Berufsfischer und Sportfischer lehnen gleichsam Aquakulturen im Bodensee ab. "Wir kämpfen dabei Seite an Seite", sagte Präsident Bertram Wanner bei einer Feier des Angelsportvereins. Im gleichen Atemzug gibt er zu: "Das tun wir nicht immer".

Netze auf einer Fläche von 40 Fußballfeldern

Elke Dilger, Fischwirtschaftsmeisterin aus Meersburg und Vorsitzende der Badischen Berufsfischer am Bodensee, stellte beim Angelsportverein Pläne einer Genossenschaft vor. Diese will im Bereich vor der Marienschlucht und beim Teufelstisch in Netzgehegen rund eine Million verkaufsreife Fische pro Jahr züchten. Seit einem Gespräch mit Vertretern des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) Baden-Württemberg im Mai 2017 sei nun je ein Standort vor Wallhausen und vor Dingelsdorf vorgesehen. Die Genossenschaft agiert mit Unterstützung des Ministeriums, im Land hat sich über die Aquakultur ein politischer Streit entsponnen. Bislang sind Netzgehege im Bodensee verboten. Laut Dilger benötigten die Netze die ungefähre Fläche von 3800 Quadratmetern (etwa 40 Fußballfelder). Sie würden in einer Wassertiefe von Null bis 50 Meter angebracht. Angedacht seien zwölf Netzgehege. Pro Jahr würden darin 500 bis 600 Tonnen Fisch gezüchtet werden.

Elke Dilger sieht keine Vorteile

"Es geht um Industrialisierung", rügt Dilger das Vorhaben. Einen Vorteil für die Berufsfischer am Bodensee sieht sie nicht, obwohl ihre Kollegen schon seit Jahren Fisch zukaufen müssen. Den als Zuchtfisch geplanten Sandfelchen sieht sie nicht als gleichwertig zum natürlich vorkommenden Bodenseefelchen (Blaufelchen) an. Sie befürchtet den Eintrag von Medikamenten und andere Verunreinigungen. Eine Übertragung von Krankheiten könne den Wildbestand gefährden. Besonders kritisch sieht sie die Gefahr durch ein zerreißendes Netzgehege, sodass möglicherweise Fische mit modifiziertem Genmaterial freigesetzt würden. Die bestehenden Abwassergesetze und die heute noch angewendete Bregenzer Übereinkunft von 1893 stünden den Netzgehegen entgegen. Zudem habe das mit viel Energie hergestellte Fischfutter weite Transportwege. Außerdem würde sich durch die Zucht der Fischgeschmack ändern. "Die Auswirkungen auf das Ökosystem Bodensee sind nicht abschätzbar", mahnte Dilger und warb für den Wildfisch. Dieser sei ein hochwertiges, gesundes, natürliches und tierfreundliches Nahrungsmittel.

Einen Mehrwert für die existenzbedrohten Fischerkollegen sieht Elke Dilger durch Aquakulturen nicht. Stattdessen fordert sie Forschungsgelder für Möglichkeiten einer Ertragssteigerung im See, denn die seit fünf Jahren diskutierte künstliche Phosphatanreicherung sei nicht durchsetzbar. "Wir fordern ein länderübergreifendes Kormoran-Management", ergänzte sie. Diese Vögel würden rund 200 Tonnen Fisch pro Jahr fressen, während der Fangertrag bei 277 Tonnen liege. Sie wünscht sich bei der Fischbewirtschaftung etwa kurzfristige Fangquoten wie für bayerische Seen. Für den Bodensee würden die Genehmigungsverfahren und die darin bestimmten Zeiträume zu lange dauern.

Ortsvorsteher kritisieren Vorhaben

"Ich bin grundsätzlich dagegen. In meinen Augen braucht's das nicht. Und ich will das nicht", sagt Roger Tscheulin auf Nachfrage des SÜDKURIER unmissverständlich über die Aquakultur. Er ist als Ortsvorsteher von Dettingen-Wallhausen, als CDU-Stadtrat und als Einwohner von Wallhausen von dieser Idee gleich dreifach betroffen. So seien die Fragen dieser Massenfischhaltung nicht geklärt, beispielsweise wie die Ausbreitung von Krankheiten verhindert werde. Wie Tscheulin verweist auch Dingelsdorfs Ortsvorsteher Heinrich Fuchs, seines Zeichens ebenfalls CDU-Stadtrat, darauf, dass beide Teilorte Strandbäder haben. "Zusammen kommen da 170 000 Gäste im Jahr", sagt er. Außerdem gebe es dort Hafenanlagen. "Der See ist mehr als eine heilige Kuh", ist er verwundert, dass solch eine Idee überhaupt erwogen wird. So habe bei Dingelsdorf rund ein halbes Dutzend Steganlagen abgebaut werden müssen. "Bei der Genehmigung für den Katamaran gab es einen riesen Aufstand", sagt Roger Tscheulin rückblickend. Er und Fuchs stören sich auch daran, dass es bisher an offiziellen Informationen mangele. "Uns ist nie etwas vorgestellt worden", erklärt Tscheulin. Im vergangenen Sommer habe er im Namen der Fraktion eine Anfrage an die Stadtverwaltung gestellt. Bisher habe er keine Antwort erhalten, sagt er. Auch Heinrich Fuchs hofft auf mehr Infos. Weil diese bisher fehlten, habe er dieses Thema noch nicht in den Ortschaftsrat eingebracht.

Die Vorbilder

Das Unternehmen Norwegian Seafood Council beschreibt die norwegische Aquakultur als weltweites Vorbild und als Vorreiter. Die Firma beruft sich auf eine 40-jährige Erfahrung. In Norwegen würden Lachse und Fjordforellen genauso aufwachsen wie in der Natur: zuerst im Süßwasser und dann in den kalten, klaren Salzgewässern der Fjorde. Die niedrige Wassertemperatur zu langsamem Wachstum. Die Fische brauchten bis zu drei Jahre, bis sie aus dem Meer geholt werden. Eine ähnliche lange Tradition der Aquakultur gibt es in Finnland, wo Felchen gezüchtet werden.