Konstanz – Die Stadt wird älter, die Zahl der Pflegebedürftigen in Konstanz wird ab 2033 drastisch steigen. Denn dann kommen die geburtenstarken Jahrgänge in das Pflegealter. Das ist die Prognose. Und die Frage, die bleibt: Wer wird diese Menschen versorgen – in den Heimen, aber auch zu Hause, wo immer mehr Menschen auch im Alter leben wollen? Und wie sind diese Pflegekräfte ausgebildet? "Wir sehen Versorgungsprobleme auf uns zu kommen", sagt zum Beispiel Uwe Daltoe, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Hochrhein-Bodensee. Die Caritas Konstanz will auf dieses Problem nun eine rechtzeitige Antwort geben – und mit einer neuen und deutschlandweit einzigartigen Zusatzausbildung eine bestimmte Zielgruppe für die ambulante Altenpflege gewinnen: Medizinische Fachangestellte, Arzthelferinnen sowie Mitarbeiter aus Rettungsdiensten. Bei einem Pressegespräch im Haus Don Bosco stellten die Beteiligten die neue Idee für ein altes Problem jetzt vor.

Rund 300 Patienten betreut die Sozialstation St. Konrad jeden Tag im ambulanten Dienst, erklärt Pflegedienstleiterin Barbara Senger-Riedle. Um sechs Uhr morgens beginnen die ersten Touren, speziell für Mütter gibt es zum Beispiel an die Betreuung ihrer Kinder angepasste Zeiten. Insgesamt 60 Mitarbeiter kümmern sich um die Grundpflege, um hauswirtschaftliche Dienstleistungen, und vor alllem auch um die medizinische Versorgung der Senioren zu Hause. Noch sei das gut und qualitativ hochwertig machbar, sagt Caritas-Geschäftsführer Andreas Hoffmann. "Aber wir könnten noch mehr Menschen annehmen, wenn wir mehr Personal hätten.

" Gemeinsam mit Barbara Senger-Riedle und der AOK Hochrhein-Bodensee hat die Caritas Konstanz deshalb eine hausinterne Zusatzausbildung entwickelt, die die Lücke zwischen den Altenpflegehelfern (einjährige Ausbildung) und examinierten Altenpflegern (dreijährige Ausbildung) schließen soll. In 96 Theorie- und 30 Praxisstunden von der Arzthelferin zur ambulanten Altenpflegerin, das ist die Idee. "So werden weder über- noch unterqualifizierte Kräfte für bestimmte Arbeiten eingesetzt, sondern genau an der richtigen Stelle", so Hoffmann. Der Anreiz? "Keinen Teildienst und Tarifverträge", antwortet Hoffmann. Das Projekt sei bislang einmalig in Deutschland. Nur in Waldshut gebe es bislang ähnliche Überlegungen.

Damit wäre der eine Aspekt des Problems angepackt – während ein neues, bundesweites Gesetz die Pflegeeinrichtungen zunehmend beschäftigt: Die generalistische, dreijährige Pflegeausbildung ab 2018. Die bislang getrennten Ausbildungen in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sollen zu einer einheitlichen Ausbildung zusammengeführt werden. Eine Spezialisierung soll weiterhin möglich sein. „Heute haben sie es im Krankenhaus immer stärker mit pflegebedürftigen Menschen und in der Pflege mit oftmals schwerkranken Menschen zu tun“, so der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU). Krankenpfleger seien beispielsweise oft unerfahren im Umgang mit Demenzkranken. Umgekehrt benötigten Altenpfleger heute ein größeres medizinisches Wissen.

