Ich sollte das hier nicht schreiben. Und Sie sollten das nicht lesen müssen. Ich sollte im Hörsaal der Universität sitzen und meine Hauptsorge sollte die nächste Physikklausur sein. Sie sollten beim Frühstück oder nach einem langen Arbeitstag nicht schon wieder mit dem Weltuntergang belästigt werden. Erst recht nicht jetzt, wo es kalt, nass und dunkel ist und Erderhitzung erstmal verlockend klingt.

Klimawandel? Echt, schon wieder? Müssen wir nicht an den Baumschmuck denken statt an den sterbenden deutschen Wald? Aber hilft ja alles nichts. Und so verpasse ich mal wieder eine Vorlesung (sorry, Prof) und mein Studium macht weiterhin Pause.

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Das Klima verhandelt nicht

Die Klimakatastrophe fragt nicht, ob wir Lust haben von ihr zu lesen oder über sie zu schreiben. Das Klima verhandelt nicht mit uns. Politiker verhandeln. Das allerdings oft so, als ob es die Klimakatastrophe gar nicht gibt. Oder als ob das etwas sei, das höchstens in einer fernen Zukunft möglicherweise vielleicht einmal eintreten könnte. Auf jeden Fall aber nach der nächsten Wahlperiode. Das ist falsch. Und weil das falsch ist, studiere ich momentan nicht, sondern engagiere mich bei Fridays for Future. Das ist nicht weniger anstrengend als ein Physikstudium. Und was auf dem Spiel steht, ist nicht meine kommende Klausur, sondern unsere Zukunft. Anfangs fühlten wir uns mächtig: Das Organisieren der ersten Demonstration machte Spaß. Alles war neu und aufregend: Wie melde ich eine Demo an? Wie erreiche ich die meisten Menschen? Was ist eine Pressemitteilung? All das ist längst zum Alltag geworden. Aber Demonstrieren ist nur Mittel zum Zweck.

Noemi Mundhaas, 24 Jahre alt, nimmt sich gerade das zweite Urlaubssemester von ihrem Physikstudium, um sich bei Fridays for Future Konstanz zu engagieren. Sie wird für den SÜDKURIER künftig über den Umgang mit der Klimakrise schreiben.
Noemi Mundhaas, 24 Jahre alt, nimmt sich gerade das zweite Urlaubssemester von ihrem Physikstudium, um sich bei Fridays for Future Konstanz zu engagieren. Sie wird für den SÜDKURIER künftig über den Umgang mit der Klimakrise schreiben. | Bild: SK

Die New York Times berichtete

Ziel ist es, dass Politiker ihren Job richtig machen, sodass auch wir unseren Job wieder machen können, studieren, oder regelmäßig die Schule besuchen. Und deswegen durchforsteten wir Klimaschutzgesetze und sprachen mit allen Gemeinderatsfraktionen, der Stadtverwaltung, dem Oberbürgermeister. So erreichten wir ein wichtiges Etappenziel: Als erste deutsche Stadt ruft Konstanz den Klimanotstand aus. Und weil wir eine Pressekonferenz dazu organisiert hatten, berichtete sogar die New York Times von unserem Erfolg, und die gesamte deutsche Presse zitierte unsere Gruppe.

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Wir werden immer mehr

Jetzt wird alles anders, dachten wir. Ein halbes Jahr später erkennen wir: Der Kampf für unsere Zukunft geht weiter. Deswegen demonstrieren wir weiter. Und wir werden immer mehr. Am globalen Klimastreik beteiligten sich in Konstanz über zehntausend Menschen. Ein unglaublicher Tag. Seitdem wächst die Unterstützung durch Menschen und Institutionen und wir schöpfen neue Hoffnung. Die brauchen wir.

Wir sollten nicht für unsere Zukunft demonstrieren müssen. Müssen wir aber. Denn erst seit wir demonstrieren, fängt man an, auf die Wissenschaft zu hören. Am Freitag, 29. November, folgt daher der nächste globale Klimastreiktag. Sind Sie dabei?