Herr Wolfsperger, kurz vor der Sommerpause hat der Gemeinderat eine stärkere städtische Unterstützung für Ihr Scala-Filmprojekt mehrheitlich abgelehnt. Machen Sie trotzdem weiter?

Das ist für mich eine wunderbare Motivation, diesen Film jetzt erst recht zu drehen, zumal die Abstimmung im Gemeinderat eher knapp ausfiel. Solche Widerstände zeigen mir nämlich, dass das Thema Substanz hat. Beim Scala-Kino geht es ja nicht nur um eine Kinoschließung, sondern darum, in welche Richtung sich eine Stadt verändert, wer sie aus welchen Gründen verändert und wie die Menschen dazu stehen. Außerdem will ich denen, die diesem Kino nachtrauern, ein Sprachrohr geben und bin von außerhalb des Gemeinderats massiv dazu ermuntert worden, den Film unbedingt zu machen.

Die Ratsdebatte konnte man auch so verstehen, dass man Angst hat vor einem Nestbeschmutzer, der einen Film macht, der die Stadt Konstanz in einem nicht guten Licht dastehen lässt. Können Sie solche Bedenken verstehen?

Solche Bedenken sind nicht so schwer nachzuvollziehen. Da sitzt so mancher Kirchturmpolitiker im Rat, den ein blindwütiger Lokalpatriotismus umtreibt. Der glaubt dann, Konstanz sei die vielbeneidete Insel der Seligen, und wenn jemand in irgendeinem Punkt anderer Meinung ist als er, dann bricht ihm ein Zacken aus der Krone. Ich habe den traurigen Eindruck, dass die meisten, die gegen meinen Film sind, meine bisherigen Arbeiten gar nicht kennen und sich trotzdem ein abfälliges Urteil darüber erlauben. Für mich sind das Kleingeister, und es ist immer wieder spannend zu sehen, wer in einer Stadt einen derart verengten Blick hat.

Für all diejenigen, die Ihre Arbeit jetzt nicht so gut kennen – wie würden Sie Ihre Filme selber beschreiben?

In meinen Filmen geht es mir immer um Menschen und deren ganz persönliche Welten. Das Bellaria-Kino in Wien mit seinen Besuchern und Freunden ist so eine eigene Welt. Auch Konstanz ist ein eigener Kosmos. Was alle meine Filme prägt, so hoffe ich zumindest, sind sensible, subtile und differenzierte Blicke auf Menschen, auf ihre Perspektiven und ihre Geschichten. Wie sehen sie die Welt, und warum sehen sie sie so, wie sie sie sehen?

In der Kritik, der Sie ausgesetzt sind, steckte die Vermutung, dass Sie als Dokumentarfilmer Partei nehmen. Wie unabhängig oder wie parteiisch ist man als Dokumentarfilmer?

Es kann keinen „objektiven“ Film geben, denn schließlich bin ich es, dessen Blick den Film prägt. Aber auch die, die mich kritisieren, sind selbst „parteiisch“, denn sie haben ihren persönlichen Blickwinkel und ihre eigenen Interessen. Aber ich bin nicht Partei in dem Sinne, dass ich eine einzige Meinung in meinem Film wiedergeben will und sonst nichts gelten lasse. Ich mache keine Propaganda, sondern will alle Seiten zu Wort kommen lassen. Ich will sichtbar machen, welche Strukturen es in meiner Heimatstadt Konstanz gibt und was das für Menschen sind, deren Interessen und Wünsche hier aufeinanderprallen. Nur so kann ein Film überhaupt Spannung entwickeln, einseitige Filme sind sterbenslangweilig.

Kurz vor der Ratssitzung im Juli haben die Stadträte Post bekommen. Vom Anwalt des Hausbesitzers, wonach dieser seine Mitwirkung an dem Film widerruft. Und von Stadträtin Christine Finke, die sich daran stört, dass Sie in einem früheren Film für Väterrechte eingetreten sind. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?

Nein, das ist für mich Neuland. Ich habe aber gerade damals bei meinem Väterprojekt viele Mütter und Väter kennengelernt, die aus Verbitterung zu Fanatikern geworden sind und die Welt nur noch als Schlachtfeld sehen, auf dem sie einen Krieg zur totalen Vernichtung der anderen Seite ausfechten. Derart engstirnige Menschen beeindrucken mich nicht. Frau Finke, die es immer wieder schafft, mit ungerührter Leichenbittermiene den putzigsten Unfug in die Welt zu setzen, kann ich nicht ernst nehmen. Aber das tut wohl eh niemand in Konstanz.

Waren Sie überrascht, dass Herr Hillebrand, der Hausbesitzer, seine Mitwirkung aufgekündigt hat?

