Es gibt Situationen, da müssen Kinder raus aus ihren Familien. Weil sie dort nicht gut behandelt werden, weil die Eltern drogenabhängig sind oder bei Alleinerziehenden, weil ein Elternteil so schwer erkrankt ist, dass eine längere Krankenhausbehandlung notwendig ist. In den meisten Fällen ist dann nicht gleich klar, ob die Kinder dauerhaft oder nur vorübergehend von ihren Eltern getrennt werden müssen. "Ziel ist es aber eigentlich immer, dass die Kinder wieder in ihre Familie zurückkehren können", sagt Bettina Haidlauf. Nicht immer klappt das.

Die Sozialpädagogin ist beim Kinder- und Jugendheim Linzgau in Überlingen angestellt und dafür zuständig, den Übergang zu gestalten. In der Regel läuft es dann so: Das städtische Jugendamt entscheidet darüber, ob ein Kind aus der Familie geholt werden muss. Bettina Haidlauf kümmert sich für das Jugendamt dann um die Vermittlung in so genannte Bereitschaftspflegefamilien. Das Konstanzer Jugendamt bezahlt das Überlinger Kinderheim für diese Dienstleistung. Insgesamt fünf Bereitschaftspflegefamililen gibt es derzeit im Stadtgebiet, sie sollen für die Kinder so etwas wie eine Familie auf Zeit sein.

Tina Hestler und ihr Mann Stephan Hoferer sind so eine Familie. Sie haben eine gemeinsame Tochter im Alter von 10 Jahren, einen Hund und vor drei Jahren kamen sie auf die Idee, dass es doch schön wäre, ganz konkret Kindern in Not in Konstanz zu helfen. "Schon im Alter von 20 Jahren hatte ich den Wunsch, später mal ein Pflegekind aufzunehmen", erzählt die ausgebildete Kinderkrankenschwester Tina Hestler, "schließlich haben es auch in Deutschland nicht alle Kinder gut." Vor drei Jahren kam dann der Entschluss, sich als Bereitschaftspflegefamilie zu bewerben. Nach eingehender Prüfung durch Bettina Haidlauf, nahm die Familie 2013 das erste Kind auf. Eine 15-Jährige. "Ein ganz tolles Mädchen, das aber viele Probleme im Hintergrund hatte", erinnert sich Tina Hestler.

Es sei eine fordernde Zeit gewesen, am Ende aber auch bereichernd für die ganze Familie, ist sich Hestler sicher. Das bestätigt auch ihr Mann: "Es war bei allen Kindern eine sehr intensive Zeit und es ist interessant, wie schnell die Kinder integriert sind – unabhängig von Alter und Vorgeschichte. Es ist ein schönes Gefühl, den Kindern in einem schwierigen Lebensabschnitt einen Ort zu geben, der ihnen ein kurzfristiges zu Hause mit Sicherheit und Geborgenheit gibt", findet Stephan Hoferer. Noch heute hat die Familie gelegentlich Kontakt zu dem Mädchen, das inzwischen in einer Wohngemeinschaft lebt.

Seither hat die Familie immer mal wieder Kinder aufgenommen: zwei Neugeborene, einen 6-Jährigen sowie eine 9- und eine 11-Jährige. Auch das zeigt, wie unterschiedlich der Bedarf ist. Es zeigt auch: Familienhöllen, wie sie die meisten nur aus RTL2-Reportagen kennen, gibt es selbst in einer behüteten Stadt wie Konstanz. Tina Hestler ist inzwischen aus ihrem Beruf ausgestiegen und widmet sich ganz der Aufgabe als Mama auf Zeit. Wie viele Kinder im Jahr vermittelt werden müssen, fällt Bettina Haidlauf schwer zu sagen. Das verändere sich auch ständig, mal gebe es mehrere Fälle auf einmal, dann sei wieder monatelang Ruhe, erklärt die Sozialpädagogin. Wichtig sei bei den Bereitschaftspflegefamilien vor allem, dass sie finanziell unabhängig seien, es einen eigenen Raum für das aufzunehmende Kind gebe und, dass innerhalb der Familie ein wertschätzender Umgang miteinander gepflegt werde.

Für Tina Hestler ganz wichtig: "Man muss mit den Kindern ehrlich umgehen. Darf ihnen keine falschen Hoffnungen machen, dass sie nun dauerhaft einziehen können." Diese emotionale Grenze zu ziehen, sei nicht immer leicht, aber notwendig, auch um sich selbst zu schützen, findet die Pflegemama. Das Konzept ist darauf angelegt, auf Zeit zu sein. Das zu verleugnen, bringe nur Frust bei allen Beteiligten, glaubt Bettina Haidlauf. Auch für die leibliche Tochter von Hestler und Hoferer ist das nicht immer leicht, wenn Spielkameraden kommen und gehen. Aber: "Ich bin da wirklich stolz auf unsere Tochter, sie macht das hervorragend. Sie ist ruhig und ausgeglichen, interessiert sich für jedes neue Kind, lässt ihnen aber auch Raum ersteinmal selbst anzukommen", sagt Tina Hestler.

Ganz wichtig für sie dabei – die Betreuung durch die Kinder- und Jugendheim Linzgau: "Man bekommt jederzeit Unterstützung und wird nie allein gelassen", sagt sie. Ohne diese Hilfe könnte sie die Aufgabe nicht leisten, ist Hestler überzeugt.

Schwierigster Moment für alle bleibt am Ende das Wieder-Loslassen: "Nach mehreren Wochen oder Monaten gemeinsamen Lebens ist es jedesmal eine Leere, die bleibt, wenn ein Kind geht", bekennt Stephan Hoferer ganz offen. Trotzdem würde er sich immer wieder als Bereitschaftspflegefamilie engagieren: "Zum einen kann man Kindern in einer schwierigen Situation effektiv helfen. Zum anderen öffnet es den Horizont der eigenen Familie für Menschen, denen es nicht so gut geht. Das verhilft allen zu mehr Empathie und das noch mehr zu schätzen, was man in seinem Leben hat und nichts als selbstverständlich hin zu nehmen."

Neue Familien gesucht

Das Kinder- und Jugendheim Linzgau in Überlingen vermittelt für die Stadt Konstanz exklusiv die Bereitschaftspflegefamilien. Die Stadt zahlt einen Pauschalbetrag für diese Dienstleistung. Aktuell gibt es fünf Familien, die Kinder in Notsituationen aufnehmen. Das Alter der Kinder reicht von 0 bis 14 Jahren. Jetzt werden neue Interessenten für das Programm gesucht. 941 Euro zahlt das Jugendheim pro Monat an Familien. Zusätzlich gibt es je nach Alter gestaffelt ab 508 Euro pro Monat für Essen, Bekleidung, etc. Wer Kindern in Not in der Region helfen will, kann sich an Bettina Haidlauf wenden. Entweder per Telefon (07551) 9510206 oder E-Mail b.haidlauf@linzgau-kinder-jugendheim.de