Die jährlichen "Bach-Wochen" an der Lutherkirche werden regelmäßig vom Chorkonzert mit dem Bach-Chor unter Leitung von Claus Gunter Biegert gekrönt. Vergangenes Jahr war das Bachs Weihnachtsoratorium. Jetzt hatte Biegert anders geplant: Zwei Bach-Kantaten stellte er einem romantischen Reger-Werk und einem progressiv komponierten modernen Werk von Helmut Barbe gegenüber. Maßgeblich war hier die begleitende Orgel beteiligt, was zu der Idee führte, den Kirchenraum "umzudrehen": Chor, Solisten und Instrumente klangen unter Biegerts formklarer Leitung von der Empore. Leichte akustische Einbuße nahm man dafür in Kauf: Im Altarraum aufgestellt, kommt der Chorklang direkter, voller.

Von J.S.Bach zunächst die festlich-frohe Solokantate "Jauchzet Gott, alle Lande": Die Streicher der "Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben" boten mit der solistischen Bach-Trompete, dem Solopart von Violine, Cello und Orgel und der großen, souverän Koloraturen, lyrische Arie und Choral musizierenden Sopranistin Stefania Gniffke den kammermusikalisch fein gestalteten, zupackenden Auftakt.

Mit Staunen und Spannung folgte man neuer Musik von 1958: Helmut Barbe hatte im "Canticum Simeonis", dem Lebens-Abgesang des greisen Simeon, ein Klanggbild atonaler, der Zwölftönigkeit genäherter Strukturen entworfen, wo zu den Streichern Celesta, Orgel und Schlagwerk aufreizende Akzente setzen. Bernhard Gärtner zeichnete mit strahlender Helle eines Heldentenors die gottvertrauende Kraft Simeons, das immer wiederkehrende "Nunc dimittis" und den Dialog mit dem schwierigen, atonal gebauten Chorsatz, den der Bach-Chor in aller Klangfülle und tonsicher mittrug.

Innere Ruhe in spätromantischer Melodieschönheit konnte Max Regers Choralkantate "Vom Himmel hoch" verströmen. Trotz der 15 Liedstrophen blieb alles kurzweilig: Da waren Quartett-Strophen eingebaut, von Nina Schulze (Sopran), Mechthild Seitz (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Helmut Hänsel (Bass) wohlklingend und homogen gesungen. Es gab Solo-Strophen aller vier Solovokalisten und mehrstimmigen Frauenchor, umspielt in arabeskenreichem Satz von zwei Violinen und der Orgel. Im Finale dann mächtiges Tutti-Fortissimo des Gesamtchors zu "Lob, Ehr sei Gott" mit gewaltigem Orgel-Posaunenklang.

Ein größeres Bach-Werk sollte auch diesmal die Bach-Wochen beschließen: Im lateinischen "Magnificat", dem Lobgesang Mariens, erklang die melodienreiche Musik ohne die Langatmigkeit von Da-capo-Arien, dafür mit instrumental schönstem Farbenreichtum der kurzen Sätze: Da zelebrierte der fünfstimmige Chor mit trompeten- und paukenmächtigem Orchester Eingangs- und Schlusschor, gab er den Mittelsätzen und der "Sicut locutus"-Fuge plastisch durchsichtigen Klang. Da oblagen allen fünf Vokalsolisten in wechselnder Zusammensetzung Arien, Duette und Terzett in herrlichem Konzertieren zusammen mit solistischen Violinen, Flöten, Oboe, Cello, Trompete, Pauken und Orgel.

Programmidee, Ausführung und künstlerische Qualität lockten starken Beifall und den wiederholten Reger-Choral "Lob, Ehr sei Gott" heraus.

Die Bach-Wochen

2004 als "Bach-Tage" an der Lutherkirche ins Leben gerufen, hat sich die Konzertreihe inzwischen zu vorweihnachtlichen Bach-Wochen erweitert. In diesem Jahr umfasste sie fünf ganz unterschiedliche Konzerte verschiedener Komponisten, weit gefasst von Jazz mit Bach-Bezug über den Bach-Kantaten-Gottesdienst, ein Violinkonzert mit Orgel und den Vortrag über musikalische Gedanken zu C.P.E. Bachs Anleitung, das Clavier zu spielen, bis zum Chor- und Orchesterkonzert mit Bach-Kantate und dem Hauptwerk "Magnificat" des Thomaskantors.