Das kann man wohl sagen. Herr Hillebrand, der Hausbesitzer, hat sich im Januar von sich aus bei mir gemeldet, und wir haben uns getroffen. Er ist ein sympathischer, distinguierter älterer Herr, der mit seiner Ausstrahlung meinen Film sehr bereichert hätte. Er hat mir sehr anrührend die Geschichte des Hauses und des Scala erzählt, das sein Onkel Ende der 30er Jahre gegründet hat. Das ist eine vielschichtige Erzählung, in der verdammt viel Herzblut steckt. Herr Hillebrand ist nicht einfach der böse Hausbesitzer, der auf Teufel komm raus Kasse machen will, da steckt viel mehr an persönlichem Erleben dahinter.

Ich habe ihn in allen Debatten in Schutz genommen und für eine differenzierte Sichtweise plädiert. Und dann kam plötzlich, ohne dass wir noch einmal miteinander gesprochen hätten, der Brief seines Anwalts. Der Anwalt sitzt in Freiburg – genau wie die Investoren übrigens auch, das fand ich ein bisschen seltsam. Ich bin Künstler, wenn man mir etwas sagen will, kann man das jederzeit direkt tun, da muss man doch keinen Anwalt dazwischenschalten.

Wie werden Sie die letzten Tage im Scala begleiten, welche Bilder haben Sie schon im Kopf, wo und wie werden Sie drehen?

Natürlich wollte ich vor allem im Scala drehen. Scala-Geschäftsführer Detlef Rabe hat mir noch im April jede denkbare Unterstützung und ein Gespräch vor laufender Kamera zugesagt. Dann wurde es auf einmal verdächtig still. Jetzt hat er mir plötzlich geschrieben, dass ich im Scala nicht drehen darf und dass er mir für ein Gespräch nicht mehr zur Verfügung steht. Ich fühle mich ehrlich gesagt richtiggehend verarscht, denn seine Gründe für die Absage sind äußerst fadenscheinig. Ich weiß nicht, woher sein Sinneswandel kommt und ob da nicht jemand Druck gemacht hat. Gerade er kennt doch meine Filme und weiß, dass es mir nicht darum geht, irgendjemanden in die Pfanne zu hauen, sondern eine Geschichte möglichst facettenreich zu erzählen. Ich bin doch kein Zauberer, der einen Prinzen vor laufender Kamera unversehens in eine Kröte verwandelt.

Welche weiteren Widerstände erwarten Sie jetzt für die noch anstehenden Dreharbeiten?

Wer weiß, bisher ähnelt das alles einem abenteuerlichen Ritt durch das wilde Absurdistan. Aber wer meint, er könne meinen Film ganz verhindern oder durch seine Verweigerung dieses oder jenes Thema aus dem Film heraushalten, hat sich geschnitten. Es gibt genug Menschen, die Bescheid wissen und reden möchten. Ich will alle Seiten zu Wort kommen lassen, aber bestimmte Leute weigern sich einfach, mit mir zu sprechen. Dieselben Leute werden mir am Ende wohl vorwerfen, ich hätte einen einseitigen Film gemacht, weil sie darin ja gar nicht vorkommen. Das erinnert mich an den pfiffigen Hund aus dem chinesischen Märchen, der sich selbst kräftig in den Schwanz beißt, vor Schmerz aufjault und schreit, jemand habe ihn getreten.

Wenn Sie nicht im Scala drehen dürfen, woher bekommen Sie dann Ihre Bilder?

Ich will möglichst viel vom persönlichen Umfeld meiner Protagonisten zeigen, darum werden viele vertraute Winkel der Stadt und ihrer Umgebung zu sehen sein. Und was die Aufnahmen im Scala angeht: Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Eva Mattes und die anderen Stammbesucher werden mir nun in einem Kino in Radolfzell berichten, was sie mit dem Scala in Konstanz verbindet. Dabei wird natürlich auch Thema sein, warum sie ihre Geschichte nicht am Original-Schauplatz erzählen konnten. Eine besonders aussagekräftige Szene wird dann die Eröffnung der neuen Drogerie-Filiale an der Marktstätte: Ganz viele Seifenblasen und bunte Luftballons für all die Kinder, die sich später als Erwachsene gar nicht mehr daran erinnern sollen, dass da einmal ein Kino war.

Zum Film gehören Ideen, es gehört Geld und es gehören, gerade beim Dokumentarfilm, Menschen dazu, die bereit sind, ihren Anteil an der Geschichte zu erzählen. Woran fehlt es im Moment am meisten?

Die Finanzierung steht noch nicht, aber da lasse ich mich nicht beirren. Ich habe Zuschussanträge bei verschiedenen Filmförderungseinrichtungen gestellt, und es gibt schon jetzt viele Freunde und Förderer. Natürlich müssen das noch deutlich mehr werden, aber ich spüre, das Interesse ist da. Alle, die gutes Kino schätzen, sind herzlich eingeladen, dabei mitzuhelfen. Sonst fehlt es mir an nichts. Ich habe interessante Gesichter, die bereit sind, mir ihre Geschichten zu erzählen.

Sie haben von Anfang an gesagt, dass Sie hier in Konstanz eine Geschichte exemplarisch erzählen wollen, die sich in gleicher oder ähnlicher Form auch in anderen Städten ereignet. Kommen jetzt Menschen auf Sie zu, die sagen: In unserer Stadt läuft etwas ganz Ähnliches?

