Große Freude und nachdenkliche Worte, regionale Wirtschaft und europäische Perspektiven, Kunst und Geselligkeit: Beim Festakt hat das neue Bodenseeforum Konstanz am Freitag erahnen lassen, wie dieses Haus mit Leben erfüllt werden könnte. Mit 700 geladenen Gästen eröffneten die Stadt Konstanz und die IHK Hochrhein-Bodensee als gemeinsame Besitzer das auffällige weiße Gebäude direkt am Seerhein. Es dient nun als neuer Hauptsitz der Industrie- und Handelskammer und zugleich als größtes Tagungs- und Veranstaltungshaus der Stadt Konstanz.

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Oberbürgermeister Uli Burchardt betonte, der Kauf der gebrauchten Immobilie durch die beiden Partner sei eine „historische Chance“ gewesen, und die Architekten sowie das Planerteam im Rathaus und bei der Kammer hätten den Umbau mit „beeindruckender Kompetenz“ gestemmt. Das „Haus bietet völlig neue Möglichkeiten für gesellschaftliche und kulturelle Nutzungen“, betonte er und vewies zugleich darauf, dass Konstanz bereits beim Konzil vor genau 600 Jahren seine Eignung als Kongressstadt bewiesen habe.

1000 Quadratmeter, 700 geladene Gäste: Blick in den neuen großen Saal des Bodenseeforums von IHK und Stadt Konstanz. Bis in die Nacht wurde die Eröffnung gefeiert.
1000 Quadratmeter, 700 geladene Gäste: Blick in den neuen großen Saal des Bodenseeforums von IHK und Stadt Konstanz. Bis in die Nacht wurde die Eröffnung gefeiert. | Bild: Oliver Hanser

Für IHK-Präsident Thomas Conrady soll das Haus vor allem auch ein Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Debatten werden. Die Kammer wolle mehr als bisher zur Meinungsbildung beitragen, eine starke Stimme der Wirtschaft sein und gut zuhören. Wenn Menschen Ohnmacht verspürten, sei dies für die Gesellschaft gefährlich, erläuterte Conrady in seiner ausgesprochen nachdenklich, fein ausformulierten Rede an Beispielen wie Brexit oder dem Freihandelsabkommen TTIP. Für die Kammer sei es wichtig, dass im neuen Haus inspirierende Räume und beste Technik für die Aus- und Weiterbildung bereitsteht. Im Ringen um Nachwuchskräfte und im Wettbewerb mit den Hochschulen sei dies wichtig und am alten Standort nicht zu verwirklichen gewesen.

Szenenapplaus gab es mehrfach für Festredner Günter Oettinger. Der EU-Kommissar für Digitales und frühere Ministerpräsident schlug den Bogen von der internationalen Begegnung auf Tagungen und Kongressen vor 600 Jahren wie auch in der Zukunft zur Europapolitik. „Das europäische Projekt ist zum allersten Mal in Lebensgefahr“, warnte er mit Blick auf nationalistische Tendenzen in der EU. Vielleicht sei die EU etwas zu schnell gewachsen, räumte er ein. Zur Friedens- und Wirtschaftsunion könne es aber keine Alternative geben, betonte er.

Wenn sich die vergleichsweise kleinen europäischen Länder nicht zusammentäten, könnten sie schnell an den Rand gedrängt werden in einer Welt mit den Supermächten USA und China, warnte Oettinger eindringlich. Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit Blick auf die Digitalisierung der Wirtschaft, die 85 bis 90 Prozent aller Arbeitsplätze betreffe. Dabei dränge angesichts der Marktmacht von US-Konzernen die Zeit, schrieb Oettinger vor allem den vielen Unternehmern im Publikum ins Stammbuch, bevor er wie Landes-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut den Festakt noch vor dem Ende verließ.

Für die Zuschussgeber Bund (1,1 Millionen Euro) und Land (2 Millionen Euro) sprachen die Hoffmeister-Kraut und aus dem Berliner Wirtschaftsministerium Sabine Hepperle. Beide betonten die Bedeutung der dualen Ausbildung und die Rolle der IHK für dieses wichtige Modell. Während das Circolo-Quartett und die Bläser des Trio d‘Anche der Südwestdeutschen Philharmonie etwas Konzertatmosphäre in den 1000 Quadratmeter großen Saal brachten, malte Mark Krause live, wie sich Konstanz seit Konzil mitsamt den brennenden Scheiterhaufen zur weltoffenen und freundlichen Stadt entwickelt hat und stets Begegnungsort für ganz unterschiedliche Menschen geblieben ist. Ob sein Bild im Forum hängen bleibt, war am Abend noch offen.

 

Der Standort

Das Bodenseeforum Konstanz ist ein Kernelement in einer umfassenden Neugestaltung des Stadtraums zwischen Seerhein und B 33. Wer es sich selbst ansehen will, findet auf dem gut ausgeschilderten Parkplatz Bodenseeforum 500 Stellplätze, die per Bus auch an die Innenstadt angeschlossen sind. Von den Bahnstationen Konstanz-Fürstenberg und -Petershausen sind es zu Fuß jeweils etwa zehn Minuten bis zum neuen Bodenseeforum. (rau)