Zweimal innerhalb von nur vier Wochen war die Bestürzung groß. Zweimal innerhalb von nur vier Wochen hielten viele Menschen ergriffen inne, weil jemand aus ihrer Mitte gerissen wurde, der ihnen etwas bedeutet hat. Zweimal innerhalb von nur vier Wochen wurde öffentlich und ehrlich getrauert um jemanden, der Spuren in Stadt und Gesellschaft hinterlassen hat. Am 5. Oktober starb Felix Strasser, am 30. Oktober starb Alfred Heizmann. Zwei Männer aus zwei Generationen, zwei ganz unterschiedliche Charaktere und doch einander in vielem ähnlich. Beide hatten sie sich dem Kulturschaffen verschrieben, beide liebten auch die große Bühne, beide waren sie im besten Sinne Pädagogen, beide lebten ihre Werte und legten damit ein Bekenntnis ab. In einer Stadt voller Personen waren sie Persönlichkeiten. In einer Gesellschaft von Egos waren sie Wir-Menschen. In einer Welt der coolen Beliebigkeit waren sie verbindlich.

Dass der Tod der beiden Männer so viele Menschen so tief berührt hat, sagt über die beiden viel zu früh Gestorbenen – Felix Strasser war erst 41, Alfred Heizmann erst 68 – viel aus. Sie machten, wie man so sagt, ihr Ding. Sie machten sich damit angreifbar, sie setzen ihre Herzenswärme und ihre Emotionalität aufs Spiel und hatten keine Angst vor der Arroganz der Zyniker. Und sie bezogen andere in ihr Ding ein, waren soziale Wesen im besten Sinne. Sie mochten die Menschen, sie gingen mit ihrer Empathie ins Risiko, sie wussten, dass Gutes am besten in der Gemeinschaft entsteht. So wurden sie zu Kristallisationspunkten für neue Ideen und mutige Kreativität – und sie hatten keine Angst vor der Verantwortung, die sie damit auch für ihre Weggefährten übernahmen.

Sie ließen sich auf das Fremde und auf die Fremden ein, waren bereit, von ihnen zu lernen. Sie wagten die Grenzüberschreitung, ohne die Orientierung zu verlieren. Sie waren empathische Menschenfischer und keine kühl kalkulienden Rattenfänger.

Wie Gesellschaft Gemeinschaft wird

Die große Trauer sagt aber nicht nur etwas über die aus, die gehen mussten, sondern auch über die, die bleiben. Beide, Felix Strasser und Alfred Heizmann, brachten in ihrer Umwelt Saiten zum Klingen, die nur auf ihren Bogen warteten. Sie gaben einer tiefen Sehnsucht nach authentischen Mitmenschen, nach Zuneigung und ehrlicher Neugier, nach Gemeinschaft und Zielorientierung eine Richtung. Damit zeigten sie auch die Leerstellen im Miteinander auf – ohne Anklage, sondern durch eigenes Gegenbeispiel, mit Therapie statt Diagnose.

Beide auf ihre jeweils ganz eigenständige Art, aber beide auf einem glaubwürdigen Fundament von Werten. Beide glaubten an ihr Gegenüber und wussten zugleich, dass sie in einen größeren, überweltlichen Zusammenhang gestellt sind. Wie sehr diese zugleich soziale und intellektuelle Begabung Gemeinschaft stiften kann, zeigte nicht nur die Anteilnahme am Tod der beiden Männer, sondern auch der gemeinsame Umgang mit der Trauer. Bei der Trauerfeier für Felix Strasser im Münster wie beim Requiem für Alfred Heizmann in der Niederzeller Kirche: Auf eine unmittelbar spürbare Weise waren die Abwesenden anwesend und wurden zum Mittelpunkt einer spontan entstehenden Gemeinschaft.

Warum wir Geschichten brauchen

Die Gesellschaft als Gemeinschaft: Diesen uralten Anspruch konnten beide, Felix Strasser und Alfred Heizmann, glaubwürdig leben. Ihr Erfolg ist nicht zufällig in eine Zeit gestellt, die von rasant fortschreitender Digitalisierung, Globalisierung und Vereinzelung gekennzeichnet ist. Viele Menschen glauben, dass eine beliebig große Auswahl aus Optionen das Leben nicht leichter macht. Alfred Heizmann und Felix Strasser schienen darauf eine Antwort gefunden zu haben.

Weil sie, beide zugezogen, Konstanz zu ihrer Heimat machen konnten. Weil ihre sozialen Netzwerke auch aus Fleisch und Blut bestanden. Weil sie, wie es der Hamburger Dichter Gorch Fock vor über 100 Jahren schon formulierte, "mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen" konnten. Und weil sie all der Kurzlebigkeit von schnellen Zeichenfolgen etwas Substanzielles entgegensetzten. Für sie galt Sprache statt Text, weil sie wussten, dass am Ende real Erlebtes die Menschen zusammenhält und dass es am Ende Geschichten sind, die Identität stiften.

Wonach sich so viele von uns sehnen

Wer anerkennt, was Alfred Heizmann und Felix Strasser zur Vermessung des Gemeinwesens beigetragen haben und spürt, wie sehr sie ihre Umwelt etwas über den Zustand der Gesellschaft gelehrt haben (ohne jemals belehrend gewesen zu sein), hat bereits den ersten Schritt getan, ihr Vermächtnis anzunehmen. Die Reaktionen auf ihren Tod haben Nöte und Notwendigkeiten in Teilen der Gesellschaft ans Tageslicht gebracht.

Wenn diese Gesellschaft den beiden Gestorbenen eine Ehre erweisen, ihren Angehörigen und Freunden einen Trost spenden und an ihrem Beispiel vorankommen will, dann sollte sie am Auftrag von Alfred Heizmann und Felix Strasser weiterarbeiten: In der Erinnerung an beide spiegelt sich der unverhandelbar humanistische Anspruch auf Menschlichkeit, gepaart mit der Furchtlosigkeit des Humors.

Im Grunde wünschen wir uns doch alle, uns aufeinander einlassen können, Verletzlichkeit nicht auszunutzen, das Verbindende zu suchen, die Lebensfreude zuzulassen und die eigene Angst nicht gegen andere zu kehren. All das gelingt uns nicht immer, und auch Alfred Heizmann und Felix Strasser wird das nicht immer gelungen sein. Weil sie eben keine Über-Menschen waren. Genau darin liegt Ermutigung. Und der Respekt davor, dass zwei kreative Menschen etwas geschaffen haben, das über die ihnen hier in der Stadt bemessene Zeit hinausweist. Auf himmelschreiend ungerechte Weise kam ihr Tod zu früh. Auch deshalb regt er viele dazu an, sich mit der Frage zu beschäftigen, worauf es im Leben wirklich ankommt.