Egal, welche Gründe es für ihre Zweifel gibt: Vor jeder Abtreibung muss sich eine Frau bei einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen, in Konstanz bei pro familia oder der Diakonie. Erst dann bekommt sie eine Bescheinigung ausgestellt, mit der sie bei einem Arzt oder in einer Klinik einen Termin für einen Abbruch vereinbaren kann.

Leo Lensing hat schon viele solcher Gespräche geführt. Seit 28 Jahren ist der Psychologe mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualberatung bei pro familia Konstanz. Wie viele dieser Frauen ihr Kind doch bekommen haben, weiß er nicht und könne er meist auch nach dem Gespräch nicht abschätzen.

"Die Entscheidung liegt alleine bei der Frau. Und diese Entscheidung fällt intuitiv, nicht anhand einer Pro-und Contra-Liste."Leo Lensing, Psychologe bei pro familia
"Die Entscheidung liegt alleine bei der Frau. Und diese Entscheidung fällt intuitiv, nicht anhand einer Pro-und Contra-Liste."Leo Lensing, Psychologe bei pro familia | Bild: Pfanner, Sandra

Wie stark würde ein Kind Ihr Leben beeinflussen?

Einfluss nehmen darf und will er also nicht, dennoch ist Lensing an etwas gebunden: Das Schwangerschaftskonfliktgesetz. Darin heißt es, die Beratung diene dem Schutz des ungeborenen Lebens. "Dazu stehen wir auch ganz klar", sagt Lensing. Wie passt das zusammen?

"Es ist eine ergebnisoffene Beratung, die die Frau dazu ermutigen soll, das Kind zu behalten, sie gleichzeitig aber nicht bevormunden darf", antwortet Lensing. "Wir fragen beispielsweise: Würde ein Kind ihr Leben stark oder weniger stark verändern?" Es gebe keine objektiven, allgemein gültigen Gründe ein Kind nicht zu bekommen – nur subjektive Empfindungen.

Das Schwangerschaftsalter hat sich geändert

Lensing nennt ein Beispiel. "Rein biologisch gesehen ist es das beste Alter, mit 18 oder 20 ein Kind zu bekommen". Doch passe das oft nicht mehr zu den Erwartungen der Gesellschaft. "Heutzutage eine Versorgungsehe einzugehen – da rümpfen viele die Nase."

"Der Beruf spielt eine größere Rolle als früher. Die Frauen wollen erst ein sicheres Nest schaffen, bevor sie ein Kind bekommen."Doris Wilke, Leiterin pro familia Konstanz
"Der Beruf spielt eine größere Rolle als früher. Die Frauen wollen erst ein sicheres Nest schaffen, bevor sie ein Kind bekommen."Doris Wilke, Leiterin pro familia Konstanz | Bild: Pfanner, Sandra

Dass Frauen nach einer Vergewaltigung oder einem Missbrauch zur Beratung kommen, gebe es – wenn auch sehr selten. Wilke und Lensing selbst haben eine solche Beratung in fast drei Jahrzehnten nicht erlebt, Kolleginnen hätten damit aber schon zu tun gehabt.

Nur wenige sind jünger als 20 Jahre

Meist, sagt Wilke, sind es ganz normale Beziehungen, in denen es eine ungewollte Schwangerschaft gibt. "Es kann sein, dass die Frau bereits Kinder hat und sich nicht vorstellen kann, weiteren gerecht zu werden oder die Beziehung nicht tragfähig scheint."

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Unabhängig vom Alter oder der Umstände eint all diese Frauen der enorme Druck, sich innerhalb von zwei, drei Wochen entscheiden zu müssen: Will ich dieses Kind?

Bei etwa einem Viertel der Beratungen sind die Partner dabei

Doris Wilke erlebt diesen Druck bei allen Frauen, die zu ihr in die Schwangerschaftskonfliktberatung kommen. Manchmal üben aber auch andere Druck aus. Der Partner etwa. "Wir werden schon sehr hellhörig, wenn die Frau sagt: 'Mein Freund findet das nicht so toll'. Oder wenn wir die Frau etwas fragen und der Mann antwortet." Bei etwa einem Viertel der Beratungen seien die Partner dabei, gelegentlich die Schwester oder Freundin, manchmal die Mütter der Frauen.

