Es riecht nach Sägespänen, nach Zelt, auch nach Popcorn – glaubt man zumindest. Noch ploppt der Mais nicht auf Klein-Venedig, aber das Zelt von Zirkus Carl Busch steht. "Wir bauen seit Montag auf, am Freitag geht es los", sagt Zirkussprecher Sven Rindfleisch. Reflexartig steigt beim Anblick des blauen Zeltes und der Schindelwagen der zuckrige Geruch in die Nase. Offenbar auch den Hunden, die sich vor dem Zelt tummeln. Denn zum Zirkus, der von Freitag, 7. Juli, für zehn Tage in Konstanz gastiert, gehören auch sibirische Huskys und Samojeden-Spitze. Und Pferde. Und Dromedare. Und Carla und Maschibi, zwei Elefantendamen.

Wilde Tiere im Zirkus rufen Stadtrat Normen Küttner (Freie Grüne Liste) auf den Plan. Unabhängig von seiner Fraktion stellte er der Stadtverwaltung eine Anfrage: Plant Konstanz weiter, Zirkusse mit Wildtieren zu genehmigen? "Mir war es wichtig, dass wir das Thema als Stadtgesellschaft diskutieren", erklärt Küttner im Gespräch seine Beweggründe. Ihm gehe es nicht darum, die Zirkuswelt kaputtzumachen, die habe ihn selbst stets fasziniert. "Aber ich bin sicher, dass die Faszination ohne Wildtiere dieselbe wäre." Andere Länder, darunter Österreich, Dänemark oder Griechenland, haben Wildtiere im Zirkus bereits verboten. "Vielleicht ist man da in Sachen Tierschutz schon weiter", schätzt Küttner ein. Zirkus Roncalli kündigte im April an, ab 2018 alle Tiere aus dem Programm zu nehmen.

Laut Hans-Rudi Fischer vom Bürgerbüro sei es in der heutigen Zeit sicherlich verzichtbar, "Tiger durch brennende Reifen springen oder einen Elefanten einen Handstand machen zu lassen". Fakt sei aber: Die Meinungen über Wildtiere im Zirkus gehen auseinander, eine rechtliche Grundlage gibt es nicht. Und auf die will die Stadt warten. Die Lösung bis dahin: "Wenn ein Zirkus ohne Tiere kommt, so wird dieser bevorzugt." Mit dem Landratsamt Konstanz sei abgestimmt, dass jeder Zirkus auf korrekten Umgang mit seinen Tieren überprüft wird.

Für Sven Rindfleisch vom Zirkus Carl Busch ist das Thema Zeitmäßigkeit kein Argument für elefantöse Ausflüge in der Manege. "Qual wäre eines", sagt er. "Vorwürfe dahingehend gibt es oft, nachgewiesen wurde uns das nicht."

Auch in Konstanz wird der Zirkus mit Protest rechnen müssen: Zur Premiere haben Tierschützer um die Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz eine Mahnwache vor dem Eingang angekündigt. Als Grund nennt der Verein die "notorische mangelhafte Elefantenhaltung". Sven Rindfleisch sagt: "Unseren Tieren geht es gut, unsere Pfleger sind 24 Stunden täglich für sie da. Wir arbeiten nicht mit Schlägen, sondern über Belohnung." Das lasse sich der Zirkus in jeder Stadt vom jeweiligen Veterinärsamt bescheinigen.

Kürzlich haben Tierschützer des Vereins Animals United Anzeige beim Veterinärsamt im Landkreis Oberallgäu erstattet, weil während des Gastspiels in Kempten ein totes Alpaka-Junges entdeckt und fotografiert wurde. Rindfleisch bestätigt auf Nachfrage den Tod des Jungtieres: "Es war ein trauriger Fall, auch für den Zirkus, es handelte sich um einen natürlichen Tod und wir wussten nichts von einer Krankheit." Gesetzlich sei der Zirkus verpflichtet, ein totes Tier von den anderen zu trennen. "Deshalb lag es zur Abholung durch den Abdecker abseits des Geheges", erklärt Rindfleisch.

Für Rindfleisch wäre es ein Verlust, wenn es irgendwann keine Wildtiere mehr im Zirkus geben würde. "Man schützt nur das, was man kennt – auch wenn das wie eine Floskel klingt", sagt er. Davon abgesehen setze der Zirkus Carl Busch auf die Verbindung von Tradition und Moderne. "Wir sind ein klassischer Zirkus, wie man ihn kennt, arbeiten aber mit jungen internationalen Artisten und Künstlern zusammen." Zu den Höhepunkte des Programms zählt eine Magier-Show, die auf eine Zeitreise ins viktorianische England führt, und der Drahtseil-Akt von Nicol Nicols, der als einer der wenigen Artisten den Vorwärtssalto beherrscht. Eine moderne Lichtanlage sollen die Show attraktiv machen, Ventilatoren für Temperaturen unter Sauna-Atmosphäre sorgen.

Die gesetzliche Lage

Wildtier-Verbote im Zirkus beschäftigen die Politik seit Jahren. 2016 haben die Länder die Bundesregierung zu einem Verbot der Haltung bestimmter Tierarten aufgerufen. Eine Entscheidung der Bundesregierung fiel bisher nicht. Unabhängig davon haben mehrere Städte, darunter Heidelberg, Tuttlingen und Stuttgart, Gemeindeverordnungen erlassen, Zirkusse mit Wildtieren nicht mehr auf städtischen Flächen gastieren zu lassen. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat im März entschieden, dass ein Wildtierverbot nicht zulässig ist – in diesem Fall ging es um die Stadt Hameln. Die Begründung: Tierschutz ist Sache des Bundes. (bbr)