Mobin Azimi rückt seinen Kopfhörer zurecht. Die Deutschlehrerin und einer seiner Mitschüler sprechen gerade miteinander. Was sie sagen, kann Azimi hören und in kleinen Sprechblasen neben ihren Fotos auf dem Computerbildschirm mitlesen. In der Konstanzer Stadtbücherei sitzt er zwar mit dem 17-jährigen Ahmad nur zu zweit am Tisch. Aber die beiden Flüchtlinge sind in Kontakt mit 14 Mitschülern in sechs weiteren Bibliotheken in Baden-Württemberg und ihrer Lehrerin in Stuttgart. Seit vier Wochen übt die Gruppe auf diese Weise in einem Live-Online-Deutschkurs die Grammatik, die Aussprache und das Schreiben der deutschen Sprache. Gerade findet die letzte Stunde statt und die Schüler geben Rückmeldung. Vieles hat ihnen gut gefallen. "Hören und lesen", zum Beispiel, oder auch die "Aussprache üben".

Der Live-Online-Deutschkurs ist als Ergänzung zu Präsenzkursen für Flüchtlinge im realen Klassenzimmer gedacht. Insgesamt sieben Bibliotheken in Baden-Württemberg bieten diese Form des Lernens im virtuellen Klassenzimmer testweise seit November dieses Jahres an. Bis März soll der vierwöchige Kurs dreimal stattfinden. 16 Flüchtlinge können daran teilnehmen, zwei davon in Konstanz. Im Unterschied zu gewöhnlichen Sprachlernprogrammen am Computer haben die Schüler im Live-Online-Kurs in Echtzeit Kontakt zur Lehrerin. Weil das Angebot an Sprachkursen wegen der hohen Flüchtlingszahlen nicht immer ausreicht, haben der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) und das Institut für Berufliche Bildung (IBB) das Modellprojekt ins Leben gerufen.

In Konstanz fällt das Fazit nach dem ersten Durchgang positiv aus. "Für die jungen Männer übt die Technik meinem Eindruck nach einen zusätzlichen Reiz aus", sagt Ulrike Horn, Leiterin der Stadtbücherei. Damit die Kursteilnehmer ungestört arbeiten können, hat die Stadtbücherei einen Raum bereitgestellt, der normalerweise für Veranstaltungen genutzt wird. Ein Mitarbeiter der Bibliothek ist für sie ansprechbar, falls es Probleme gibt. Viel Hilfe hätten die Schüler des ersten Kurses aber nicht gebraucht, sagt Melissa Löffler, die mit dieser Aufgabe betraut war.

Mobin Azimi hat den Kurs "sehr gut" gefunden. Das Angebot eines Live-Online-Kurses hält er für eine gute Idee. "Worte und Grammatik" habe er dazugelernt. Für den 22-jährigen Afghanen, der seit 14 Monaten in Deutschland lebt, ist es nicht der erste Sprachkurs. Er besuchte bereits an der Volkshochschule Konstanz den landesweiten Grundkurs "Deutsch für Flüchtlinge" im Rahmen des Programmes "Chancen gestalten".

In der Stadtbücherei beginnt im Januar der nächste Live-Online-Deutschkurs. "Dafür suchen wir noch passende Teilnehmer", sagt Büchereileiterin Ulrike Horn. Das sei nicht immer einfach. "Sie müssen zu den Unterrichtsstunden zuverlässig Zeit haben und Sprachniveau A1 mitbringen."


Das landesweite Projekt

Im Rahmen der Machbarkeitsstudie "Deutsch lernen im virtuellen Klassenzimmer" finden in Baden-Württemberg seit November dieses Jahres bis zum März 2017 drei vierwöchige Live-Online-Deutschkurse für Flüchtlinge statt

  • Die teilnehmenden Bibliotheken: Neben Konstanz nehmen Achern, Heilbronn, Nordheim, Reutlingen, Stuttgart und Tübingen teil. Das Projekt des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) und des Instituts für Berufliche Weiterbildung (IBB) wird durch das Kultusministerium Baden-Württemberg gefördert. Laut Monika Ziller vom DBV-Landesverband bekam der DBV dafür 50 000 Euro, das IBB 20 000. Die Bibliotheken wurden von diesem Geld pro Schülerplatz mit einem Laptop und einem Headset ausgestattet.
  • Virtueller Deutschkurs: Für die Live-Online-Kurse wird eine Lernplattform der Vitero GmbH genutzt. Die Lizenzen dafür hat der DBV bereits seit längerer Zeit für verschiedene Projekte. Für die Live-Online-Deutschkurse für Flüchtlinge haben die teilnehmenden Bibliotheken den Zugang dazu erhalten. Außerdem bekamen sie Zugangsschlüssel zu dem Lernprogramm Lingua TV. Flüchtlinge können damit auch nach Ablauf des Projektes weiter in der Bibliothek am Computer Deutsch lernen.
  • Kurse in Konstanz: Der nächste Live-Online-Deutschkurs in der Stadtbücherei findet vom 10. Januar bis zum 3. Februar sowie vom 7. Februar bis zum 3. März statt. Unterrichtszeiten sind immer von Dienstag bis Donnerstag von 14 bis 16.45 Uhr und freitags von 14 bis 15.45 Uhr. Es gibt jeweils zwei Plätze, Voraussetzung ist Sprachniveau A1. Für den Kurs im Januar müssen Interessenten sich bis 22. Dezember bewerben. Kontakt per E-Mail: bibliothek@konstanz.de; per Telefon: (07531) 90 08 53. (jru)