Dingelsdorf – "Was braucht man zum Feuer machen?", wandte sich der Dingelsdorfer Steinzeit-Experte Herbert Gieß an den geschichtsinteressierten Nachwuchs. Keiner der Steinzeitfestbesucher dachte nur annähernd an Feuerzeug und Streichhölzer. Im Gegenteil: Die Grundschüler Erik und Mathis kennen sich aus und glänzten mit ihrem Wissen: "Man braucht Feuerstein und Eisenstein und – wie heißt noch mal der Pilz, der am Baum wächst? Ach ja: Zunderschwamm", erläuterte Erik. "Man kann auch Holz in Holz drehen", meinte Dieter Brdiczka, doch Herbert Gieß widersprach sofort: "Da gibt es bei uns keine Nachweise. Pyrit, Feuerstein und Zunder hat Ötzi in einer Box dabeigehabt."

Die Experimentierfreude der Dingelsdorfer Pfahlbau-Erleber kennt keine Grenzen. Herbert Gieß zeigte beim Steinzeitfest am Strandbad Klausenhorn, wie man Feuer macht. Bild: Aurelia Scherrer
Die Experimentierfreude der Dingelsdorfer Pfahlbau-Erleber kennt keine Grenzen. Herbert Gieß zeigte beim Steinzeitfest am Strandbad Klausenhorn, wie man Feuer macht. Bild: Aurelia Scherrer

Mit Spindel und Faden

Fachsimpeln und Experimentieren standen beim Steinzeitfest der Freunde und Förderer der Pfahlbauaustellung in Dingelsdorf, die sich mittlerweile "Die Pfahlbau-Erleber" nennen, im Vordergrund. Kinder und Erwachsene hatten viel Spaß beim Feuermachen, auch wenn "man dabei eine mittlere Rauchvergiftung bekommt", wie Museumsleiterin Elisabeth von Gleichenstein lachend anmerkte, als sie der kleinen Rauchwolke gewahr wurde. Der Tatendrang der Besucher war enorm: Das Steinzeit-Xylophon und die Holzflöten wurden sofort ausprobiert, das Schwirrholz zum Surren gebracht und das Spinnen getestet.

Wie bekommt man aus diesen Hölzern Töne? Erik (links) und Jonas (rechts) testeten geduldig die Steinzeitflöten. Bild: Aurelia Scherrer
Wie bekommt man aus diesen Hölzern Töne? Erik (links) und Jonas (rechts) testeten geduldig die Steinzeitflöten. Bild: Aurelia Scherrer

Fiona beschäftigte sich mit der dicken Wolle. Doch bevor sie mit dem Spinnen beginnen konnte, musste sie noch Vorarbeit leisten.

"Du musst erst die Deckhaare rausziehen. Die sind zu glatt. Wir brauchen die krausige Unterwolle, damit sich die einzelnen Haare verbinden", erläuterte Tine Gam Aschenbrenner. Geduldig zupfte das Mädchen die Wolle zurecht und zwirbelte dann gekonnt mit der Spindel einen Faden.

Fiona spann aus krausiger Unterwolle einen Faden. Bild: Aurelia Scherrer
Fiona spann aus krausiger Unterwolle einen Faden. Bild: Aurelia Scherrer

Das Spinnen war in der Steinzeit wichtig. "Flachs, Gräser und Holzbast wurden in großem Stil zu Seilen und Schnüren gesponnen, denn damit haben die Siedler ihre Häuser zusammengeschnürt.

Wie ein Pfahlhaus gebaut wurde

Zwei bis vier Kilometer Schnur wurden für ein Pfahlbauhaus benötigt", so Gam Aschenbrenner, deren Blick gen See schweifte; und zwar zu jener Stelle beim Krebsbach, wo sich die ersten Siedler vor Dingelsdorf niedergelassen hatten. Eine Informationstafel am Strandbad Klausenhorn weist jetzt auf die prähistorische Pfahlbau-Siedlung hin. "Wir wollen damit an die ältesten Dingelsdorfer erinnert", stellte Elisabeth von Gleichenstein fest und erläuterte: "Ein Pfahl konnte auf das Jahr 3826 vor Christus datiert werden."

Noch immer stößt Herbert Gieß auf Relikte der Vergangenheit. "50 Funde habe ich in diesem Jahr gemacht. Es kommt immer noch Neues raus", berichtete der enthusiastische Sammler, der sich gemeinsam mit den Pfahlbau-Erlebern immer wieder gerne der experimentellen Archäologie hingibt. "Birkenteer, den Leim der Steinzeit" haben sie jetzt hergestellt. "Damit wurden Töpfe repariert, Pfeilspitzen eingeklebt und Kaugummis hergestellt", so Gieß. Kaugummis? "Birkenteer ist antiseptisch. Das haben die Pfahlbauer, die unter Karies litten, gekaut. Das betäubt den Schmerz. Der Mund wird ganz pelzig", beschrieb Herbert Gieß, der selbstverständlich selbst den Steinzeit-Kaugummi getestet hat. Mehr verriet er aber nicht, denn im kommenden Jahr präsentieren die Pfahlbau-Erleber zu dieser Thematik eine Sonderausstellung im kleinen Museum im Dingelsdorfer Rathaus.

Das Pfahlbau-Museum

Die Pfahlbau-Erleber: 2009 wurde der Förderverein für die Dingelsdorfer Pfahlbau-Ausstellung gegründet und im Oktober 2011 das kleine Museum im Dingelsdorfer Rathaus eröffnet. Die Stärke des ehrenamtlichen Team: Sie bieten jede Menge museumspädagogische Angebote für Kinder und Erwachsene, die sich großer Nachfrage erfreuen. Alle Informationen unter: www.pfahlbau-dingelsdorf.de

Die Termine: Jeden ersten Sonntag im Monat werden kostenlose Führungen durch die Ausstellung geboten. Die nächsten Termine: Sonntag, 6. Mai, sowie zum internationalen Museumstag am 13. Mai von 14 bis 16 Uhr in der Ausstellung am Rathausplatz 1 in Dingelsdorf. Stolz sind die Pfahlbau-Erleber, dass Angelika Fleckinger, Leiterin des bekannten Ötzi-Museums, am 6. Juli nach Dingelsdorf kommt und um 19.30 Uhr einen Vortrag halten wird. (as)