Nachtschmetterlinge, Autobahnsirenen, Beischlafkünstlerinnen, Hübschlerinnen, Klassefrauen, Prostituierte – es gibt viele Ausdrücke für Sexarbeiterinnen. Viele werden dazu gezwungen, andere arbeiten freiwillig und selbständig in der Branche. Und jede hat eine andere Geschichte, die am vergangenen Wochenende auf dem Konstanzer Filmfestival Horizontale erzählt wurde.

Da wäre die 18-jährige Mia aus Bulgarien, die auf dem Züricher Straßenstrich arbeitet. Ihre Freier kommen aus allen Schichten der Gesellschaft, aus der einsamen Plattenbau-Wohnung oder schicken Familienidylle. Benutzt von ihren Freiern, ausgeschlossen aus der Gesellschaft, missbraucht von ihrem Zuhälter, der ihr letztendlich den Pass abnimmt, vergewaltigt von dessen Cousin. Ein Film, der ein beklemmendes und düsteres Bild von Prostitution zeichnet – aber ein typisches und realitätsgetreues, sagt Thomas Trefzer. Er ist Kriminalhauptkommissar beim Polizeipräsidium Konstanz, zuständig für den Bereich Organisierte Kriminalität und Menschenhandel und bei der Horizontalen Gast im Rahmen der Expertengespräche. „Wir sind nicht die Hüter der Moral“, sagt Trefzer vor dem Kinopublikum. „Sondern wir wollen schweren Menschenhandel aufdecken.“ Vor allem Frauen aus Osteuropa sind davon betroffen – auch im Bereich des Polizeipräsidiums Konstanz. Trefzer und seine Kollegen kontrollieren deshalb regelmäßig Ausweise und Personen in den fünf Bordellen und zehn bis elf so genannten Terminwohnungen in der Stadt. Etwa 70 Prozent der etwa 80 Prostituierten, die in Konstanz arbeiten, kommen aus Osteuropa und sind vorwiegend zwischen 18 und 27 Jahren alt.

Neben Mias Geschichte und der von vielen Zwangsprostituierten gibt es aber auch die von Lena Morgenroth: Als Selbstständige bietet die 30-jährige, eigentlich zur Informatikerin ausgebildete Frau, ihre Dienste an. Ein Job, den sie frei gewählt hat. Sie schätzt die flexiblen Arbeitszeiten, die viele Freizeit, und meistens macht ihr die Arbeit Spaß. Ein Filmteam hat sie dabei begleitet. Zwei Biografien, eine Diskussion, die auch im Publikum und auf der Bühne der Horizontalen bei den Expertengesprächen kontrovers geführt wurde: Über das neue Prostitutionsgesetz, das sich gerade verzögert, weil Union und SPD sich darüber streiten, ob es gegen Menschenhändler hilft – oder gerade nicht. Die einen, wie Manfred Paulus, Kriminalhauptkommissar außer Dienst, fordern ein gänzliches Verbot der Prostitution, um illegalen Menschenhandel besser zu bekämpfen. Andere wiederum, wie der am Festival-Programm beteiligte Verein Hydra, wollen die Arbeitsbedingungen in der legalen Prostitution verbessern und Rechtssicherheit durch bisher nicht vorhandene oder bundesweit uneinheitliche Regelungen schaffen. Laut dem geplanten Gesetz sollen Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen sich bei den Behörden anmelden und an Gesundheitsberatungen teilnehmen. Fest steht: „Die Kontroverse war wichtig und wird uns auch weiter begleiten“, sagt Ruth Bader von der Konzilstadt Konstanz. Sie hat das Festival federführend im Rahmen des Konziljubiläums organisiert und ist nicht nur mit den Diskussionen zufrieden, sondern auch mit der Besucherzahl: 1000 Zuschauer kamen in den vier Tagen zu zehn Filmen, das Alter im Publikum war durchweg durchmischt. Die Weltpremiere von „Sexarbeiterin“ am Eröffnungstag und „Much loved“ waren ausverkauft. „Das hat unsere Erwartungen übertroffen“, sagt Bader. Beide Filme will das Scala-Team nun auch nach dem Ende des Festivals im regulären Programm zeigen. Besonders wichtig war Ruth Bader auch, den Film „Frauenzimmer“ im Programm zu haben. Weil es zwei Tabus berühre: Sex im Alter und Prostitution. In der Dokumentation geht es um drei Berliner Frauen zwischen 48 und 65 Jahren, die von ihrem Leben im Sexgewerbe erzählen und warum sie sich dafür entschieden haben. Eine Dokumentation, die das Thema raus aus der Schmuddelecke, in ein anderes, helleres Licht stellt, so Bader. „Nicht romantisierend, aber offen für das Thema“.

