Moustapha Diop: „Wie ich die Situation im Sommer 2015 erlebt habe? Ich war von der Anzahl der geflüchteten Menschen überrascht, hätte nicht erwartet, dass so viele kommen würden. Die Kommunen haben es dennoch geschafft, die große Zahl an Menschen unterzubringen. Ich glaube, wir haben das ganz gut gemacht: Die Stadt Konstanz hat eng mit dem Landratsamt zusammen gearbeitet und viele Standorte zur Unterbringung geprüft und angeboten. Auch das enorme bürgerschaftliche Engagement, das in Konstanz stattfand, hat mich überrascht. Die ersten, die 2015 neben den Hauptamtlichen anpackten, waren die Ehrenamtlichen. Ohne deren Unterstützung hätte es wahrscheinlich nicht geklappt, die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Integration ist komplexer als die Frage der Unterbringung. Letzteres ist eine logistische Angelegenheit, Integration ein längerer Prozess. Da aktuell weniger Flüchtlinge kommen, sind wir im Moment dabei, Strukturen zu schaffen, die den Flüchtlingen die Integration erleichtern. Meine erste Aufgabe im Amt als Flüchtlingsbeauftragter der Stadt Konstanz war, ein Integrationskonzept zu erarbeiten. Welche Felder gilt es zu beachten und was braucht es, damit der Integrationsprozess greift? Ein Problem, das wir dabei haben: Wir haben nicht alles in der Hand. Zum Beispiel liegt die Verantwortung für Integrationskurse nicht bei uns. Idealerweise müssten die Helferkreise, die auch Sprachkurse anbieten, mit den Integrationskursträgern vernetzt sein.

Deshalb versuchen wir über unsere Koordinierungsstelle, die wir bei der Diakonie einrichten konnten, Struktur in das vielfältige Angebot zu bringen. Auch im Bereich der Bildungsintegration von Geflüchteten ist die Stadtverwaltung nicht federführend, hier ist das staatliche Schulamt zuständig. Aber bei der frühkindlichen Erziehung können wir den Zugang der Flüchtlingskinder in die Kitas selbst gestalten.

Im Bereich Arbeit sehe ich die Herausforderung darin, dass Flüchtlinge wenig Wissen darüber haben, wie man sich am besten in den Arbeitsmarkt integriert. Deshalb bereiten wir gemeinsam mit Partnern aus dem Landkreis Konstanz eine Info-Veranstaltung für Migranten, inklusive Flüchtlingen, vor.

Welche Probleme ich für die Zukunft sehe? Bei den Ehrenamtlichen nimmt die Bereitschaft, sich für das Thema zu begeistern, ein wenig ab: Etwa bei der Kinder- und Hausaufgabenbetreuung haben wir zu wenig Helfer. Wenn die Bereitschaft, sich zu engagieren, nicht anhält, könnten wir Probleme bekommen. Und bei der Integration in den Arbeitsmarkt wird es nicht so schnell gehen, wie viele sich das vorstellen. Das macht mir ein wenig Sorge.

Zu Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ habe ich folgende Haltung: Wir haben keine andere Wahl, als die Herausforderung anzunehmen. Wir müssen das schaffen. Ehrlich gesagt bin ich stolz darauf, dass Deutschland im Gegensatz zu vielen europäischen Staaten seine Verantwortung wahrgenommen hat. Und das gilt auch für Konstanz.“

Ludwig Egenhofer: „Für mich war die Situation unvorstellbar. In Besprechungen sagte ich immer wieder, dass der Flüchtlingsstrom sicher bald aufhöre oder höchstens bis 400 000 Menschen kommen werden. Und dann kamen sie, 100, 150 im Monat. Schließlich 500 in einem Monat. Spätestens da dachte ich: Das kann so nicht weiter gehen.

Die Unterbringungskapazitäten gingen Mitte des Jahres zu Ende. Wir hatten echte Probleme bei der Unterbringung. Haben uns auch lange gewehrt, eine Sporthalle zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge umzuwidmen. Als wir die Zeppelinhalle belegten, dachte ich, dass man dies so über mehrere Monate nicht machen könne, dass das menschenunwürdig ist. Europa hat die Flüchtlingswelle unterschätzt. Wir hatten es plötzlich nicht mit einer Völkerwanderung zu tun, sondern mit dreien: Mit den Flüchtlingen vom Bürgerkrieg in Syrien konnte man nicht planen. Die Flüchtlingswelle vom Balkan hatte sich dramatisch entwickelt und aus Afrika kamen schon immer Menschen. Aber bringen Sie mal jemanden vom Balkan gemeinsam mit einem Eritreer unter!

Lokal war die Situation schwierig: Hätte man gewusst, dass so viele Menschen kommen, hätte man wahrscheinlich größere Notunterkünfte geplant, wie jetzt am Schwaketenparkplatz. Eine Turnhalle mit 190 Personen zu belegen war zwar möglich – aber die waren innerhalb einer Woche voll. Von Seiten der Bundesrepublik wurden aus meiner Sicht Fehler gemacht: Ich hätte die Leute nicht Zug um Zug ins Land gelassen und verteilt, sondern in einem Lager an der EU-Außengrenze untergebracht und die Anträge bearbeitet. Das Krisenmanagement in Europa war schlecht.

In Zukunft wird es darum gehen, Notunterkünfte abzubauen, die Leute in normalen Unterkünften unterzubringen, sodass sie Privatsphäre haben und sich an unsere Mentalität gewöhnen können. Es ist wichtig, dass es keine Ghettobildung gibt, dass sie sich mit der einheimischen Bevölkerung mischen. Dazu kommen die Bereiche Bildung und Arbeit. Eigentlich müsste man alle verpflichten, eine deutsche Schule zu besuchen, auch wenn sie schon 30 sind. Integration bedeutet, sich mit dem Land, in dem man lebt und den Menschen dort zu identifizieren. Eines der größten Probleme werden die fehlenden Wohnungen sein. Da müssen wir etwas unternehmen, und zwar für alle Mitbürger – nicht nur Flüchtlinge.

Die Integration schaffen wir, wenn wir nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen: Wie bei vielen Gastarbeiterfrauen, die heute kaum Deutsch sprechen. Wir müssen mit den Flüchtlingen sprechen, nicht über sie. Wir müssen sie mitnehmen, ihnen ihr Verhalten nicht diktieren, sondern sie von bestimmten Dingen überzeugen. Das ist eine Riesenherausforderung und kostet viel Geld. Aber sie sind nicht die ersten, die wir integrieren. Es begann nach 1945 mit den Vertriebenen aus dem Osten, später kamen die Gastarbeiter, die Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, die Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Jetzt sind es eben die Flüchtlinge aus Syrien und aus Afrika.“

Zur Serie

Mit Beginn des Monats September ist der Höhepunkt der zur Flüchtlingskrise erklärten Fluchtbewegung von Millionen Menschen aus Krisenherden in Afrika, dem Nahen und dem ganz nahen Osten ein Jahr her. Geschichte wird immer noch geschrieben. Auch hier am Bodensee. Aktuell leben 906 Flüchtlinge in Konstanz (Stand Juni 2016) und die Herausforderung hat sich von ihrer Ankunft und Unterbringung zu ihrer Integration verlagert. Diese Serie lässt Menschen aus Konstanz auf das Jahr zurückblicken, das die Welt, Europa, Deutschland und nicht zuletzt unsere Stadt am See so sehr bewegt hat.