"Problematisch wird es dann, wenn die Begleitperson versucht, die Frau zu beeinflussen", sagt Wilke. "Es gibt auch Momente, in denen wir einschreiten. Wir behalten uns vor, die Klientin zumindest zeitweise alleine zu beraten." Spricht die Frau kein Deutsch, organisiert Pro Familia einen externen Dolmetscher. "Dass etwa der Mann übersetzt – das geht gar nicht", sagt Lensing.

Wer abtreiben will, findet kaum Infos

Ein zusätzlicher Stressfaktor für die Frauen: Wer abtreiben will, findet fast keine sicheren Informationen dazu. Im Internet gibt es zwar viele Seiten zu dem Thema. Aber nicht selten sind es falsche Informationen, die Lensing und Wilke in den Beratungsgesprächen aufklären.

Sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche werden zu einer Art Geheimwissen. Denn erst in der Beratung erfahren die Frauen, wie das Versorgungsnetz vor Ort ist. In Konstanz etwa gibt es eine Praxis, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Aber das Angebot schwankt stark von Region zu Region. "Schon jetzt gibt es ganze Regierungsbezirke, in denen Ärzte keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen", berichtet Wilke.

Gegen eine Zwangsberatung

Deshalb sind Wilke und Lensing der Ansicht: Der Paragraf 219a gehört abgeschafft. Es sei dringend notwendig, Frauen umfassend zu informieren und Ärzte zu entkriminalisieren. "Wir befürworten außerdem eine freiwillige Beratung, wie es in der Schweiz usus ist", so Wilke. Die aktuelle Debatte über Schwangerschaftsabbruch sehen sie kritisch. "Ich sehe das Selbstbestimmungsrecht der Frau durchaus wieder zunehmend in Gefahr", sagt Wilke.

Junge Frauen heute sind mit dem Gedanken aufgewachsen, dass sie frei entscheiden dürfen, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht. Vielleicht stellen sie noch die Frage, ob sie es selbst je könnten: eine Schwangerschaft abbrechen. Aber sie stellten sich nicht die Frage, ob es generell möglich sein sollte.

Gerade aber wird das, was diese Frauen immer als persönliche Entscheidung verstanden haben – und bei dem die Fallzahlen nebenbei bemerkt zurückgehen- wieder zum Politikum. Nicht nur im Netz oder bundesweiten Diskussionen, sondern auch vor der Türe von pro familia.

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Demonstrationen vor der Beratungsstelle

Eine Postkarte mit Beschimpfungen landet auch in der Konstanzer Beratungsstelle immer mal wieder. Wilke weiß aber von anderen pro familia-Beratern, dass die Kritik größere Dimensionen annimmt. In Frankfurt, München oder Pforzheim etwa demonstrierten vergangenes Jahr und dieses Jahr an Ostern christlichen Fundamentalisten 40 Tage lang vor der Beratungsstelle von pro familia, hielten Plakate hoch, beteten und sangen. Die weltweite Initiative „40 Days for Life – 40 Tage für das Leben“ geht von den USA aus und hat in Deutschland Ableger gefunden.

"Das sind keine Demonstrationen, das sind Belagerungen. "Es empört mich auch persönlich, wenn Menschen mich diffamieren und behaupten: du bist derjenige, der für Abtreibungen sorgt", sagt Lensing. Wilke ergänzt: "Es ist wichtig, dass wir in diesem Fall unser Beratungsangebot aufrecht erhalten und unsere Klientinnen schützen. Das ist auch unser gesetzlicher Auftrag."

Wilke denkt dabei nicht nur an die, die wegen eines möglichen Abbruchs zu ihr und ihren Mitarbeitern kommen – das sind vergleichsweise sehr wenige. "Es kommen auch Frauen nach einer Fehlgeburt zu uns. Sollen die von diesen Menschen ungewollt mit Fotos konfrontiert werden, die angeblich abgetriebene Föten zeigen? Das wollen wir verhindern und hoffen auch auf die Unterstützung von anderen Beratungsstellen und Institutionen in der Stadt", sagt Wilke.

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Kontakt zu den Beratern unter Telefon 07531/26390 oder Email: konstanz@profamilia.de