: Hochzeit, Geburtstag, Neujahr, Trauerfall. „Wir freuen uns, dass solche Menschen noch existieren“, sagt Hugo Gimber von der Pressestelle der Deutsche Post DHL Group in Stuttgart. „In Zeiten der Beschleunigung und Verkümmerung der Kommunikation ist so ein Brief doch eine tolle Sache.“

Seit 2018 sind fünf Briefe verschwunden

Umso ärgerlicher in den Augen der Gisela Pook: Alleine seit August 2018 sind fünf ihrer Briefe nicht beim Empfänger angekommen. „Das kann es ja nicht sein“, sagt sie dazu. „Als sich die Empfänger nach einigen Tagen nicht meldeten, rief ich dort an.“ Auch im Bekannten von ihr müssten seit Jahren zunehmend feststellen, dass Briefpost über die Deutsche Post beim Empfänger nicht ankäme. „Allein in neun persönlichen Fällen, die ich auch dokumentieren kann, ist mir dadurch materieller Schaden entstanden.“

Auch ein Einschreiben war zunächst unauffindbar

Eine Freundin beispielsweise beantragte bei einer Botschaft in Berlin ein Visum für eine Urlaubsreise, schickte ihren Reisepass per Einschreiben dorthin – der aber auch nach zwei Wochen nicht ankam. Flugs ließ sie sich für 92 Euro einen neuen Express-Reisepass ausstellen und besorgte sich im zweiten Anlauf das Visum direkt und persönlich. „Seltsamerweise war mittlerweile die Briefsendung dann doch noch aufgetaucht“, weiß Gisela Pook. „Doch für den ursprünglich gewählten Weg hätte es für das Visum nicht mehr gereicht.“

Gisela Pook liebt es, Briefe und Karten zu verschicken. In ihrer Wohnung im Bismarcksteig hängt an einer Tür im Flur eine große Tasche mit vielen Fächern, in denen allerlei Karten und Umschläge für (fast) jeden Anlass stecken: Hochzeit, Geburtstag, Neujahr, Trauerfall.
Gisela Pook liebt es, Briefe und Karten zu verschicken. In ihrer Wohnung im Bismarcksteig hängt an einer Tür im Flur eine große Tasche mit vielen Fächern, in denen allerlei Karten und Umschläge für (fast) jeden Anlass stecken: Hochzeit, Geburtstag, Neujahr, Trauerfall. | Bild: Oliver Hanser

Die Schriftwechsel wegen der vermissten Briefsendungen zwischen Gisela Pook und dem Servicecenter Briefermittlung der Deutschen Post liegen dem SÜDKURIER vor. Sie stellte jeweils offizielle Nachforschungsaufträge. „Die Sendungsverfolgung ergab in meinem Fall noch kein einziges Mal ein positives Ergebnis, stattdessen erhielt ich stets einen immer gleichen Musterbrief, in dem lediglich die Daten aktualisiert sind“, sagt sie. „Leider hat die Privatisierung der Deutschen Bundespost zu einer für die Kunden sehr schmerzhaften Qualitätseinbuße geführt. Ich betrachte das Geschäftsgebaren der Deutschen Post als skandalös und empörend.“

Die Post liefert 57 Millionen Briefe aus – am Tag

Hugo Gimber hält dem entgegen: „Unsere Briefzusteller liefern bundesweit an jedem Werktag rund 57 Millionen Briefe aus. 93 Prozent der rechtzeitig, also vor der letzten Leerung des Briefkastens oder der Abholung von der Filiale, eingelieferten Briefe erreichen ihre Empfänger bundesweit bereits am nächsten Werktag, 99 Prozent der rechtzeitig eingelieferten Briefe sind am zweiten Werktag nach der Einlieferung bei ihren Empfängern im gesamten Bundesgebiet.“

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Diese Brief-Laufzeiten würden von einem externen Institut mit Hunderttausenden Prüfbriefen nach einem TÜV-zertifizierten Verfahren ermittelt. „Natürlich lassen sich bei solchen Sendungsmengen Fehler einzelner Mitarbeiter nie ganz ausschließen, aber es ist die absolute Ausnahme, wenn ein korrekt adressierter und ausreichend freigemachter Brief nicht beim Empfänger ankommt“, sagt der Pressesprecher.

„Die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“

Ein Prozent von 57 Millionen spät oder gar nicht ausgelieferter Sendungen seien zwar nach wie vor eine hohe Zahl – nämlich 570.000 -, „aber wir geben jeden Tag unser Bestes. Es tut uns für die Dame natürlich leid. Aber Nachforschungen sind eine schwierige Angelegenheit“, wie Hugo Gimber erklärt.

Lägen keine signifikanten Beschreibungen der vermissten Sendungen vor erklärt er, „dann ist es angesichts der großen Mengen verständlicherweise fast unmöglich, erfolgreich zu sein. Das ist dann wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“.

Erst nach 20 Tagen gilt eine Sendung als verloren

Denn laut ihren AGBs gibt die Deutsche Post keine zeitlichen Garantien für die Zustellung. Das heißt, dass die Deutsche Post bei normalen Briefsendungen keine bestimmte Lieferfrist garantiert. Als verloren gilt bei der Post eine Sendung erst, wenn sie nicht innerhalb von 20 Tagen nach Einlieferung an den Empfänger zugestellt wurde und ihr Verbleib nicht ermittelt werden kann.

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Das von der Post in den Antworten an Gisela Pook empfohlene Einschreiben ist auch keine 100-prozentige Garantie. „Auch da kann was schiefgehen“, gibt Hugo Gimber zu. „Wo Menschen beteiligt sind, passieren auch Fehler. Beim Übergabe-Einschreiben muss der Empfänger oder ein Angehöriger den Empfang bestätigen. Beim Einwurf-Einschreiben bestätigt der Briefträger mit seinem Namenszeichen den Einwurf.“ Es gibt fünf Varianten des Einschreibens, sie kosten zusätzlich zur Briefmarke zwischen 2,15 Euro und 6,80 Euro – und hier haftet die Post auch bis zu einem gewissen Betrag. Gisela Pook wählte mehrmals den normalen Brief – und bleibt nun auf ihren Kosten sitzen.