Vier Tage dauerte das Festival im Scala-Kino an der Marktstätte. Hätte ein Format wie dieses auch Zukunft im Cinestar, nach dem Aus des Scala-Kinos? „Ja, ich glaube, das würde funktionieren“, antwortet Ruth Bader. „Denn es hängt vor allem an der guten Zusammenarbeit mit dem Scala-Team.“ Das Aus für das Scala-Kino muss auch nach den Worten von Hans-Detlef Rabe nicht bedeuten, dass es keine Filmreihen oder –festivals wie die Horizontale mehr gibt. Er bekräftigt seine Absicht, einen Teil des anspruchsvollen Programms künftig im Cinestar im Lago zu zeigen, an dem sein Familienunternehmen beteiligt ist. Es komme doch auf die Inhalte an und nicht auf den Ort, sagt er: „Wir werden im Cinestar Platz machen für Filme, die wir bisher an der Marktstätte gezeigt haben.“ Auch für ein Begleitprogramm wie Gesprächsrunden seien einige der Säle im Lago baulich und technisch durchaus geeignet. Die Besucher des Scala würden bereits in den Vorstellungen darauf vorbereitet, dass sie gutes Kino auch künftig geboten bekämen.

Einziger Wermutstropfen: „Die Präsenz im Zentrum fehlt dann“, sagt Bader. Denn genau dort wollten die Organisatoren das Thema Sexarbeit hinbringen: in die Mitte der Gesellschaft.


Der Kampf für das Scala-Kino geht weiter

Das Ende eines seit 1936 bestehenden Kinos: Damit wollen sich viele Konstanzer nicht abfinden. Die Stadtverwaltung erklärt aber, nichts tun zu können

Die Initiative: Sie haben Unterschriften gesammelt und die Öffentlichkeit mobilisiert, jetzt standen drei Vertreter der Initiative für den Erhalt des Scala-Kinos vor dem Konstanzer Gemeinderat. In der Bürgerfragestunde erhoben Johanna Klöckener, Angelika Bernecker und Franz-Josef Stiele-Werdermann das Wort: Die Stadtverwaltung möge prüfen, ob der geplante Umbau des Hauses Marktstätte 22 nicht noch verhindert werden könne. Bernecker bezog sich auf ihren Mitstreiter, den früheren Baubürgermeister Volker Fouquet, der zur vorläufigen Verhinderung des Umbaus das rechtliche Instrument einer Veränderungssperre für das Haus angeregt habe. OB Burchardt warf sie vor: „Sie können nicht sagen, sie hätten Ihre Hände in Unschuld gewaschen.“ Stiele-Werdermann fragte, wie die Marktstätte zum „Festsaal der Stadt“ werden könne, wenn dort eine Kultureinrichtung schließen müsse.

Die Stadtverwaltung: Burchardt warf den drei Scala-Freunden vor, sie kämen mit ihrem Vorstoß „reichlich spät“. Er selbst habe auch mit dem Kino-Betreiber gesprochen und keine „ganz große Energie“ verspürt, „das Scala zu erhalten.“ Auch er bedauere die Schließung, doch so lange sich ein Bauherr an Recht und Gesetz halte, habe er auch einen Anspruch auf eine Baugenehmigung. Erteilt ist diese noch nicht, wie Andreas Napel, der neue Chef des Baurechts- und Denkmalamts sage. Aber eine Veränderungssperre nur zu Verhinderung einer einzelnen Veränderungen vom Rat beschließen zu lassen und dann zu verhängen, sei ungesetzlich, so Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn: „Wir dürfen keine Verhinderungs-Baupläne erlassen.“ Gut möglich ist, dass er bereits am Donnerstag erneut etwas zum Scala sagen muss: Im Technischen und Umweltausschuss (ab 16 Uhr, Untere Laube 24) können die Stadträte Fragen stellen. In der Ratssitzung wirkte es durchaus so, dass auch der eine oder andere von ihnen gerne den Bürgern geantwortet hätte. (rau)

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