Es ist mittlerweile in vielen Städten Normalität, dass ein Kino flöten geht. In Konstanz ist das Besondere, und darum kochen die Emotionen so hoch, dass es neben dem Zebra das einzige Programmkino ist. Wenn jetzt, sogar aus dem Gemeinderat, zu hören ist, dass das Kino eigentlich nur umzieht von der Marktstätte ins Lago-Einkaufszentrum, dann ist das Schmu. Für das Scala am jetzigen Ort gibt es keinen echten Ersatz.

Immer wieder hört man, dass Programmkinos es deswegen so schwer haben, weil man angeblich mit so viel Anspruch einfach kein Geld verdienen kann. Es gibt aber doch auch wirtschaftlich erfolgreiche Programmkinos?

Absolut! Das liegt natürlich immer auch ein bisschen an der Geschäftsführung eines Kinos und es liegt auch daran, was man dem Publikum bietet und wie man es sich heranzieht. Es hat viel damit zu tun, wie phantasievoll die Häuser geführt werden, ob man sie auch noch durch eine erfolgreiche Gastronomie ergänzen kann und wie man sie ins kulturelle Leben einbindet.

Gerade ein Film wie der, an dem Sie jetzt arbeiten, braucht Programmkinos, um gezeigt zu werden. Wird es irgendwann keine anspruchsvollen Filme mehr geben, weil die anspruchsvollen Kinos ausgestorben sind?

Mich langweilen Hollywood-Schnulzen und andere Mainstream-Filme zunehmend. Nicht nur als Filmemacher, sondern auch als ganz normaler Kinogänger merke ich immer mehr, dass die widerspenstigen Themen und das, was nicht so einfach zu finanzieren ist, mir auf jeden Fall viel mehr Befriedigung verschafft. Darum habe ich mit meinen Filmen eher den nicht so einfachen Weg gewählt. Ich sehe immer wieder, dass es dafür ein Publikum gibt und damit auch Chancen für ein Kino, das solche schwierigeren Stoffe zeigt.

Es gibt Leute in der Stadt, die hoffen, dass die Scala-Debatte jetzt irgendwann zu Ende ist. Wie nehmen Sie das wahr, wenn Sie mit Ihren Gesprächspartnern zugange sind – haben die auch diese Hoffnung und ist die Debatte tatsächlich zu Ende?

Ich glaube nicht, dass die Debatte zu Ende ist. Man hat sich jetzt erst mal damit abgefunden, dass das Scala schließt. Aber der Schock kommt noch. Noch ist es normal, dass man das Scala sieht, wenn man über die Markstätte läuft. Aber wenn eines Tages der Schriftzug von der Fassade entfernt ist, wird dort ein Loch klaffen. Spätestens dann werden viele Kinogängerinnen und Kinogänger sehr schmerzlich spüren, dass sie ein vertrautes Stück Heimat verloren und einen weiteren Drogeriemarkt dafür bekommen haben.

Fragen: Jörg-Peter Rau

Zur Person

Douglas Wolfsperger, geboren am 25. Dezember 1957, ist ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher. Er wuchs am Bodensee auf und machte in Konstanz Abitur. Sein erster eigener Spielfilm 1985, „Lebe kreuz und sterbe quer“ ist ein in Schwarzweiß gedrehtes Satirestück auf das Leben in der Kleinstadt und spielt vor allem im Konstanzer Stadtteil Niederburg. Zu seinen weiteren Arbeiten gehören Spielfilme wie „Probefahrt ins Paradies“ (der ebenfalls in und um Konstanz spielt) und Dokumentarfilme wie „Der entsorgte Vater“ und „Bellaria – so lange wir leben“ mit einem Wiener Kino und seinen Besuchern in den Hauptrollen. Zuletzt kam von ihm der viel beachtete Film „Wiedersehen mit Brundibar“ in die Kino, der die Auseinandersetzung heutiger Jugendlicher mit der im Ghetto Theresienstadt Kinderoper nachzeichnet.

Als er von der Schließung des Scala-Kinos in seiner Heimatstadt Konstanz erfuhr, kündigte Wolfsperger an, darüber ebenfalls einen Dokumentarfilm zu drehen. Die Stadt bezuschusste das Vorhaben mir 2499 Euro, eine höhere Unterstützung lehnte der Gemeinderat im Juli per Mehrheitsbeschluss ab. In der Schweiz erfuhr Wolfsperger mehr Zuspruch: Der Kanton Thurgau gibt 18 300 und die Stadt Kreuzlingen 3200 Euro. Wer die Arbeit an dem Film fördern will, kann spenden: Wolfspergers Konto „Scala-Filmprojekt“, IBAN DE09 1004 0000 0125 5355 02, oder steuerbegünstigt über die Internationale Akademie Berlin, Kennwort „Scala-Filmprojekt“, IBAN DE60 1002 0500 0003 1342 14. 

Alles über das Filmprojekt: http://www.scala-film.de