In der Branche wird die Reform kontrovers diskutiert. Die Kritik kommt vor allem aus der privaten Altenpflege. Aber auch die Einrichtungen unter kirchlicher Trägerschaft sehen den Gesetzesentwurf mit gemischten Gefühlen: "Das ist gut für die Pflege insgesamt. Aber ob das gut ist für die Altenpflege, ist offen", so Andreas Hoffmann. Der Leiter des Luisenheims der Spitalstiftung, Ralf Veit, sagt: "Man muss abwarten, wie sich das entwickelt. Ich sehe das neue Gesetz auf jeden Fall als gute Chance, Mitarbeiter zu gewinnen." Eine Frage, die Kritiker anbringen, ist aber vor allem diese: Kann man drei Berufe in drei Jahren gut genug lernen? Schließlich ist der Umgang mit einem Frühchen kaum vergleichbar mit der Aufgabe, einen schwer kranken Senior beim Sterben zu begleiten. Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes sieht genau darin das Problem: "Kompetenzen einzuebnen macht Pflegeberufe nicht attraktiver – im Gegenteil: Das führt zu einer Schmalspurausbildung, die die Berufsfähigkeit nach Abschluss der Ausbildung gefährdet", so Buntenbach in einer Pressemitteilung.

Eine Meinung, die Daniel Schonhardt nicht teilt. Der Referent des Diözesancaritasverbandes Freiburg beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Pflege und berufliche Bildung. Er sagt: "Man muss das ganzheitlich sehen. Wenn man das Konzept genauer betrachtet, ist es ein Fortschritt – auch für die Altenpflege." Die generalistische Ausbildung mache den Beruf attraktiver und erhöhe das Niveau der Ausbildung. "Es geht nicht darum, die Berufe übereinander zu legen, sondern sie zu einen gemeinsamen neuen Qualifikationsprofil zu verschmelzen. " Der Abschluss soll europaweit anerkannt werden. Könnte gerade darin ein Problem für die grenznahen deutschen Einrichtungen liegen – die Abwanderung von Fachkräften in die Schweiz? "Es kann", so Schonhardt. "Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man darf in der Schweiz ja nicht nur das höhere Gehalt sehen, sondern auch die Arbeitsbedingungen und die ganzen Leistungen wie Kranken- und Rentenversicherung. Viele kommen auch wieder zurück." Was das Gehalt für die neue Ausbildung in Deutschland betrifft, darüber sind sich auch die Verhandlungsführer noch nicht einig. Fest steht bislang nur, dass die tariflichen Löhne in den einzelnen Bereichen angeglichen werden. Am 8. Juli wird der Bundesrat voraussichtlich über das Gesetz entscheiden.

Häusliche Altenpflege

  • Bedarf und Angebot: „Wenn es ganz nach Ihren Wünschen geht, wie möchten Sie im Alter wohnen?“ Das war eine der zentralen Fragestellungen der Konstanzer Bürgerbefragung 2012. Von 1179 Personen über 60 Jahren haben rund 70 Prozent geantwortet: „In meinem derzeitigen Haushalt“. Die ambulante Pflege wird also zunehmend wichtiger. 13 häusliche Pflegedienste, von Wohlfahrtsverbänden und privaten Trägern, gibt es in Konstanz und den Teilorten. Zum Stichtag 31. März 2014 wurden laut dem aktuellen Pflegebericht mehr als 800 Menschen von diesen Pflegediensten versorgt. Ein Drittel davon waren Männer. Der überwiegende Teil der betreuten Menschen war in Pflegestufe 1 (55,8 Prozent) und Pflegestufe 2 (37,0 Prozent) eingestuft.
  • Verdienst: Laut Tarifvertrag verdienen Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung 2337,43 Euro brutto im ersten Berufsjahr. Je nach Berufsjahren und Position geht das Gehalt bis maximal 3144,54 Euro brutto.
  • Zusatzausbildung: Die neue Zusatzausbildung der Caritas Konstanz richtet sich an medizinische Fachangestellte, Arzthelfer/-innen, Familienpfleger/-innen und Sanitäter/-innen. Von Ende Juni bis Mitte September 2016 gehen die Kurse im Konradihaus und in der Praxis.
  • Weitere Informationen unter www.caritas-altenhilfe-konstanz.de/altenpflegehelfer