Ulan Bator, 2015. Der tieftraurige Melodie geht Jeremias Heppeler nicht aus dem Kopf. Es ist ein Straßenlied, gesungen von Kindern, die auch dann noch um Cents betteln, wenn der damals 26-Jährige sich schlafen legt. Einen Monat begleitet er mit der Kamera Kinder, die es nicht gibt. Zumindest so lange, wie man Mongolen fragt, wo die Straßenkinder leben. "Er wird immer antworten: ‚Die gibt es doch hier nicht, nicht in der Mongolei'", sagt Heppeler. Die Mongolen sind ein stolzes Volk. Aber auch eines, in der es Armut gibt. Einen Monat begleiten er und das Filmteam um Frank Riedinger, seiner Frau Odmaa und Jörg Locher die vergessenen Kinder, geben ihnen so ein Gesicht, eine Existenz. "Das war definitiv die beeindruckendste Reise bisher", sagt Heppeler heute über das Projekt.

Der macht einfach. Egal, ob jemand fragt, ob das gut ist oder weg kann

Angekommen ist Jeremias Heppeler längst nicht. Ihn dieser Tage für ein Interview zu kriegen, ist nicht einfach. Film, Festival, Ausstellung, Musikprojekte, dann noch immer das freie Schreiben für Zeitungen und Musikzeitschriften. Dienstags und donnerstags Schule. Schule? "Ich arbeite als freier Kunstdozent in Rottweil und Tuttlingen", antwortet der 28-Jährige, als es dann doch klappt. Gäbe es eine Schublade für all das, was er macht, würde das nicht nur nicht reinpassen.

Heppeler würde die Schublade wohl umdrehen, mit ihr Musik machen, sie übermalen, beschriften, filmen, anschließend über Schubladen in der Punkmusik schreiben und ein Kulturprojekt für Jugendliche daraus machen. Noch keine klare Linie gefunden? "Ich habe einfach Lust, all diese unterschiedlichen Dinge zu machen", antwortet Heppeler. Die unterschiedlichen Genres und Medien wie Text, Bild, Journalismus oder Film versteht er nicht als getrennte Bereiche. Er überlagert sie einfach. In diesem Kerl steckt so viel Energie, dass er sich manchmal überschlägt, auch im Interview mit Worten. Einfach loslegen, machen, keine Angst vor der Blamage.

"Ja, das war anfangs mein Motto. Kommt vielleicht vom Punk. Da bin ich von früh auf verwurzelt", sagt Heppeler und lacht. Inzwischen geht er strukturierter an seine Projekte ran, aber geblieben ist: Der macht einfach Kunst. Egal, ob jemand fragt, ob das gut ist oder weg kann. Vielleicht ist das auch der Grund, warum seine Arbeit ziemlich viele behalten wollen. Der Förderpreis der Stadt Konstanz ist nicht die erste Auszeichnung. In seinem Schrank stehen der Samsung Smartfilm Award für den experimentellen Kurzfilm „Soi“ und der MotionPicture 2.0 Award des ZKM Karlsruhe. 2016 war er Stipendiat der Sommerakademie Venedig.

Die Idylle ist ein gefährlicher Ort

Da kommt die Frage auf: Nicht lieber New York statt Tuttlingen? Heppeler muss nicht lange nachdenken. "Nein, Tuttlingen. Beziehungsweise Fridingen." Einwohnerzahl: 3204. Und da lässt sich so abgefahrenes Kunstzeug machen? Heppeler lacht. Ja, erstens habe die Region bis in die Schweiz viel zu bieten. Und auch in der leerstehenden Dorfdisse lasse sich Kunst machen. Regelmäßig findet in seiner Heimatstadt Fridingen an der Donau beispielsweise das Schlag-auf-Schlag-Festival statt. Das Motto: „Die Idylle ist der gefährlichste Ort der Welt“.

So weit Jeremias Heppeler seine Projekte führten: Die Heimat holte ihn immer wieder zurück. Und die spricht wie er schwäbisch. "Immer wenn ich über Identität nachdenke, gibt es nur zwei Orte auf der Welt, an denen die Leute so sprechen wie ich. Und das sind Mühlheim an der Donau und Fridingen. Die Orte, an denen ich geboren und aufgewachsen bin." Und künstlerisch geprägt. "Ich erinnere mich gut an den Plattenschrank meines Vaters. Er hat meine Schwester und mich literarisch und künstlerisch geprägt." Nick Cave, Einstürzende Neubauten – die Platten von damals sind heute auch auf seiner digitalen Playlist. Und mit seinem Vater Christof steht er gelegentlich zusammen auf der Bühne. Dessen Sachen, sagt Jeremias, sind "sogar noch radikaler".

Keiner, der Kompromisse macht

Die Frage, woanders hinzugehen, habe sich natürlich auch für ihn gestellt. Aber mit den Jahren sei diese Frage kleiner geworden. Das liegt sicher auch daran, dass es gerade ziemlich gut läuft für den 28-Jährigen, da, wo er ist. "Die letzten zwei Jahre waren schon cool. Ich genieße es, jeden Tag etwas anderes machen zu dürfen". Was früher nebenbei lief, um sein Germanistik-Studium an der Uni Konstanz zu finanzieren, ist nun sein Beruf.

Geplant war das nie, sondern kam einfach so. "Ich lebe nicht meinen Traum, weil das nie mein Traum war", sagt Heppeler. Der Teilzeit-Job an der Schule hält ihm finanziell den Rücken frei. Einen Vollzeitjob von 8 bis 16 Uhr will er daraus aber nicht machen. "Ich will in der Kunst keine Kompromisse eingehen. Entweder ganz oder gar nicht. Am Ende verbittert nebenbei Kunst zu machen, wäre nichts für mich".

Der Preis und aktuelle Projekte

Jeremias Heppeler wird am heutigen Samstag mit dem Konstanzer Förderpreis für junge Künstler ausgezeichnet.

  • Der Preis: Alle zwei Jahre vergibt die Stadt den Förderpreis für junge Künstler in den Kategorien Musik, Literatur und Bildende Kunst. Er besteht seit 1983. Ziel ist die Förderung von Künstlern unter 35 Jahren, die eine künstlerische Verbindung zur Stadt oder dem Landkreis haben. Das Preisgeld hat sich dieses Jahr von 1500 auf 2000 Euro je Sparte, insgesamt also auf 6000 Euro, erhöht. Über die Vergabe entscheidet eine Fachjury. Dieses Jahr findet die öffentliche Verleihung am heutigen Samstag um 19 Uhr im Kulturzentrum am Münster statt. Neben Jeremias Heppeler (Bildende Kunst) erhalten den Preis 2017 noch der Cellist Bogdan Michael Kisch (Musik) und Meral Ziegler (Literatur)
  • Ausstellung: Im Zuge der Preisverleihung wird auch die neue Ausstellung von Jeremias Heppeler „Im Antlitz der Bytes“ eröffnet, die bis in den nächsten Januar hinein zu sehen sein wird: Digitale Gemälde mit vielen Anleihen bei der Fotografie. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr; Samstag, Sonntag, Feiertag 10 bis 17 Uhr.